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Karaoke auf Netflix : Die gefährlichste Spielshow der Welt

  • -Aktualisiert am

Wächterin der Töne: Bei „Sing On!“ kann sich Palina Rojinski als Moderatorin richtig austoben. Bild: Netflix

„Sing On!“ auf Netflix belohnt die beste Karaoke-Performance. Dabei schießt sich die Show gelegentlich selbst ins Knie – aber ein paar magische Momente schafft sie dennoch.

          3 Min.

          Eins ist unzweifelhaft bei dieser Show: Sie wurde vor der Pandemie aufgenommen. Es wirkt heute fast bestürzend, wie fröhlich und unbedacht da Menschen singen, sechs Kandidaten auf der Bühne, aber auch das ganze Publikum, in einem geschlossenen Raum, ohne Sicherheitsabstand, wissen die nicht, was Aerosole sind? So wirkt „Sing On!“ mit Palina Rojinski schon völlig aus der Zeit gefallen, obwohl es gerade erst bei Netflix online gegangen ist. Allerdings immerhin aus einer Zeit, in die man sich zurücksehnt: Als gemeinsames Singen noch kein fahrlässiges Gesundheitsrisiko war, sondern hin und wieder jene magischen Momente produziert hat, derentwegen Menschen in Chöre und Karaokebars gehen. Die Frage ist: Kann eine Spielshow sie hervorbringen?

          Die Voraussetzungen dafür sind nicht ganz ideal, denn die leicht sterile Umgebung mit einer schick illuminierten Bühne wirkt eher technisch. Aber zum Glück ist die Moderatorin ein tobender Haufen von Emotionen und sorgt so für Stimmung: Jede Sendung eröffnet sie mit einer kleinen Tanznummer, den Rest der Zeit strahlt sie sämtliche Kandidaten wie verknallt an oder wischt sich Tränchen weg, wenn ein Lied sie berührt oder eine Teilnehmerin sagt, das Preisgeld wolle sie ihren Eltern geben, die es nicht immer leichtgehabt hätten.

          Denn Preisgeld gibt es auch, theoretisch bis zu 30.000 Euro. Praktisch singen die Kandidaten ein Lied abwechselnd, jeder ein paar Zeilen, und werden danach bewertet, wie perfekt sie die Töne treffen und den Rhythmus halten – das Ganze wird visualisiert wie beim Konsolenspiel „Singstar“, aber nur für die Zuschauer zu Hause. Während wir also genau verfolgen können, wie Lars ein paar falsche Töne in die Landschaft pfeffert, sieht er nur die Textzeilen zum Nachsingen und ahnt nichts davon. Das dürfte zumindest fürs Selbstvertrauen sehr gut sein. Anschließend sehen die Zuschauer, wer wie viel Prozent erreicht hat. In Ausnahmefällen sind es bis zu 88 Prozent, meist pendelt es sich deutlich darunter ein. Wer am besten abschneidet, ist automatisch eine Runde weiter, der Durchschnitt aller legt fest, wie viel Geld in den Jackpot kommt. Am Ende sind es meist um die 20.000 Euro, die der Sieger mit nach Hause nimmt.

          Aber, und das ist leider der Denkfehler des Ganzen: Auf diese Weise wird belohnt, wer das Lied möglichst originalgetreu und langweilig nachsingt, wie ein Uhrwerk, ohne jedwede eigene Interpretation oder Kreativität. Und obwohl es faszinierend ist, wie perfekt etwa Kandidatin Marilena das beherrscht, ist doch die exakte Reproduktion von bestehenden Liedern kein Grund, den Fernseher anzuschalten. Bei „Sing On!“ geht es nur um die Technik, beim Karaoke kann man die Herzen mit völlig schiefen Tönen gewinnen, wenn Performance und Emotionalität es ausgleichen.

          Weil das den Produzenten wohl auch aufgefallen ist, versuchen sie gegenzusteuern mit dem „Palina Performance Preis“ – wer körperlich besonders engagiert ist, bekommt 500 Euro extra. Das hilft leider überhaupt nicht, denn der Zuschauer bekommt die Tanzeinlagen nicht zu sehen, da die Kamera immer den aktuell singenden Kandidaten zeigt. Alle Kandidaten wissen, dass es schlechteren Gesang und damit Punktabzug bedeuten würde, wenn sie dabei tanzen. Also stehen die meisten stocksteif da.

          Und dann hält die Show noch eine echte Grausamkeit bereit: Nach den ersten drei Runden müssen die Kandidaten sich gegenseitig für den Rauswurf nominieren. Da stehen diese Menschen, die zuvor null sichtbare Interaktion miteinander hatten, und müssen fadenscheinige Gründe nennen, warum jemand die Bühne verlassen sollte. Gleich die erste Kandidatin nimmt es richtig schwer. Bei der zweiten will Palina Rojinski trösten und geht zu ihr, woraufhin die zurückweicht und sagt: „Du machst es nur noch schlimmer!“ Das gegenseitige Rauswählen mag ein Klassiker der Fernsehunterhaltung sein, aber hier ist es etwa so fehl am Platz wie bei einer Geburtstagsfeier. Zumal es eine gute Gelegenheit gewesen wäre, das Publikum im Studio einzubinden, indem man ihm diese Wahl überlässt. Ab der dritten Runde entscheidet ohnehin der Computer streng nach Gesangsleistung. Trotz all dieser Hürden hat auch „Sing On!“ diese speziellen magischen Momente. Gleich in der ersten Folge singen drei Frauen im Halbfinale „Chandelier“ von Sia, und da stellen sich nicht nur bei der Moderatorin die Armhärchen auf. Es sind nur zwei Minuten im Fernsehen – aber näher an dieses Gefühl kommen wir voraussichtlich noch eine ganze Weile nicht heran.

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