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Interview mit Karl ReMarks : „Ich habe viele Witze über Salafisten gemacht“

Titelbild des Twitter-Profils von Karl ReMarks Bild: Foto Karl ReMarks

Über die Widersprüche des westlichen Blicks auf den Nahen Osten: Ein Gespräch mit Karl Sharro alias Karl ReMarks, dem bekanntesten satirischen Twitterer der arabischen Welt.

          Sie haben einmal geschrieben, die zwei Hauptexportprodukte des Nahen Ostens seien Öl und Nachrichten. Inzwischen könnte man vielleicht auch Ihre satirischen Twitter-Einträge nennen. Was macht die Region eigentlich so lustig?

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Was den Nahen Osten interessant macht – wenn auch nicht unbedingt lustig –, ist die Tatsache, dass die Region offenbar alle fünfzig oder hundert Jahre vom Westen oder von Europa als „das Andere“ neu erfunden werden musste. Ich glaube, keine zwei anderen Regionen auf der Welt sind historisch so eng miteinander verbunden. Seit Jahrtausenden gibt es Handelsbeziehungen, die großen Religionen in Europa kommen von dort...Und dennoch wurde der Nahe Osten nach jeder großen Veränderung im Westen wieder neu „erfunden“, als gäbe es diese Beziehung nicht. Beispielsweise nach 2011: die ganzen Versuche, die Region zu anthropologisieren und sich zu fragen, „was diese Menschen dort wohl denken“. Das enthüllt für mich eine gewisse Einstellung gegenüber dieser Region, die sie als fremd und exotisch und irrational sehen will.

          Was ist denn 2011, also während der Arabellion, in dieser Hinsicht geschehen?

          Für viele Leute in der Region war, was damals passierte, ein Moment der Hoffnung und der Veränderung. Obwohl viele westliche Korrespondenten sich sehr um gute Berichterstattung bemühten, gab es aber eine Clique von Kolumnisten und Korrespondenten, die einfach weiter anhand festgefügter Bilder und Vorannahmen über die Region berichteten: dass sie ein exotischer Ort ist, den wir nie verstehen werden, dass die Konflikte dort Jahrhunderte zurückgehen, die Menschen eine fundamental andere Kultur haben und dass die Gesellschaften dort nie demokratisch sein werden.

          Diese Klischees sind ja schon oft kritisiert worden.

          Zuerst versuchte ich, ernsthaft dagegen anzugehen, in einem Blog. Dann schien mir aber, es würde besser funktionieren, wenn ich eine satirische Perspektive hineinbringe. Es fing damit an, dass ich den Ton eines westlichen Korrespondenten imitierte und mich durch Persiflierung dieser Art von Berichterstattung über sie lustig machte. Und damit habe ich anscheinend einen Nerv getroffen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Lustig am Fall Naher Osten ist also vielleicht, dass die Art des Verhältnisses von Politik und Medien sich geradezu dazu anbietet, karikiert zu werden.

           Karl Sharro alias Karl ReMarks

          Hilft es dafür, Libanese zu sein? Um ein Gefühl zu haben für die Vielschichtigkeit der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Nahen Osten?

          Ich glaube schon. Ich bin während des Bürgerkriegs im Libanon aufgewachsen. Und ein Weg, sich mit seinen vielen Absurditäten auseinanderzusetzen, war Humor. Außerdem war der Libanon, historisch gesehen, immer vergleichsweise liberal. Es gab keine offizielle Zensur und eine sehr freie Gesellschaft. Dazu kommt, dass ich halb Libanese und halb Iraker bin. Das gibt mir noch einmal einen anderen Blick. Denn im Irak herrscht ein sehr dunkler Sinn für Humor. Zugleich musste man sehr vorsichtig vorgehen – wenn du dort einen falschen Witz machtest, konntest du im Gefängnis landen und gefoltert werden.

          Was Ihrer Twitter-Persona Karl ReMarks 2012 plötzliche Berühmtheit verschafft hat, war die Persiflage einer Reportage über Syrien.

          Der Anlass war ein Artikel von Robert Fisk, dem Korrespondenten des „Independent“. Nach 2011 schrieb er einige Reportagen über den Nahen Osten, in denen er wirklich komplett absurde Metaphern und Bilder verwendete – so gab es in einem Artikel beispielsweise einen Fuchs mit einem buschigen Schwanz, der über die Verhältnisse in Ägypten berichtete. Und ständig baute er historische Referenzen ein – nach dem Motto: 1482 ist dieses und jenes passiert, und deshalb ist es heute so und so... Anstatt die Entwicklungen in der Gegenwart zu verorten, musste es dauernd um Dinge gehen, die sehr lang her sind. Ich beschloss, eine Persiflage dieses Artikels zu schreiben. Darauf gab es eine Welle von Reaktionen, unter anderem von einigen etablierten Journalisten und Satirikern. Ehrlich gesagt, glaube ich, dieser Text ist bis heute das Beste, was ich geschrieben habe.

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