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Kosmisches Gewitter: Am Hamburger Schauspiel lässt man’s krachen. Bild: Marcel Urlaub 2019

„Stadt der Blinden“ in Hamburg : Und wer macht die Sauerei nun wieder weg?

  • -Aktualisiert am

Multimediales Überwältigungstheater: Kay Voges inszeniert José Saramagos „Stadt der Blinden“ in Hamburg – und das mit viel Schweiß, Emotionen und Tränen.

          Schon ein Stromausfall, der einen urbanen Bezirk trifft, ist schlimm, wenn alles in Finsternis absäuft und der Kühlschrank nicht mehr summt, der Verkehr kollabiert, die digitale Versorgung zusammenbricht. Wie schlimm freilich ist es erst, wenn urplötzlich eine komplette Stadt von einer sich epidemisch ausbreitenden Blindheit heimgesucht wird und gegen diese rätselhafte Krankheit keine Medizin hilft! Das ist die dramatische Ausgangssituation in dem 1995 erschienenen Roman „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago. Darin ließ der portugiesische Nobelpreisträger die Blindheit wie eine biblische Plage über eine Gesellschaft hereinbrechen, die allerdings nicht in Finsternis, sondern im genauen Gegenteil versinkt: „Es ist, als würde unser Gehirn alle Bilder, Formen und Farben mit einem anhaltenden Weiß überdecken, wie auf einem weiß übermalten Gemälde“, heißt es einmal.

          Im Schauspielhaus Hamburg wagt der Regisseur Kay Voges jetzt das Experiment, diese Studie über Sehen und Nichtsehen auf die Bühne zu bringen, mithin an einen Ort, wo es zentral um die Sichtbarkeit von Figuren geht, um das Herzeigen ihrer Gedanken, Gefühle, Träume, Nöte. Die Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert hat als Spielort eine spätbürgerliche Villa entworfen, die auf der Rückseite und über dem Wintergarten je eine große Leinwand trägt. Zwei Kameramänner in den grünen Overalls von Klinikpersonal filmen fast den ganzen Abend lang das Geschehen und bringen es in Nahaufnahmen und mit Einblicken in verborgene Winkel ans Licht. In Inszenierungen von Frank Castorf machen sich die Schauspieler nicht selten einen ziemlichen Spaß aus dem intensiven Agieren vor der Kamera in abgelegenen Ecken und sind oft stundenlang bloß durch die Linse zu betrachten.

          Bei Kay Voges, der sich gern im künstlerischen Grenzgebiet zwischen Theater und Film bewegt, ist dieses Versteckspiel hier weniger ausgeprägt, aber die indirekte Darstellung ist ebenfalls das dominierende ästhetische Prinzip. Selten freilich war es derart sinnfällig, kann man „Die Stadt der Blinden“ doch auch als Diskurs über Wahrnehmen und Wegschauen lesen. Zweiundzwanzig mit drahtlosen Mikrofonen ausgestattete Schauspielerinnen und Schauspieler treten als die internierten Blinden auf, die der Staat in der Hoffnung wegsperrt, so das Infektionsrisiko reduzieren zu können. Sie haben die Augen geöffnet, die Blicke hingegen auf stumpf gestellt.

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          Rosemary Hardy als „Feuerteufel“ singt, dass sie der Welt abhandengekommen sei, Markus John als „Mann mit Augenklappe“ reißt zynische Witze: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Christoph Jöde als erblindeter Augenarzt wird von seiner Frau eingeliefert, die bis zum Schluss als einziger Mensch noch sehen kann. Das soll indes niemand erfahren, da sie fürchtet, ansonsten zur Dienstmagd für alle zu werden. Am Konflikt zwischen dem, was sie heimlich tun kann, und dem, was eigentlich getan werden müsste, zerbricht sie fast. Als unter den Gefangenen ein Kampf um Lebensmittel entbrennt, ersticht sie mit einer Schere den Boss einiger erblindeter Krimineller und führt den Rest der Zwangsgemeinschaft zurück in die Stadt. Sandra Gerling beseelt sie aufopferungsvoll und mit bewundernswertem Durchhaltevermögen in einer Mischung aus Madonna, Jeanne d’Arc und Eurydike. Überhaupt ist der Leidensdruck für die Akteure wie das Publikum sehr hoch, wie ja auch das Elend im Roman keine Grenzen kennt.

          Eine Orgie der Grausamkeit

          Die blutbeschmierten Kranken verdrecken immer mehr, die Räume und Betten im Schlafsaal verwahrlosen im Schmutz, das wasserlose Badezimmer ist eine Sauerei voller Exkremente. Es gibt eine brutale Gruppenvergewaltigung durch die Kriminellen, die das Essen nur gegen Sex teilen wollen. Nach dieser Orgie der Grausamkeit ist es zum ersten Mal still in der über zweistündigen Inszenierung, man hört lediglich das schwere Atmen der misshandelten Frauen, ihr Husten und Weinen. Gespielt wird dies wie alles mit immenser Einfühlung, mit viel Schweiß, Emotion und Tränen. Denn dem enormen technischen Aufwand und dem expressiven Soundteppich von Paul Wallfisch zum Trotz feiert ein ausgeprägt drastischer Naturalismus fröhliche Urständ.

          Stets im Fokus der Kameras wird gelitten und gedarbt, gekeucht und gespuckt, mit Flecken im Gesicht, Ebrochenem am Hemd und Kot am Bein. Alle stoßen an alle an oder an Möbel, Säulen, Wände, verfehlen ihre Ziele, bewegen sich verlangsamt, tasten, flüstern, kriechen. Der multimediale Bilderrausch ist von Kay Voges kalkuliert ekelhaft inszeniert, aber konsequent gedacht, weil die bemitleidenswerten Gestalten keine Gelegenheit hatten, sich auf ihre Krankheit vorzubereiten, und nun quasi in der Hölle vegetieren müssen.

          Um dem dampfenden Naturalismus schließlich zu entfliehen, lässt Voges das Finale in fast totaler Dunkelheit ablaufen, während die Arztgattin den Heimweg in die Stadt schildert. Kurze, überbelichtete, verfremdete Filme als flankierende Lichtspielereien werden mit grellen, messerscharfen Blitzen wie optischen Ausrufezeichen eingeleitet. Das Licht und die Bilder kehren zurück in die Welt – wie ein kosmisches Gewitter. Kay Voges’ eindrucksvoll spannendes, spektakulär ausgebautes Überwältigungstheater zeigt zwar, wie es blitzt und donnert. Wo allerdings dieses Gewitter herkommt, wo es hingeht, sagt es nicht, ebenso wenig, wie das José Saramago getan hat. Das müssen wir uns schon selbst überlegen, auch beim Theater im Zeitalter seines technischen Überangebots.

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