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Karl-Günther von Hase 100 : Glücksfall fürs ZDF

  • -Aktualisiert am

Karl-Günther von Hase. Bild: dpa

Er war Diplomat. Und als solcher kam er als Intendant zum ZDF. Das war für den Sender ein Segen. Zum Hundertsten von Karl Günther von Hase.

          2 Min.

          Auf seine Art war er stets ein Liebling der Öffentlichkeit. In der ebenso unorthodoxen wie grandiosen Karriere des Karl-Günther von Hase waren Applaus und Sympathie bei allen beruflichen Weggabelungen stete Begleiter. Auch bei der schließlich letzten Station. Über Nacht wurde der damalige deutsche Botschafter in London wie ein Deus ex machina auf das Kandidatenkarussell für die Wahl zum ZDF-Intendanten befördert. Er siegte mit fulminanter Mehrheit. Zuvor hatte sich das Wahlgremium in unendlichen Wahlgängen – trotz höchst honoriger Kandidaten wie Programmdirektor Stolte, Chefredakteur Appel und UN-Botschafter von Wechmar – hartnäckig und halsstarrig in eine parteipolitische Sackgasse verkrampft. Als der Sieger feststand, applaudierten in das zufriedene Aufatmen der Öffentlichkeit hinein Kanzler Helmut Schmidt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Oppositionschef Helmut Kohl unisono mit ähnlichen Statements: „Der richtige Mann“, „ein großartiger Charakter“, „ein Glücksfall für das ZDF“.

          Dabei war der Schritt von der Themse an den Rhein eine wagemutige Entscheidung des prominenten „Ritters wider den tierischen Ernst“. Fernsehmäßig sei er „absolut unbeleckt“ gewesen, gestand er freimütig am Ende seiner Amtszeit. Nicht einmal der Unterschied zwischen „Tagesschau“ und den „heute“-Nachrichten war ihm geläufig. Aber er hatte in den sieben Jahren seiner Londoner Zeit bei der BBC die aufkommende Unruhe eines fundamentalen Umbruchs gespürt. Kabelfernsehen und Satellitenzeitalter kündigten das Ende des alten Fernsehmonopols an. Diese neue Herausforderung und das alte Wissen um die publizistische und politische Macht des Leitmediums Fernsehens haben ihn gereizt. Nach dem fürsorglichen Hausvater Karl Holzamer, dem professoralen Gründungsintendanten, wird er jetzt der weltoffene Mit-Architekt und Advokat einer neuen dualen Fernseh-Ära nach britischem Modell.

          Der gelernte Diplomat wird auf dem Lerchenberg so etwas wie ein Außenminister eines zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Systems. Dass dabei die Queen aus London bald eine Einladung zum Tee in Mainz angenommen hatte, brachte neben dem medialen Glanz auch öffentliche Aufmerksamkeit für den neuen Intendanten. Innenpolitisch, im Innenleben des Senders und im Maschinenraum der Redaktionen, gibt er den Machern denkbar großen Freiraum. In seiner Zeit entstehen herausragende ZDF-Klassiker wie „Wetten, dass..?“ oder das „Politbarometer“. Das essentiell wichtige „heute-journal“ erlebt seine Premiere, der „Alte“ geht in Serie und für die Jungen kommt „Löwenzahn“ mit Peter Lustig. Das Publikum lernt erstmals den Videotext kennen. Im Sender werden die Tugenden hochgeschätzt, die er aus seiner „ersten“ Karriere als Regierungssprecher (er diente ohne Unterbrechung drei grundverschiedenen Bundeskanzlern) und Diplomaten so selbstverständlich mitbringt und auf dem Lerchenberg vorlebt: den entwaffnenden Humor mit der Neigung zur Selbstironie, die Unbestechlichkeit des Urteils, die weltläufige Souveränität, die ganz eigene Mischung aus preußischer Akkuratesse und rheinischer Gelassenheit.

          So hat er für das ZDF die ersten Platzkarten für eine gelingende technologische Zukunft in einem neuen dualen System zu lösen gewusst. Nach dem gut getimten Abschied 1982 stand er als geschätzter Ratgeber zur Verfügung. Ich selbst habe gerne die Nähe dieses klugen „Zeugen des Jahrhunderts“ gesucht, der seine „grundlegende Fröhlichkeit“ als eine der „besten Waffen auch im beruflichen Leben“ benennt. Heute feiert dieser unverwüstliche Optimist seinen hundertsten Geburtstag. Die Laudatoren des Jubilars, dem geliebten Mittelpunkt einer wunderbaren Großfamilie, werden vielsagend humorige Anekdoten und glänzende Aphorismen als Beleg für seinen souveränen Umgang mit dieser „Waffe“ vorzutragen wissen.

          Der Verfasser lehrt Medientheorie in Hamburg und war von 2002 bis 2012 Intendant des ZDF.

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