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Grimme-Preise 2015 : Kein Herz für Klassiker-Action

Die Darsteller Ulrich Tukur und Ulrich Matthes, Michael Proehl (Buch), Florian Schwarz (Regie) und Liane Jessen (Redaktion) bekommen den Grimme-Preis für eine „Tatort“-Folge: „Im Schmerz geboren“ (HR). Bild: HR/Philip Sichler

Was ist mit der „Spiegel-Affäre“, und haben die Privatsender wirklich nichts Ehrenswertes produziert? Der theatralischste und blutigste „Tatort“ aller Zeiten triumphiert bei den Grimme-Preisen.

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          Wenn diese Stücke für das deutsche Fernsehen typisch sind, die sich die Jury des Grimme-Preises in diesem Jahr als Preisträger ausgeguckt hat, fragt man sich, woher die Direktorin des Grimme-Instituts ihren Optimismus nimmt. Das Fernsehjahr sei „in ganz besonderer Weise vielfältig“ gewesen und zeige „erfreuliche Ansätze zu programmlichen Innovationen“, sagte Frauke Gerlach bei der Vorstellung der Preise an diesem Mittwoch. Da fragt man sich nur, wie der Beobachter eines Pferderennens in dem berühmten Loriot-Sketch: Ja, wo laufen sie denn?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie laufen nur bei ARD und ZDF, die von den Grimme-Jurys mit Preisen bedachten Filme. Was kein Wunder ist, da die Privatsender nur wenig Eigenständiges hervorbringen. Was aber auch zeigt, dass man in Marl kein Herz für fulminantes Klassiker-Actionfernsehen hat wie etwa den „Götz von Berlichingen“ von RTL. Also hält man sich ans Übliche, an das, was die Öffentlich-Rechtlichen wirklich gut können und sich bis zu zehn Millionen Zuschauer sonntagabends ansehen – den „Tatort“. Und zwar nicht irgendeinen, sondern den theatralischsten und blutigsten aller Zeiten, den „Tatort – Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur, Ulrich Matthes und Alexander Held, an dessen Ende ein Showdown sondergleichen vor dem Wiesbadener Kurhaus stand. Dass Matthes und Tukur für ihr Duell unter alten Kollegen und Freunden einen Preis verdient haben (Buch, Regie und Redaktion auch), unterliegt keinem Zweifel.

          Mit der Unterhaltung tut man sich schwer

          Das gilt auch für die weiteren Preisträger in der bei Grimme sogenannten „Kategorie Fiktion“: „Der Fall Bruckner“ mit Corinna Harfouch als in jeder Hinsicht herausgeforderten Jugendamtsmitarbeiterin; der Geschichte eines Journalisten mit höchsten politischen Ambitionen und dessen leidensfähiger Ehefrau in „Männertreu“ (mit Suzanne von Borsody und Matthias Brandt); der fabelhaften Mauerfall-Komödie „Bornholmer Straße“ mit Charly Hübner und die von Jan Georg Schütte entworfene Improvisationsschlacht „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“, die auch den Publikumspreis der „Marler  Gruppe“ erhält.

          Fehlt was? Ja, der Film „Die Spiegel-Affäre“ fehlt mit einem außergewöhnlich anverwandelten Francis Fulton-Smith als Franz Josef Strauß. War zwar nominiert, bekam aber unverdientermaßen keinen Preis. Und eine preisverdächtige Serie oder ein Mehrteiler, daran mangelt es auch.

          Doch sollen wir uns in puncto „Innovationen“ im Fernsehen auf die Unterhaltung stürzen? Damit tut man sich bei Grimme traditionellerweise schwer, und man hat nicht den Eindruck, dass sich das so schnell ändert. Von dem bei den Privatsendern durchaus gepflegten Showfernsehen ist nichts zu sehen, auch nicht von wieder eingeführten Klassikern wie „Dalli, dalli“. Die Preise gehen vielmehr an „Mr. Dicks – Das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ (EinsFestival/WDR), an dessen Entstehung der Wellenchef von WDR-1Live Jochen Rausch beteiligt war, und an eine Ausgabe der ZDF-Kabarettsendung „Die Anstalt“.

