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Reaktionen von Zeichnern : Ein Denkmal für den Bleistift

Screenshot von der Twitter Seite von Ruben L. Oppenheimer zum Anschlag auf die französische Zeitschrift Charlie Hebdo Bild: Twitter/RLOppenheimer

In aller Welt greifen Menschen zu der Waffe, derer sich auch die „Charlie Hebdo“-Redakteure bedienten: dem Stift. Einer Karikaturistin der „Washington Post“ gelingt ein besonders schlagender Kommentar.

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          Karikaturisten in der ganzen Welt haben am Mittwoch ihre Trauer um die Kollegen von „Charlie Hebdo“ zum Ausdruck gebracht und ihre Entschlossenheit bekundet, die Arbeit der Ermordeten fortzusetzen. Sie stellten sich der Herausforderung, sich auch an diesem Tag eine Pointe einfallen zu lassen, etwas Überraschendes, hoffentlich sogar Frappierendes - zu einem Gegenstand, über den unter zivilisierten Menschen kein Meinungsstreit herrschen kann. Ihre Arbeit nicht nur ostentativ fortzusetzen, sondern wirklich zu verrichten, das sind sie den Toten schuldig.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am überzeugendsten gerieten die einfachsten Bildgedanken oder Wortspiele - die Bleistifte als Zwillingstürme (Ruben Oppenheimer), die Entschuldigung des Mörders über der Leiche: „He drew first“ („Er hat als erster gezogen/gezeichnet“, David Pope). Ein absolut schlagendes Blatt, das eine präzise politische Botschaft mit einem anrührend schlichten Pathos kombiniert, gelang Ann Telnaes, einer Karikaturistin der „Washington Post“: ein wunderbares, unwahrscheinliches Zeugnis des Witzes, das gleichwohl zwingend erscheint, sobald man es betrachtet, als hätte jede Kollegin darauf kommen müssen.

          Stilistisch haben die Zeichnungen von Ann Telnaes nichts mit der Manier von Cabu, Wolinski und Charb zu tun. „Charlie Hebdo“ setzt eine Tradition der drastischen Satire fort, die auf die Untergrundliteratur des vorrevolutionären Frankreich zurückgeht. Das Überdeutliche der Kritik an der Übermacht von Korruption und Unverstand manifestiert sich schon in der Machart: Das Schmutzige der Gegenstände färbt auf die grafische Form ab. Der Strich soll manchmal grob wirken, die Nähe zu Graffiti und Schülerzeichnungen ist gewollt. Ann Telnaes besticht dagegen durch die virtuose Eleganz ihrer Linienführung. Ihre Figuren haben einen Schwung, der an den legendären Broadwaychronisten Al Hirschfeld erinnert, sind bloß viel stärker reduziert. Nicht für den Druck auf grauem Zeitungspapier sind sie entworfen, sondern für den strahlend weißen Hintergrund eines Tablet-Computers.

          Auch Ann Telnaes nimmt es in ihrem Werk mit unbelehrbaren, gemeingefährlichen Dunkelmännern auf; sie bezieht in ihrer Kommentierung der amerikanischen Politik einen entschieden liberalen Standpunkt. Aber neben den blutrünstigen, nur allzu realistisch getroffenen Imamen aus dem französischen Bürgerkrieg nehmen sich die bigotten Radioprediger, Großspender und Oberrichter der amerikanischen Kulturkriege wie die Trickfilmfiguren aus, zu denen Ann Telnaes sie macht. Ihre Spezialität ist die animierte Karikatur, das Kürzestfilmchen, in dem sich ganz zum Schluss eine Hinter- oder Falltür öffnet. Für ihr Gedenkblatt auf die Pariser Kollegen hat sie sich dieser Technik nicht bedient. Hier wird nichts enthüllt, gestürzt oder auf den Kopf gestellt. Man muss auf die Pointe nicht warten. Die Zeichnerin nimmt zur grausigen Tat des 7. Januar 2015 eine Haltung ein, und an dieser wird sich nichts ändern.

          Das Blatt zeigt eine Frau mit langen blonden, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren und ernster Miene: Die Lippen sind zusammengepresst, die Mundwinkel weisen nach unten, die Augenbrauen sind ein dicker gerader Strich. Sie trägt einen blauen Ringelpullover und hält in beiden Händen ein Attribut: in der Rechten, zum Himmel emporgereckt, einen großen Bleistift, in der Linken ein Heft von „Charlie Hebdo“, die Ausgabe vom 7. November 2011 mit dem Titelbild, auf dem sich ein Muslim mit Bart und Käppi und ein Zeichner mit Bleistift hinter dem Ohr küssen, zur Schlagzeile „Die Liebe ist stärker als der Hass“.

