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Reaktionen von Zeichnern : Ein Denkmal für den Bleistift

Das mit dem Sockel 93 Meter hohe allegorische Standbild im Hafen von New York ist ein Wahrzeichen der Vereinigten Staaten. Es verheißt den Flüchtlingen aus den Ländern der Unfreiheit Asyl. Die Aussage der gezeichneten Nachbildung: Sollte es in Europa zum Äußersten kommen und die Satire unterdrückt werden, werden gefährliche Meinungen in Amerika Zuflucht finden, wo ihre Freiheit vom ersten Zusatz zur Bundesverfassung ohne Einschränkungen garantiert wird.



Ein europäisches und speziell französisches Erbe

Der eigentliche Witz der gezeichneten Solidaritätsadresse hat das Wissen um die Geschichte des Denkmals zur Voraussetzung. Die Freiheitsstatue ist ein Geschenk der Französischen Republik an die amerikanische. Warum exponiert sich die Karikaturistin des amerikanischen Hauptstadtblattes am Tag des Pariser Massakers? Aus Dankbarkeit. Das Requisit in der linken Hand der Freiheitsgöttin wird in allegorischen Bildwörterbüchern als Gesetzestafel identifiziert. Eingraviert ist ein Datum, der 4. Juli 1776, der Tag, an dem die Vereinigten Staaten den Schritt in die Unabhängigkeit taten. Bei Ann Telnaes vertritt das „Charlie Hebdo“-Heft mit der frechen Proklamation der Allmacht der Liebe auf dem Cover die Unabhängigkeitserklärung. Die Unabhängigkeit des Landes der Freien erweist sich als europäisches und speziell französisches Erbe, als inspiriert vom Oppositionsgeist der aufgeklärten Philosophie und der antiklerikalen Publizistik. Das Motto „Je suis Charlie“ hat Ann Telnaes sozusagen ins Englische und in den republikanischen Plural übersetzt: We, the People, are Charlie.

Die Zeichner das Satiremagazins „Charlie Hebdo“»: Georges Wolinski, Bernard Verlhac alias Tignous, der Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier alias Charb und Cabu (von links oben)

Damit gibt sie auch eine Antwort auf Kollegen der schreibenden Zunft, die teilweise ein anderes Bild von „Charlie Hebdo“ gezeichnet haben. Den Amerikanern, deren Journalisten den Nimbus der Objektivität auch um den Preis der langweiligsten Ausgewogenheit kultivieren, muss man erklären, warum ein solches Witzblatt eine republikanische Institution sein kann. Korrespondenten und Kommentatoren der „New York Times“ haben den provokativen Habitus der Zeitschrift von den blasphemischen und pornographischen Usancen jener französischen Satire hergeleitet, unter der schon Königin Marie-Antoinette zu leiden hatte. Das ist historisch korrekt, wird aber nur scheinbar wertfrei dargelegt: Ohne dass die ermordeten Redakteure ausdrücklich kritisiert würden, fallen zur Charakterisierung der Pointen, für die sie ihr Leben gegeben haben, Begriffe wie „vulgär“ und „krude“. Das Porträt des Chefredakteurs Stéphane Charbonnier in der „New York Times“ beginnt mit dem Satz, er habe sich oft mit erhobener Faust fotografieren lassen.

Auf ein solches Foto verlinkt der knappe Kommentar von Ann Telnaes zu ihrer Karikatur. Es zeigt einen schmächtigen Mann mit melancholischem Blick, der mit der Linken ein Heft seiner Zeitschrift in die Kamera hält, die Ausgabe vom 19. September 2012, dem Tag, an dem der Pressesprecher von Präsident Obama die in „Charlie Hebdo“ gedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed kritisierte. Dieses Foto ist die andere Vorlage der Zeichnung von Ann Telnaes.

Sie hat Charbonnier alias Charb und seinen Kollegen ein Denkmal im klassischen Stil gesetzt. Zunächst ist man bestürzt, wenn man eine Abweichung vom Original bemerkt: Die Flamme der Freiheit lodert nicht mehr. Dann begreift man, dass an ihre Stelle die angespitzte Bleistiftspitze getreten ist. In der klassischen Ikonographie ist die erloschene, zu Boden gekehrte Fackel ein Sinnbild des Todes. Die amerikanische Karikaturistin hat von den französischen Freunden die Fackel übernommen. Trotzig zeigt sie nach oben.

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