https://www.faz.net/-gqz-acviq

Podcast über Ken Jebsen : Die Stimme aus einer anderen Welt

Bild: dpa

Eine Hörserie befasst sich mit Ken Jebsen, einem Verschwörungsprediger, der in rechten Kreisen und bei Querdenkern gut ankommt. Was steckt hinter dem Erfolg dieses Mannes?

          3 Min.

          Die Angst ist in unseren Köpfen, und die Angst wird getriggert von außen“, raunt Ken Jebsen den Zuhörern ins Ohr. Jebsen, der mit bürgerlichem Namen Kayvan Soufi-Siavash heißt, galt als Nachwuchstalent des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Jetzt, im Frühjahr dieses Jahres, stufte der Berliner Verfassungsschutz „KenFM“, Jebsens Medienplattform, als Verdachtsfall ein. Welche Entwicklung liegt dazwischen? Danach fragt der sechsteilige Podcast „Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen?“. Er beschreibt anhand von Jebsens Vita, was Verschwörungstheorien, die auf Multiplikation dressierten Algorithmen sozialer Medien und ausländische Desinformationskampagnen anrichten. Für Radio Fritz, den Jugendsender des rbb, produzierte Jebsen von 2001 bis 2011 die damals innovative Sendung „KenFM“: Nicht im Studio, sondern auf den Straßen Berlins moderierte Jebsen ein wildes Potpourri aus Live-Musik, Interviews, kuriosen Rubriken und Höreranrufen. Besonders markant war sein impulsiver Moderationsstil, sein rasantes Sprechen.

          Anna Schiller
          Volontärin.

          Der Podcast zeichnet mit Anekdoten von Weggefährten und Archivaufnahmen das Porträt eines Mannes, der überzeugt ist, einmal ein großer Showmaster zu werden. Doch immer häufiger verliert sich Jebsen in wirren Monologen. Wir hören, wie Jebsen beim rbb ungehindert Verschwörungsmythen verbreitete. Unwidersprochen behauptete er, die Massenmedien seien nicht mehr unabhängig; rief dazu auf, nicht wählen zu gehen, und produzierte eine Sondersendung zur „Terrorlüge 9/11“ – in einem Jugendradiosender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 2011 entließ der rbb Jebsen.

          An der Produktion des Podcasts war der rbb neben Studio Bummens, dem NDR und der Produktionsfirma K2H beteiligt. Dass der Sender, der sich seinerzeit mit der aufkommenden Kritik an Jebens erst schwertat, umfassendes Archivmaterial aus Jebsens Sendung bei Radio Fritz bereitstellt, kann man als späte Selbstkritik werten. An der Produktion der zweiten Folge, die seine Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk näher beleuchtet, wirkte der rbb wegen einer Verschwiegenheitsvereinbarung jedoch nicht mit.

          Im Kaninchenbau der Verschwörungsmythen

          Ist es legitim, einem Verschwörungsprediger so viel Raum zu geben? „Ken Jebsen ist einer der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker Deutschlands. Wir wissen aber auch: Es gab mal einen anderen Ken Jebsen. Durch das Nachzeichnen seines Weges wollen wir zeigen, wie so eine Person überhaupt entstehen kann. Ken Jebsen ist für uns ein Einstiegspunkt, um über die größeren Zusammenhänge zu sprechen“, sagt Khesrau Behroz, Autor des Podcasts, im Online-Interview. Die einzelnen Folgen widmen sich Schlüsselerlebnissen im Werdegang Jebsens: der Entlassung durch den rbb, einem Auftritt bei einer Querdenken-Demonstration, einer Reise auf die Krim. „Wir geben Ken Jebsen in unserem Podcast keine Bühne, denn er folgt unserer Dramaturgie, unserer Geschichte, die wir erzählen. Wir entscheiden, wann wir Aussagen von Ken Jebsen stehen lassen, weil er sich selbst entlarvt, und wann wir sie einordnen müssen.“