          Es wird Zeit für eine solche Leistung

          Aus einem größeren Fundus konnte derweil die Grimme-Jury schöpfen, die sich um die Kategorie „Information & Kultur“ kümmert. Sie zeichnet den wagemutigen Krisenreporter  Marcel  Mettelsiefen  für seinen Film „Die Kinder von Aleppo“ (ZDF/Arte) aus, der den Krieg in Syrien anhand des Schicksals einer Familie und Nachbarschaft schildert. Marc Wiese erhält einen Preis für „Camp 14“, in dem er die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, dem es als bislang einzigen Menschen gelungen ist, aus einem nordkoreanischen Vernichtungslager zu fliehen. Weitere Preise gehen an den Dreiteiler „Akte D“, der von der Geschichte  der  Bahn,  der  Stromkonzerne  und der  Justiz  im  Dritten  Reich  und  in  der  Nachkriegszeit  handelt;  den Film „Nach  Wriezen“ über drei junge  ehemalige Straftätern und das  Südsudan-Porträt  „Wir  waren  Rebellen“.

          Der Sonderpreis des Landes NRW und die  Besondere  Ehrung  des  Deutschen  Volkshochschulverbands (DVV) – des Stifters des Grimme-Preises –,  geht an die Auslandskorrespondenten Ina  Ruck  vom WDR  und  Dietmar Ossenberg  vom ZDF. Dass innenpolitische Stoffe fehlten, wie die Grimme-Direktorin Gerlach sagte, fällt schon auf. Für eine journalistische Prämienleistung im Fernsehen zum NSU-Skandal wäre es langsam an der Zeit.

          Die Zeit bis zum folgenden, dem 52. Grimme-Preis, soll in Marl derweil genutzt werden, die Statuten zu überarbeiten. Das ist in der Tat überfällig und die Gelegenheit ist günstig. Der Deutsche Fernsehpreis ist kürzlich sang- und klanglos verschwunden und kehrt so bald nicht wieder. Gäbe es nicht den Bayerischen Fernsehpreis, sähe es für die Branche ganz dürftig aus. Am 27. März werden die Grimme-Preise im Theater Marl vergeben. Der WDR zeigt von 19 Uhr an einen Livestream, 3sat überträgt zeitversetzt von 22.25 Uhr an.

          Die Preisträger des 51. Adolf-Grimme-Preises 2015

          Bei der 51. Veranstaltung der Adolf-Grimme-Preise werden folgende Filme und Fernsehschaffende ausgezeichnet:

          Wettbewerb Fiktion:
          „Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ (WDR/NDR)
          „Bornholmer Straße“ (MDR/ARD Degeto/rbb)
          „Der Fall Bruckner“ (BR)
          „Männertreu“ (HR)
          „Tatort - Im Schmerz geboren“ (HR)

          Wettbewerb Information:
          „Akte D“ (WDR/ MDR/ BR)
          „Camp 14 - Total Control Zone“ (WDR/ BR/ ARTE)
          „Die Kinder von Aleppo“ (ZDF/ ARTE/ Channel 4)
          „Nach Wriezen“ (rbb)
          „Wir waren Rebellen“ (ZDF)

          Wettbewerb Unterhaltung:
          „Mr. Dicks - Das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ (EinsFestival/ WDR)

          Sonderpreis Kultur des Landes NRW:
          „Ab 18! 10 Wochen Sommer“ (ZDF/3sat)

          Publikumspreis der Marler Gruppe:
          „Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ (WDR/NDR)

          Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes:
          Ina Ruck und Dietmar Ossenberg für ihre herausragenden Leistungen als Auslandskorrespondenten

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