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Katastrophenfilm „Sharknado“ : Der Himmel hängt voller Haie

  • -Aktualisiert am

Bei Alfred Hitchcock setzten wenigstens noch „Die Vögel“ zum Luftangriff an. In „Sharknado“ flattern die Raubtiere des Meeres am Himmel. Der Rest ist Grauen pur Bild: Syfy

Im deutschen Abo-Fernsehen läuft heute Abend ein absurd schlechter Film. Nach der Erstausstrahlunng in Amerika machten sich die Zuschauer per Twitter darüber lustig und - ab ging die Post. Plötzlich wollte ihn jeder sehen.

          3 Min.

          Das Fernsehen ist oft am besten, wenn es seine Zuschauer überrascht, und was könnte überraschender sein, als eine Ozeanladung gefräßiger Meerestiere vom Himmel regnen zu lassen, die sich beherzt in Surfern, Strandbesuchern und Bargästen festbeißen oder diese gleich ganz verschlucken? So zumindest geschieht es in dem Film „Sharknado“, einer Billigproduktion, die im vergangenen Juli erstmals beim amerikanischen Kabelsender Syfy lief.

          Die Geschichte spielt in Los Angeles. Ein Sturm zieht auf, Windhosen saugen Haie aus dem Meer und schleudern sie an Land. Nach wenigen Minuten liegt die Strandpromenade in Trümmern, und es regnet unablässig Raubfische, die auf Balkonen und in Pools landen, durch Treppenhäuser und Tunnel schwimmen, grunzend aus Abwasserrohren platschen, sich in Strommasten verfangen oder für einen schnellen Mittagssnack durch Autodächer beißen. Am Ende stemmt sich ein heldenhafter Barbesitzer gegen die Katastrophe - mit Kettensäge und selbstgebastelten Bomben.

          Dank Twitter ein Überraschungserfolg

          Zu behaupten, dass es sich dabei um den schlechtesten Film aller Zeiten handelt, würde dem Machwerk nicht gerecht. Obwohl sich „Sharknado“ sichtlich anstrengt: Viele Szenen sind holprig zusammenmontiert, wo eben noch Verwüstung herrschte, herrscht in der nächsten Szene der übliche Feiertagsverkehr. Unter den schlechtesten Filmen aller Zeiten ist „Sharknado“ jedoch zugleich ein Phänomen. Und zwar nicht wegen phänomenaler Einschaltquoten.



          Zur Fernsehpremiere im Sommer hatten nur wenige Zuschauer eingeschaltet. Doch die konnten gar nicht fassen, was ihnen geboten wurde. Also teilten sie ihre Fassungslosigkeit auf Twitter mit und steckten andere Nutzer damit an. Rund fünftausend Tweets mit dem Hashtag #Sharknado wurden im Laufe des Abends gesendet - pro Minute. Auf Google war der Filmtitel der meistgesuchte Begriff des Tages. Prominente wie Mia Farrow beteiligten sich an der Diskussion im Netz. Am nächsten Morgen twitterte der Bürgermeister von Los Angeles: „Sieht nach einem großartigen Tag aus heute. Wenn kein #Sharknado kommt.“ Über Nacht war ein mieser Horrorfilm mit nur achtzehn Tagen Drehzeit, den bei seiner Erstausstrahlung kaum jemand gesehen hatte, weltweit Hunderttausenden Leuten ein Begriff.

          Das Spiel um Aufmerksamkeit

          Der Erfolg mag ein Versehen gewesen sein, doch die Handlung war Absicht. Produziert wurde „Sharknado“ von der amerikanischen Firma The Asylum, die darauf spezialisiert ist, schlechte Filme für die Nische zu drehen, sogenannte Mockbuster. Meist verraten schon die Titel, was den Zuschauer erwartet: „Mega Shark vs. Crocosaurus“, „Nazis at the Center of the Earth“, „Titanic 2“. Positive Bewertungen erhalten die Produktionen so gut wie nie. Deshalb bemühen sich die Produzenten gar nicht erst darum, dass die Zuschauer ihre Filme mögen. Es reicht, wenn sie sie hassen. Und anderen davon berichten.

          Die Ruhe vor dem (Hai-)Sturm Bilderstrecke
          Die Ruhe vor dem (Hai-)Sturm :

          Dass „Sharknado“ weltweit zum Gesprächsthema wurde, ist nicht nur der schnellen Verbreitung über die sozialen Medien geschuldet, sondern passt auch perfekt zu der Art, wie viele Menschen sie gebrauchen: Twitter ist ein ideales Werkzeug, um sich mit anderen Nutzern über parallel laufende Fernsehsendungen auszulassen und auf 140 Zeichen Witze darüber zu machen. Dadurch wird auch die ödeste Show unterhaltsam. Noch viel besser geht das mit einem Programm, das ganz offensichtlich als Lästervorlage angelegt ist - zum Beispiel einem Film, in dem Tornados Haie über Hollywood ausspucken.

          Trash mit einem Augenzwinkern

          Die klassische Ausstrahlung im Fernsehen ist für solche Produktionen vor allem wichtig, um schlagartig Aufmerksamkeit zu erzielen. Quoten spielen eine untergeordnete Rolle, weil sich Kabelsender wie Syfy ohnehin zum größten Teil über Abogebühren finanzieren. Nach der Fernsehpremiere landen die Filme in der Regel beim Streaming-Dienst Netflix, wo sie von den Nutzern angeklickt werden, die vorher im Netz davon gelesen haben, und zwar ohne dass sie extra dafür bezahlen müssten. Genaugenommen sind die On-Demand-Zuschauer sogar die Hauptzielgruppe, weil Netflix die Produktionsfirma mit den ausgewerteten Genre-Vorlieben seiner Kunden versorgt und die dann die entsprechenden Filme dazu dreht.

          Während allerorten über Qualitätsserien wie „House of Cards“ und „Breaking Bad“ diskutiert wird, entsteht zugleich eine Lust des Publikums auf absichtlich schlechtes Fernsehen. Auf Geschichten, die in übersichtliche 86 Minuten passen und denen selbst Spezialeffekte verziehen werden, die in Videospielen schon vor fünf Jahren als veraltet gegolten hätten.

          „Sharknado“ ist kein versehentlicher Unfug, sondern absichtlich übersteigerter Irrsinn mit ironischen Untertönen. Der Surferheld im Film heißt Fin (übersetzt: Flosse), die Reporterin aus dem Nachrichtenfernsehen buchstabiert dem Publikum vor der nächsten Katastrophenankündigung stets eitel ihren Namen, und zum Abspann läuft die von einem der Schauspieler selbstkomponierte Hymne „The Ballad of Sharknado“. Die Produzenten wussten, was sie taten. Anders womöglich als der Regisseur des RTL-Katastrophenfilms „Helden“, der sein Anfang Oktober gesendetes Untergangsszenario als ernsthaften Film verstanden wissen wollte. Als sich Kritiker und Zuschauer über die haarsträubende Handlung und die flachen Dialoge lustig machten, reagierte er beleidigt. Die Einschaltquoten waren auch nicht so gut. Aber als Witzvorlage auf Twitter war „Helden“ ein Riesenhit.

          Vielleicht hätte RTL dafür nicht gleich mehrere Millionen ausgeben müssen. Am Ende gilt eben auch fürs schlechte Fernsehen die Regel: Es muss vor allem gut gemacht sein.

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