https://www.faz.net/-gqz-7oizv

ZDF „checkt Fakten“ zu Jesus : Der folgenreichste Strafprozess der Weltgeschichte

  • -Aktualisiert am

Wie war das mit den Wundern? Petra Gerster weiß es auch nicht Bild: ZDF / Tom Kaiser

Die Plage des Formats „Check“ hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen längst biblische Ausmaße erreicht. So ist es nur konsequent, dass im ZDF jetzt ein Faktencheck zur Bibel zu sehen ist: „Strafsache Jesus“.

          2 Min.

          Petra Gerster steht im Garten Gethsemane, dem Ort, an dem Jesus laut Evangelium am Tag vor seiner Kreuzigung verraten und verhaftet wurde, deutet auf die Bäume hinter sich und sagt: „Manche der Olivenbäume sind über zweitausend Jahre alt. Sie könnten die Festnahme also bezeugen.“ Ja, womöglich könnten sie das. Wenn es nicht Olivenbäume wären.

          Judas’ Kuss, der hier stattgefunden haben soll, er war, wie Gerster sagt, „der Auftakt der Strafsache Jesus“, „ein dramatischer Kriminalfall“, der zum „folgenreichsten Prozess der Weltgeschichte“ führte. Das ZDF verspricht, ihn „neu aufzurollen“. Es ist aber, immerhin, keine Gerichtsshow geworden, mit Barbara Salesch oder Richter Alexander Hold, die Olivenbäume und andere Augenzeugen vernehmen. Erstaunlicherweise hat das ZDF auch darauf verzichtet, Horst Lichter zu verpflichten, mit Rezeptideen etwa, wie sich das Abendmahl durch mehr Butter interessanter hätte gestalten lassen.

          Bestimmt haben die Ausrufezeichen einen Sinn

          Es ist ein anderes Mode-Genre, in dem der Sender sich der Passionsgeschichte gewidmet: der „Check“, was zumindest insofern passend ist, weil die Plage dieser Formate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen längst biblische Ausmaße erreicht hat. Es gibt Marktchecks, Markenchecks und Markenchecks extra, einen WDR-Check und einen Berlin-Brandenburg-Check, Ernährungschecks und Geschichtschecks. Die Zeit, bis der erste Religionscheck fertig ist (mutmaßlich: „Islam oder Christentum: Wer bietet das bessere Paradies und wo ist es günstiger zu haben?“), überbrückt das ZDF mit „Faktenchecks“ zur Bibel. Und so läuft am Ostermontag um 19.30 Uhr: „Strafsache Jesus - der Faktencheck mit Petra Gerster“.

          Jesu Einzug in Jerusalem, wie der „Faktencheck“ ihn nachstellt
          Jesu Einzug in Jerusalem, wie der „Faktencheck“ ihn nachstellt : Bild: ZDF / Roland Breitschuh

          Sie fragt zum Beispiel, ob Jesus einen ordentlichen Prozess bekommen habe. Die Ergebnisse der „Checks“ werden in bildschirmfüllenden Tafeln vorgestellt: „Das Verfahren gegen Jesus folgt den Gesetzen des römischen Rechts!“ - „Mit seinem Frontalangriff gegen die jüdischen Kultvorschriften macht Jesus sich Kaiphas zum Todfeind!“ - „In der Bibel werden die Juden zu Christusmördern!“ Bestimmt haben die Ausrufezeichen irgendeinen Sinn.

          Jedem weiterführenden Gedanken im Wege

          Der Rechtsmediziner Michael Tsokos erklärt, dass es nicht funktioniert hätte, Jesus an den Handflächen ans Kreuz zu schlagen: Die Nägel müssen schon durchs Handgelenk gehen. Ein paar nicht ganz unentscheidende „Fakten“ der Passionsgeschichte muss das ZDF offenlassen. Zum Beispiel, ob Jesus wusste, was ihm drohte, und ob er sich selbst als Messias gesehen hat.

          Wusste er, was auf ihn zukam? Ein paar nicht ganz unentscheidende „Fakten“ der Passionsgeschichte muss das ZDF offenlassen
          Wusste er, was auf ihn zukam? Ein paar nicht ganz unentscheidende „Fakten“ der Passionsgeschichte muss das ZDF offenlassen : Bild: ZDF / Roland Breitschuh

          Natürlich könnte es lehrreich sein, sich auf die Suche nach historischen Indizien für die Überlieferung zu machen. Und gelegentlich streift die Sendung sogar interessante Fragen wie die, welche Motivation die Evangelisten haben konnten, Ereignisse in einer bestimmten Art zu schildern. Aber das ZDF traut den Zuschauern nicht zu, sich dafür zu interessieren, wenn es nicht in ein modisch-albernes Standardformat gepresst ist, und so steht die „Faktencheck“-Idee jedem weiterführenden Gedanken im Wege.

          Petra Gerster steht da und staunt

          Sie ist für Skeptiker wie für Gläubige gleichermaßen unüberzeugend, wie sich schon in den Reaktionen auf einen ersten „Faktencheck“ Weihnachten 2012 zeigte, der raunte, ob die Geschichte von Jesu Geburt „am Ende neu erzählt werden muss“. Frage: „War Josef der leibliche Vater?“ Antwort: „Tatsache ist: Wir wissen nicht, ob Josef der Vater war!“ Ausrufezeichen.

          Vor der Grabeskirche in Jerusalem
          Vor der Grabeskirche in Jerusalem : Bild: ZDF / Tom Kaiser

          Und so führt sich auch der Oster-„Faktencheck“ ad absurdum, wenn er zum Ergebnis kommt, dass die Auferstehung die eigentliche Geburtsstunde des Christentums sei, sich die aber nicht beweisen lasse: „Das muss man glauben“, sagt der befragte Kirchenhistoriker. Und Petra Gerster steht als Journalistendarstellerin da und staunt: „Es ist schon eine unglaubliche Geschichte.“

          Vermutlich arbeitet sie schon an der Fortsetzung: dem Alten Testament. Dann könnte der „Faktencheck“ fragen: Ist Abraham wirklich 175 Jahre alt geworden? Und: Ist es machbar, die Welt in sieben Tagen zu erschaffen, wenn man einen davon noch freinehmen will?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Flonheimer Kirche ist leer: Die Gemeinde hat keinen Pfarrer mehr.

          Personalmangel : Kirche ohne Pfarrer

          Immer weniger Pfarrstellen in Deutschland können nachbesetzt werden. Die Kirche ist im Wandel – besonders auf dem Land ist das zu spüren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.