          Diesen Spagat schafft die Produktion tatsächlich und bietet ein für hiesige Verhältnisse ungewöhnliches Hörerlebnis. Mit Eurodance zieht der Podcast die Zuhörer eingangs in das Berlin der Jahrtausendwende. Weggefährten schildern die Zusammenarbeit mit Jebsen, der zunehmend exzentrisch wird. Eindrucksvoll sind die längeren Sequenzen, die aus Sendungen von Jebsen übernommen werden. Sie erlauben einen Blick von außen in den Kaninchenbau der Verschwörungsideologien. Den Zuhörer hinterlassen die Ausschnitte häufig erst einmal ratlos: Die Monologe sind so abstrus, die Thesen so krude, dass unbegreiflich ist, wie sie eine große Anhängerschaft überzeugen können. Die dahinterstehenden Argumentationsmuster werden in Einspielern jedoch eingeordnet. Komplexe Zusammenhänge, so auch die Programmierungen der Algorithmen sozialer Netzwerke, werden kompakt erläutert. Der Podcast kombiniert investigativen Journalismus mit Unterhaltung. Er wird zur Collage, die das Ineinandergreifen der Faktoren veranschaulicht, die den Erfolg von Verschwörungserzählungen ausmachen. Mitschnitte von Querdenken-Demonstrationen zeigen, welches Mobilisierungspotential in den Desinformationskampagnen steckt, wie sie die Gesellschaft spalten.

          Vor wenigen Tagen wurde Jebsens Website von der Aktivistengruppe Anonymous gehackt. Sie legte seinen Auftritt kurzzeitig lahm und behauptete, sie habe Daten von Abonnenten und Spendern gestohlen. Die offizielle Medienaufsicht hat den Verschwörungstheoretiker ebenfalls im Visier. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hat Anfang Mai ein Verfahren gegen „KenFM.de“ eingeleitet, weil Jebsen gegen die journalistischen Sorgfaltspflichten verstoße. Sollte er den Auflagen nicht nachkommen, könnte seine Seite abgeschaltet werden. Für diesen Fall hat Jebsen den Umzug unter eine ausländische Adresse bereits angekündigt.

          Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen? ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen abrufbar. Neue Folgen erscheinen sonntags. Radioeins strahlt sie sonntags um 20 Uhr, N-JOY um 21 Uhr aus. Bei rbbKultur sind die Episoden montags um 19 Uhr zu hören.

          Weitere Themen

          Die tote Stadt wird lebendig

          Buch über Pompeji : Die tote Stadt wird lebendig

          Ein geschärfter Blick für Funde des Alltags: Massimo Osanna entwirft ein neues Bild von Pompeji, in dem auch Graffiti und Fast Food Platz finden.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Nicht viel los: Ein mobiles Impfzentrum in Sachsen

          Nachlassendes Impftempo : Mehr Impfdruck, bitte!

          Sobald Politiker festlegen, dass Geimpfte in der vierten Corona-Welle mehr Freiheiten genießen werden, bricht der Shitstorm los. Aber es wird so kommen. Und es ist völlig legitim.

          Quarantäne bei Olympia : Athleten als Handelsreisende

          Der Ärger um die Quarantänebedingungen für infizierte Sportler bei den Olympischen Spielen in Tokio legt kulturelle Unterschiede zwischen West und Ost offen. Radsportler Geschke ist endlich auf dem Heimweg.
          Lina Khan: Profilierte Kritikerin des Silicon Valley

          FTC-Chefin Lina Khan : Sie könnte Amazon und Facebook das Fürchten lehren

          Lina Khan gehört zu den größten Kritikern der großen Internetfirmen in den USA. Jetzt soll sie die Aufsicht über die Konzerne übernehmen. Ein Porträt über die einflussreiche Gegenspielerin des Silicon Valley.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.