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Kein Brexit bei Pilcher : Uns bleibt immer noch Cornwall

Schöne Aussichten: In „Rosamunde Pilcher: Verlobt, verliebt, verwirrt“ finden Julia (Theresa Scholze) und Jamie (Steffen Groth) zueinander. Gedreht wurde die Jubiläumsfolge Nummer 100 in Newquay. Bild: ZDF und JON AILES

So endet eine immer schon schwierige Liebe: Die Briten und Europa trennen sich. Da könnte man es glatt beruhigend finden, dass sich das vom ZDF erträumte Pilcher-England niemals vom Kontinent lossagt.

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          Die Liebe ihres Lebens suchen sie alle, all die deutschen Fernsehschauspieler, die jenseits des Ärmelkanals das Glück finden – dort, wo die Kreidefelsen schroff, die Herrenhäuser malerisch, das Teegebäck zart und die Herzen unter den Tweedjackets empfindsam sind. Und das geht so: Eine junge attraktive Frau, wahlweise Tochter des Landarztes, Schriftstellerin, Musikstudentin, Erbin einer Gin-Destille oder eines Landhotels, kommt aus London oder einem anderen kalten Ort der Welt zurück nach Cornwall. Sie will ihr Erbe antreten, heiraten, eine Galerie aufmachen oder sonst etwas Hübsches tun. Aber dann geht der Stiefvater auf See verschollen, ein böser Investor aus Kanada taucht auf, der Destillenbesitzer verliert den Geschmackssinn, und zu allem Überfluss taucht noch eine abgelegte Liebe auf in Gestalt des gutaussehenden Ian/Stephen/Henry/Christopher, der doch die große wahre einzige Liebe war, dem aber nun dummerweise mindestens der Verlobte im Wege steht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine Girlande nach der anderen windet die vollständig märchenhafte Handlung bis zu ihrem nie in Frage stehenden Happy End durch ein im ewig sommerlichen Sonnenschein leuchtendes Südengland. Der Wind streichelt sanft über den Lavendel und zaust wohlgekämmtes Haar, der Rasen ist gepflegt, und die Unterhaltungen der gehobenen Gesellschaft, in der wir uns hier bewegen, sind es natürlich ebenso. Hauptsache, die Heldin der jeweiligen Episode, die meist die Qual der Wahl zwischen mehreren blendenden Partien hat, ist am Ende glücklich liiert. Die Destille gerettet. Der Investor vergrault. Alle sind glücklich. Sieht so Protektionismus aus?

          Reiseführer ins Fabelengland

          Wer am Ende einer Woche genug hat von der schmutzigen deutschen Realität im Herzen Europas und nicht auch noch in kriminelle Abgründe blicken will, schaltet jedenfalls hierzulande, wann immer es geht, nicht den „Tatort“ im Ersten ein, sondern „Rosamunde Pilcher“ im Zweiten. Um die sieben Millionen Zuschauer finden sich zuverlässig zum Eskapismus auf Knopfdruck ein – Deutschland teilt sich zwischen Sonntagabendkrimi und Sonntagabendherzschmerz ungefähr so auf wie Großbritannien zwischen Brexit-Befürwortern und -Gegnern. Cornwall aber, die deutsche Fernseh-Grafschaft für den Traum vom besseren Leben, erwidert unsere Liebe mehrheitlich nicht. Mit 52,6 Prozent hat Süwestengland für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Vielleicht liegt das auch daran, dass die meisten Touristen im Pilcher-Land aus dem Vereinigten Königreich kommen.

          Sand in den Schuhn, das Festland so fern: Julia und Jamie zögern vor dem Zusammenschluss
          Sand in den Schuhn, das Festland so fern: Julia und Jamie zögern vor dem Zusammenschluss : Bild: ZDF und Jon Ailes

          Dabei hat das deutsche Fernsehen eine Menge dafür getan, mehr Deutsche auf die vom Atlantik, Ärmelkanal und von der Keltischen See umtoste Halbinsel mit dem milden Klima zu locken. Seit knapp einem Vierteljahrhundert lädt das ZDF mindestens fünfmal im Jahr zum Kurztrip auf Knopfdruck in eine erträumte Landschaft ohne Betonbausünden, hässliche Konflikte oder Müll am Straßenrand ein. Wenn Migranten auftauchen, dann höchstens als hoch ausgebildeter muslimischer Arzt, der selbstverständlich monogam lebt, anders als der Titel von „Ein Doktor und drei Frauen“ nahelegte. Dabei liegt Fremdenfeindlichkeit dem Pilcher-Land fern wie jede andere unschöne menschliche Regung. Es gibt nur keinen Fremden oder Unterklassemenschen oder sonstige Problemindividuen auf diesem Territorium, mit dem das echte Cornwall zum Glück wenig gemein hat. Man darf auch nicht davon ausgehen, dass die Zuschauer von „Rosamunde Pilcher“ so naiv wären, diese fiktive Welt für wahr oder auch nur wünschenswert zu halten. Sie ist Teil eines erdachten Fabelenglands, aus dem auch die After-Eight-Werbung stammte oder „Dinner For One“.

          Der nächste Herrensitz ist immer in Reichweite: Julia und Davi freuen sich auf ihre Hochzeit in „Verlobt, verliebt, verwirrt“
          Der nächste Herrensitz ist immer in Reichweite: Julia und Davi freuen sich auf ihre Hochzeit in „Verlobt, verliebt, verwirrt“ : Bild: ZDF und Jon Ailes

          An die Romanvorlagen der „Muschelsucher“-Autorin Rosamunde Pilcher halten sich die Drehbücher übrigens nur noch lose. Trotzdem ist alles so idyllisch, dass der inzwischen pensionierte verantwortliche Hauptredaktionsleiter des Senders vor einiger Zeit sogar den British Tourism Award erhielt, für seine Verdienste um die englische Reisewirtschaft. Tatsächlich liest sich die Liste der Drehorte, an denen die mittlerweile hundertdreißig Folgen entstanden sind, wie ein Reiseführer: So ziemlich jeder Landsitz, der im National Trust ist, befindet sich auf der Liste und an landschaftlichen Schönheiten so ziemlich jeder hübsche Fleck an der Küstenlinie: von den Bedruthan Steps über die Gull Rocks bis zu Land’s End.

          Und wie blicken wir nach dem Brexit auf Rosamunde Pilchers Cornwall? Kein bisschen anders als zuvor. Nur dass Märchenengland noch ein Stückchen weiter weg vom Kontinent ins Reich der Phantasie gerückt ist. Für alle, die weiter von Europa träumen wollen, ist ein Trost, dass einige der Schlösser, die als „Pilcher“-Kulissen herhalten mussten, sich gar nicht in Cornwall befinden – sondern wie Ardverikie House und Ashford Castle in Schottland und Irland.

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