          Im aufklärerischen Sinn der Pressefreiheit

          Zwei Dinge sieht man auf einen Blick. Erstens handelt es sich, wie das Zeichenwerkzeug zeigt, um ein Selbstporträt. Und zweitens steht Ann Telnaes in der Pose der Freiheitsstatue da. Der Name, den die Monumentalstatue erhielt, als 1875 mit der Geldsammlung für ihre Errichtung begonnen wurde, lautet: „Liberty Enlightening the World“. Ann Telnaes bekennt sich zum aufklärerischen Sinn der Pressefreiheit, zur globalen Mission des freien Wortes und Bildes. Der Strahlenkranz um das Haupt der Freiheit fehlt in der Paraphrase - von Parodie kann man nicht sprechen. Wie die legere Kleidung belegt, steht keine Göttin vor uns, sondern eine ganz normale Frau, die ihre Arbeit tut. Die Verteidigung der Freiheit gegen ihre Todfeinde ist eine Aufgabe für den Alltag.

          Das mit dem Sockel 93 Meter hohe allegorische Standbild im Hafen von New York ist ein Wahrzeichen der Vereinigten Staaten. Es verheißt den Flüchtlingen aus den Ländern der Unfreiheit Asyl. Die Aussage der gezeichneten Nachbildung: Sollte es in Europa zum Äußersten kommen und die Satire unterdrückt werden, werden gefährliche Meinungen in Amerika Zuflucht finden, wo ihre Freiheit vom ersten Zusatz zur Bundesverfassung ohne Einschränkungen garantiert wird.



          Ein europäisches und speziell französisches Erbe

          Der eigentliche Witz der gezeichneten Solidaritätsadresse hat das Wissen um die Geschichte des Denkmals zur Voraussetzung. Die Freiheitsstatue ist ein Geschenk der Französischen Republik an die amerikanische. Warum exponiert sich die Karikaturistin des amerikanischen Hauptstadtblattes am Tag des Pariser Massakers? Aus Dankbarkeit. Das Requisit in der linken Hand der Freiheitsgöttin wird in allegorischen Bildwörterbüchern als Gesetzestafel identifiziert. Eingraviert ist ein Datum, der 4. Juli 1776, der Tag, an dem die Vereinigten Staaten den Schritt in die Unabhängigkeit taten. Bei Ann Telnaes vertritt das „Charlie Hebdo“-Heft mit der frechen Proklamation der Allmacht der Liebe auf dem Cover die Unabhängigkeitserklärung. Die Unabhängigkeit des Landes der Freien erweist sich als europäisches und speziell französisches Erbe, als inspiriert vom Oppositionsgeist der aufgeklärten Philosophie und der antiklerikalen Publizistik. Das Motto „Je suis Charlie“ hat Ann Telnaes sozusagen ins Englische und in den republikanischen Plural übersetzt: We, the People, are Charlie.

          Die Zeichner das Satiremagazins „Charlie Hebdo“»: Georges Wolinski, Bernard Verlhac alias Tignous, der Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier alias Charb und Cabu (von links oben)

          Damit gibt sie auch eine Antwort auf Kollegen der schreibenden Zunft, die teilweise ein anderes Bild von „Charlie Hebdo“ gezeichnet haben. Den Amerikanern, deren Journalisten den Nimbus der Objektivität auch um den Preis der langweiligsten Ausgewogenheit kultivieren, muss man erklären, warum ein solches Witzblatt eine republikanische Institution sein kann. Korrespondenten und Kommentatoren der „New York Times“ haben den provokativen Habitus der Zeitschrift von den blasphemischen und pornographischen Usancen jener französischen Satire hergeleitet, unter der schon Königin Marie-Antoinette zu leiden hatte. Das ist historisch korrekt, wird aber nur scheinbar wertfrei dargelegt: Ohne dass die ermordeten Redakteure ausdrücklich kritisiert würden, fallen zur Charakterisierung der Pointen, für die sie ihr Leben gegeben haben, Begriffe wie „vulgär“ und „krude“. Das Porträt des Chefredakteurs Stéphane Charbonnier in der „New York Times“ beginnt mit dem Satz, er habe sich oft mit erhobener Faust fotografieren lassen.

          Auf ein solches Foto verlinkt der knappe Kommentar von Ann Telnaes zu ihrer Karikatur. Es zeigt einen schmächtigen Mann mit melancholischem Blick, der mit der Linken ein Heft seiner Zeitschrift in die Kamera hält, die Ausgabe vom 19. September 2012, dem Tag, an dem der Pressesprecher von Präsident Obama die in „Charlie Hebdo“ gedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed kritisierte. Dieses Foto ist die andere Vorlage der Zeichnung von Ann Telnaes.

          Sie hat Charbonnier alias Charb und seinen Kollegen ein Denkmal im klassischen Stil gesetzt. Zunächst ist man bestürzt, wenn man eine Abweichung vom Original bemerkt: Die Flamme der Freiheit lodert nicht mehr. Dann begreift man, dass an ihre Stelle die angespitzte Bleistiftspitze getreten ist. In der klassischen Ikonographie ist die erloschene, zu Boden gekehrte Fackel ein Sinnbild des Todes. Die amerikanische Karikaturistin hat von den französischen Freunden die Fackel übernommen. Trotzig zeigt sie nach oben.

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