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Panne bei Jahresrückblick : Facebooks elektronische Taktlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Facebooks Algorithmus blickt nur auf Schönes zurück. Das Leben spielt oft anders. Bild: Reuters

Nicht jedes Jahr ist so toll, wie es der Algorithmus vorsieht: Einem amerikanischen Nutzer wurde von Facebooks automatisiertem Jahresrückblick das Bild seiner verstorbenen Tochter präsentiert.

          Mit einem automatisch erstellten Jahresrückblick hat Facebook bei einigen seiner Nutzern für Unmut gesorgt, die auf tragische Erinnerungen wenig Wert legten. Die App stellt von den Nutzern gepostete Fotos zu einer vermeintlich unverfänglichen Retrospektive mit den „Highlights“ von 2014 zusammen, durch die sich wie durch eine kleine Diashow scrollen lässt - unter der Überschrift: „Es war ein tolles Jahr! Danke, dass ihr dabei wart!“

          Was die Macher nicht bedachten: Nicht Jedermanns Jahr war allein von tollen Momenten geprägt. Der Webdesigner Eric Meyer, der seine sechsjährige Tochter im vergangenen Jahr an Krebs verlor, fand es eine Zumutung, dass ihn die App ungefragt aufforderte, einen eigenen Jahrensrückblick zu erstellen. „Eric, so sah dein Jahr aus!“ hieß es da über einem Foto seiner Tochter, das von tanzenden Figuren und Luftballons eingerahmt war.

          „Diejenigen von uns, die den Tod eines anderen überlebten, die Zeit im Krankenhaus verbrachten, die einen Job verloren oder eine Scheidung durchmachten oder eine andere von zahllosen Krisen möchten vielleicht keinen zweiten Blick auf dieses Jahr werfen“, schrieb Meyer in seinem Blog. Facebook hätte die Möglichkeit offenlassen müssen, sich aus der App auszuklinken, anstatt naiv einen idealisierten Nutzer  zu definieren, der „gut drauf ist und ein tolles Leben hat“ und ihn mit dem automatisch generierten Jahresrückblick zu überfallen. Es sei vielleicht zu schwierig für eine App, zu bestimmen, ob ein Nutzer einen Rückblick aufs vergangene Jahr werfen wolle oder nicht, schrieb Meyer weiter. „Aber es ist nicht zu schwierig, zumindest höflich zu fragen.“

          Jonathan Gheller, der Facebook-Verantwortliche für die App, hat sich inzwischen für die potentielle elektronische Taktlosigkeit entschuldigt und auch Meyer selbst kontaktiert. Die App nutze unter anderem die Anzahl von Reaktionen auf einen bestimmten Post zu seiner Auswahl für den jeweiligen Jahresrückblick, sagte Gheller gegenüber der „Washington Post“, und man werde dies bei ihrer Verbesserung berücksichtigen.

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