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TV-Film „Keiner schiebt uns weg“ : Richtige Arbeit für richtiges Geld

  • -Aktualisiert am

Ungerecht: Rosi Kessler (Katharina Marie Schubert, links), Lilli Czipowski (Alwara Höfels) und Gerda Rapp (Imogen Kogge) stellen fest, das ihr Kollege mehr verdient. Bild: WDR

Die WDR-Produktion „Keiner schiebt uns weg“, in der Frauen im Jahr 1979 für gerechte Bezahlung kämpfen, beruht auf einer wahren Begebenheit. Das Problem ist geblieben, die Arbeitsbedingungen haben sich geändert.

          3 Min.

          Gelsenkirchen, 1979. Hier, mitten im Ruhrpott, hat das Lebensgefühl drei Eckpfeiler. Den Fußball, die Maloche und das „Herrengedeck“ (Bier und Klarer) in der Kneipe um die Ecke. Zu hohen Feiertagen geht man „auf Schalke“; die Dortmunder Union Brauerei braut noch zwei Millionen Hektoliter Bier pro Jahr. Bei Zechenschließungen wird das Steigerlied gesungen. Der „Strukturwandel“ ist in vollem Gange, ohne dass die Politik den Euphemismus schon entdeckt hat. Der Mentalitätswandel braucht ohnehin viel länger. Arbeitslose Kumpel suchen einstweilen neue Stellen, etwa bei „Foto Kunze“, einem Großlabor zur Bilderentwicklung, in dem bis vor kurzer Zeit seit dreißig Jahren fast nur Frauen gearbeitet haben. Sie warten seit eh und je die großen Maschinen mit den Endlosfotostreifen, kontrollieren, tüten ein, sind für alles zuständig.

          Von den abgebildeten Urlaubsmotiven können sie nur träumen. Genauso wie von der Summe, die bei den Männern für gleiche Arbeit auf dem Lohnzettel steht. In die Chefetage hat es eine einzige Frau geschafft, die kinderlose Frau Radtke (Johanna Gastdorf). Ihr Rat an die zunächst wegen der Ungleichbehandlung nur murrenden Kolleginnen: Dreimal so viel arbeiten müsse man als Frau, dreimal so hart sein, dreimal so gut. Und dann auf die Anerkennung des Vorgesetzten hoffen.

          Lilli Czipowski (Alwara Höfels), Gerda Rapp (Imogen Kogge) und Rosi Kessler (Katharina Marie Schubert) haben aber schon eine Dreifachbelastung zu wuppen: Sie sind berufstätig, kümmern sich um Kinder und um den Haushalt. Erst seit wenigen Jahren dürfen sie überhaupt ohne die Zustimmung des Gatten erwerbstätig sein. Rosi hat noch bei der Einstellung die Unterschrift ihres Mannes Wolfgang (Martin Brambach) auf ihrem Arbeitsvertrag gefälscht. Er vermutet sie in der Volkshochschule. Tochter Stella (Tabea Willemsen) glaubt an eine Affäre. Gerda, schon siebenundzwanzig Jahre bei Kunze und Witwe, hat eine Vergangenheit als lokaler Schlagerstar und dichtet das künftige Kampflied der Frauen. Den Stein ins arbeitsrechtliche Rollen aber bringt Lilli, die Höfels in einer grundsympathischen Heldinnenrolle präsentiert. Als sie entdeckt, dass ihr Mann Kalle (Karsten Antonio Mielke) sie nicht nur mit der jungen Melanie (Marie Burchard) betrügt, sondern auch noch erheblich mehr verdient als sie, organisiert sie mit Hilfe des Betriebsrats Ritschi Blaschke (Christoph Bach), der aus dem Osten „rübergemacht“ hat, und der Gewerkschaft eine Sammelklage von neunundzwanzig Frauen gegen ihren Arbeitgeber.

          Während Seniorchef Kunze (Wolfgang Pregler) Verständnis zeigt, erfindet sein schnittiger Geschäftsführer Blum (Robert Schupp) nach der erstinstanzlichen Niederlage der Klägerinnen Schikanen, die den weiblichen Gerechtigkeitskampfgeist brechen sollen. Nur noch „Leichtlohnarbeiten“ seien ihnen, bei entsprechend reduziertem Salär, zuzumuten. Neue Fürsorgeregeln. Die Gesetzeskommentare zum Arbeitsrecht bestätigen ihn. Insbesondere der weibliche Körperbau, so liest Lilli am Telefon einer Mitstreiterin vor, prädestiniere Frauen für Tätigkeiten in Bodennähe. Auch die intellektuelle Minderleistung lasse kaum verantwortungsvolle Aufgaben zu. Lachhaft. Schließlich gewinnen die „Kunze“-Frauen in höherer Distanz. Noch wichtiger ist aber die breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die sie durch Boulevardhomestorys und im Fernsehen erreichen. Das Thema ist auf der Agenda, und auch Jahrzehnte später ist es immer noch da.

          „Keiner schiebt uns weg“ (Regie Wolfgang Murnberger, Buch Sebastian Orlac und Ulla Ziemann, Kamera Peter von Haller) entblättert zunächst einen nostalgischen Ruhrpottgefühl-Bilderbogen. Das wirkt authentisch dargestellt und ist im Großen und Ganzen erstaunlich unterhaltsam für ein so sprödes unerledigtes Thema wie „gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“.

          Der Film basiert auf dem tatsächlichen Fall der „Heinze“-Frauen, die einst adäquate Bezahlung vor Gericht erstritten. Als nostalgisches Stück von zeithistorischer Bedeutung geht „Keiner schiebt uns weg“ auch gut durch. Gegen Ende macht die WDR-Produktion aber überdeutlich, dass sie auch zukunftsweisend sein will. Mit moderner Arbeitswelt (Stichwörter Industrie 4.0 und Digitalisierung) jedoch hat dieser ausschließlich auf die Solidarität der Arbeiterklasse, auf Betriebsrat und Gewerkschaft setzende Film genauso viel zu tun wie die sozialromantischen Vorstellungen auf einem SPD-Parteitag mit der aktuellen Realität. Naiv, aber immerhin gut gemeint.

          In der Werkstatt: Lilli Czipowski (Alwara Höfels) braucht ein neues Auto, Mechaniker Wolfgang Kessler (Martin Brambach) überschlägt die Kosten.

          Keiner schiebt uns weg, heute, um 20.15, im Ersten.

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