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Kanzlernacht auf Bild-TV : Interviews als sportlicher Wettkampf

  • -Aktualisiert am

Scholz und Laschet bei „Bild live“ Bild: dpa

In den vergangenen Jahren haben wir die betulichen Plaudereien mit der Bundeskanzlerin für Interviews gehalten. Das geht auch anders, wie bei der Kanzlernacht auf Bild-TV deutlich wird.

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          Man muss offenbar kein Wahlforscher sein, um die spezifischen Bedingungen dieses ungewöhnlichen Bundestagswahlkampfes zu skizzieren. Das gelang einer Berliner Gastronomin auf bestechende Art und Weise. Die Wahlentscheidung, so Susanne Baró Fernández, könne „eine Entscheidung werden, was man auf keinen Fall will.“ Dabei verwies sie auf die letzten Wahlumfragen, die eine solche taktische Stimmabgabe bestimmen werden. Zudem hätten wir Kanzlerkandidaten, die „deutlich davon abweichen, was wir in den Parteien selbst sehen. Das haben wir so noch nie erlebt.“

          Davon können die drei betroffenen Parteien ein Lied singen, wenn auch mit unterschiedlicher Tonlage. Die Unionsparteien kämpfen mit einem unpopulären Kanzlerkandidaten, Olaf Scholz mit seiner unpopulären Partei und die Grünen mit Annalena Baerbock. Insofern sind die Ausgangsbedingungen dieses Abends auf dem neuen Fernsehsender der Bild-Zeitung hinreichend beschrieben.

          Mehr Diversität in der Medienlandschaft

          Zum Sendestart gab es eine „Kanzlernacht“ im Abendprogramm. Im Mittelpunkt standen zwei Interviews von jeweils neunzig Minuten mit Armin Laschet und Olaf Scholz. Schon diese Länge ist außergewöhnlich, wenn man das mit den sonstigen Formaten im deutschen Fernsehen vergleicht. In denen von ARD und ZDF sind solche Interviews mit Spitzenpolitikern selten länger als zwanzig Minuten, wenn nicht gerade Anne Will eine Sendung mit der Bundeskanzlerin macht. Das wurde flankiert von einer Zuschauerrunde, unter anderem mit der zitierten Frau Baró Fernández. Zum Abschluss gab es noch eine Journalistenrunde, aus unerfindlichen Gründen gleich mit drei Mitarbeitern der Bild-Zeitung. Wahrscheinlich sollte mit der Moderatorin Nina Schink eine Frau dabei sein, während sich gleichzeitig der Chefredakteur Julian Reichelt und Claus Strunz als Chef von Bild live für unabkömmlich hielten. So kamen wir Zuschauer auf 270 Minuten Sendezeit, was selbst für professionelle Fernsehkritiker eine Herausforderung ist. Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Sehbeteiligung im Verlauf dieses Abends entwickelt hat.

          Natürlich wäre die Bild-Zeitung ohne ihre knackigen Boulevardelemente nicht die Bild-Zeitung. So ist es zu bezweifeln, ob die in den Interviews angesprochenen Themen wirklich „die Menschen“ bewegen, so die Selbstauskunft, oder nicht doch eher die Redaktion. Bei den Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist das aber auch zu beobachten: Sie kannten im Jahr 2019 nur das Thema Klimawandel, was die Redaktionen eben mehr interessierte als die Menschen im Lande. Thematisch setzte die Bild-Zeitung andere Akzente. Sie beschrieb den Patriotismus als eine positive Eigenschaft, wonach man bei ARD und ZDF wahrscheinlich sehr lange in den Archiven suchen muss. Als Hinweis könnte ein Wahlplakat aus dem Jahr 1972 dienen: „Deutsche wir können stolz sein auf unser Land“, so war dort zu lesen. Das war kein Slogan der alten oder neuen Rechten, sondern es folgte die Aufforderung, Willy Brandt zu wählen. Interessanterweise unterschieden sich die beiden Kanzlerkandidaten nicht bezüglich ihres Verhältnisses zu staatlichen Symbolen. Laschet nähme niemandem mehr die Deutschlandfahne auf einer CDU-Siegesfeier am Wahlabend ab, wie es Angela Merkel noch im Jahr 2013 praktizierte. Scholz berichtete von seiner „Gänsehaut“ beim Abspielen der Nationalhymne. Wobei etwa in den Vereinigten Staaten auch die Demokraten den Patriotismus und dessen Symbolik für eine Selbstverständlichkeit halten. Bei uns dagegen ist diese andere Akzentuierung eher als ein Beitrag für mehr Diversität in der Medienlandschaft zu verstehen.

          Die Themen wurden von der Tagesaktualität bestimmt. Im Mittelpunkt stand das westliche Desaster in Afghanistan, mit deutlichem Abstand gefolgt von der Pandemie. Zudem ging es in weiten Teilen um den bisherigen Wahlkampf, der für die CDU nicht schlechter hätte laufen können. Laschet musste sich von Paul Ronzheimer alles anhören, was in der öffentlichen Meinung über ihn gesagt wird. Er solle zurücktreten, sei „ein Kreisligaspieler in der Champions League.“ Sein Lachen über einen Witz während einer Pressekonferenz in den Flutgebieten wurde genauso angesprochen wie sein parteifreundschaftliches Verhältnis zu Markus Söder. So muss Laschet seit Wochen gegen sein schlechtes Image ankämpfen, selbst harmlose Wahlkampfauftritte werden zum Problem. So servierte uns die Redaktion süffisant Laschets verunglückte Begegnung mit dem Hund eines Parteifreundes. Früher wäre das als amüsante Anekdote wahrgenommen worden. Heute dominiert das die Berichterstattung, keineswegs nur auf dem Boulevard. Gerade die Logik sozialer Netzwerke lebt von den gleichen Mechanismen der Zuspitzung und der propagandistischen Instrumentalisierung. Kurioserweise ist die Bild-Zeitung im Vergleich dazu ein journalistischer Musterknabe, wenigstens im Vergleich zu den politischen Kampfzeiten der 1970er Jahre.

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