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Kein Autorenstreik in Deutschland : Bei uns ist der Text nicht so wichtig

  • -Aktualisiert am
Deutsche Drehbuchautoren zeigen sich solidarisch mit ihren amerikanischen Kollegen

Deutsche Drehbuchautoren zeigen sich solidarisch mit ihren amerikanischen Kollegen Bild: AP

Der Streik der Drehbuchautoren in Hollywood wird weithin beachtet. Die Traumfabrik taumelt bedenklich. Hierzulande gibt es keine Gewerkschaft und wenig Anerkennung. Einen Autorenstreik wird es nicht geben.

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          Ende November hat es auch die europäischen Autoren nicht mehr hinter ihren Schreibtischen gehalten. In London, Paris, Amsterdam und Berlin sind sie auf die Straße gegangen, um Solidarität mit den streikenden Kollegen in Hollywood zu demonstrieren. Und um der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen: Hallo, wir sind auch noch da. Das ist, ehrlich gesagt, nicht weiter aufgefallen. Achtzig Demonstranten standen in Berlin vor dem Brandenburger Tor, und das auch nur, weil sich einige Regisseure angeschlossen hatten, um sich solidarisch zu erklären mit denen, die sich solidarisch erklärten. Danach sind alle wieder an die Schreibtische zurückgekehrt.

          Während in den Vereinigten Staaten die Golden Globes abgesagt wurden, um die Oscar-Verleihung gezittert wird und viele Seriendrehs auf Eis liegen (siehe auch: Autorenstreik: Fallen jetzt auch die Oscars aus?), weil es keine Bücher mehr gibt, wird in Deutschland weitergeschrieben und -gedreht. „Nirgendwo in Europa wird es Autorenstreiks geben“, sagt Katharina Uppenbrink, Geschäftsführerin beim Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD), der zu dem Novemberprotest aufgerufen hatte. Denn anders als die Hollywood-Autoren mit ihrer Writers Guild of America (WGA) sind die deutschen Schreiber nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Mitgliedschaft in Berufsverbänden ist freiwillig. Es gibt keine festgelegten Mindestsätze für Honorare. Und auch keine prall gefüllten Streikkassen.

          Deutsche Autoren sind Einzelkämpfer

          „Deutsche Autoren sind es gewohnt, Einzelkämpfer zu sein“, sagt Torsten Dewi, der die Pro-Sieben-Telenovela „Lotta in Love“ geschrieben hat. Es gibt hierzulande kein über die Jahrzehnte gewachsenes Studiosystem. Stattdessen geben die Fernsehsender den Ton an. Und die meist freischaffenden Autoren spielen eine gänzlich andere Rolle als in den Vereinigten Staaten. „Wir werden nicht als Kreatoren begriffen. Uns kann jeder reinreden“, erklärt Johannes W. Betz, von dem unter anderem das Buch zum Sat.1-Filmerfolg „Der Tunnel“ stammt. Bücher werden in der Regel von Produktionsfirmen und Sendern angestoßen, und die haben sehr genaue Vorstellungen von dem, was geschrieben werden soll. Vor allem die Sender weichen oft keinen Millimeter von ihren Zielgruppenvorgaben ab, deren Vorlieben in aufwendigen Marktforschungen ermittelt wurden.

          Eine Autorengewerkschaft wie in Amerika gibt es hierzulande nicht
          Eine Autorengewerkschaft wie in Amerika gibt es hierzulande nicht : Bild: AP

          Die einen wollen Aufträge, die anderen Quote. Autoren, die versuchen, sich in diesem Prozess mit eigenen Ideen durchzusetzen, haben es schwer. „Oft werden acht Drehbuchfassungen geschrieben, von denen die Mehrzahl den Ängsten in den Sendern geschuldet ist: Kann man das so machen? Akzeptieren das die Zuschauer? Ist das zu kompliziert? Das Vertrauen in die Autoren fehlt“, sagt Betz.

          Eigentlich ist die Situation in Deutschland noch verzwickter als in den Vereinigten Staaten. Es gibt zwar übliche Honorare: Ein Buch für einen Fernsehfilm bringt 40 000 bis 60 000 Euro, eine Serienepisode knapp unter 30 000 Euro. Allerdings gilt das nur für Etablierte. „Wer einmal bewiesen hat, dass er einen Erfolg schreiben kann, wird immer seinen Markt finden“, sagt „Edel & Starck“-Autor Tim Krause. „Aber es wird extrem schwierig für Nachwuchsautoren, sich zu etablieren.“ Denn der Markt für deutsche Produktionen schrumpft. Die Sender setzen auf US-Serien, die erfolgreicher und günstiger einzukaufen sind als Eigenproduktionen. Dennoch drängen junge Autoren aus den Drehbuchschulen und Filmakademien nach.

          Bücher ohne Dreh

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