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Pilcher-TV mit Harald Schmidt : Der englische Patient sucht eine Verbindung

  • -Aktualisiert am

Tea for two: Lord Hurrleton (Harald Schmidt) und Yasemin (Clelia Sarto) teilen sich einen Earl Grey. Bild: ZDF und JON AILES

Rosamunde Pilcher weiß, was Frauen wollen: Männer im Arztkittel und einen Ring am Finger. Dieses Mal regiert allerdings Harald Schmidt hinein. Da schlagen die Herzen höher.

          3 Min.

          Rosamunde Pilcher-Verfilmungen des ZDF erkennt man daran, dass sie im amönen Cornwall spielen, die Sonne scheint und am Ende geheiratet wird. Diese Trias ist übermächtig, dagegen kommt keine Vorlage an. Diese könnte man im vorliegenden Fall in George Cukors bezaubernder „Nacht vor der Hochzeit“ sehen, wäre ein Vergleich des Mainzer Landfunks mit dem reifen Hollywood-Kino nicht ein wenig vermessen. Katherine Hepburn jedenfalls wurde von ihrer Hochzeit mit einem Langweiler abgebracht, indem in letzter Sekunde ihr unwiderstehlicher, von Cary Grant gespielter Ex-Ehemann auftauchte. Aber auch der großartig unmotiviert umherstreunende James Stewart war ihr angenehm. Eine Braut und drei Männer, das hatte was.

          Was in „Ein Doktor & drei Frauen“ davon bleibt, wirkt, als hätte man einen alten Meister im Kartoffeldruckverfahren reproduziert. Zumindest gibt es auch hier eine junge, versprochene Dame, Helen Thomson, gespielt von der an Niedlichkeit der Hepburn gar nicht unbedingt nachgeordneten Anja Knauer. Der Hochzeit mit dem erzlangweiligen Reverend und Hobbyornithologen Edward (Anian Zoller) kommt in letzter Sekunde Helens Ex-Liebhaber Nael Rayan (Xaver Hutter) in die Quere, den es als Landarzt zufällig nach St. Mark verschlägt. Unwiderstehlich ist auch er, jedenfalls nach ZDF-Maßstäben: ein Weißkittelplayboy mit Dreitagebart, gletscherschmelzender Stimme, Hypnoseblick und Dandyschal, der die Gebrechlichen bezirzt und Süßholz raspelt wie ein Marken-Häcksler.

          Drei ist keine zu viel: Ein Landarzt muslimischer Herkunft (Xaver Hutter) sorgt in Cornwall für neue Verhältnisse. Die von Clelia Sarto (links), Anja Knauer (Mitte) und Liza Tzschirner gespielten Grazien haben daran ihren Anteil.

          Zwar gibt es mit dem Vater einer der Doktorfrauen sogar noch einen dritten Antragsteller für Helen, aber den vergisst sogar die butterweiche Regie (Stefan Bartmann) nach einem eher peinlichen Kurzauftritt. Der James Stewart-Part wurde also nicht adaptiert. Es fand sich wohl keine passende Kartoffel.

          Ein Bräutigam und drei Frauen?

          Außerdem wirkt hier ohnehin alles recht unmotiviert in die Gegend gestellt. Dafür hat man eine an sich nicht uninteressante Gegenrechnung aufgemacht: Den Doktor gibt es für Helen nur inklusive Harem. Als Moslem ist der Schönling da auf der sicheren Seite. Ein Bräutigam und drei Frauen: Edward der Langweiler kann es kaum fassen, bringt mehrfach den treuen Papageientaucher in Stellung gegen die morgenländische „Vielweiberei“. Köpfen lassen wolle er jedenfalls keine seiner Damen, lässt der Samtpfoten-Perser mit Seitenblick auf Heinrich VIII. wissen.

          Helen weiß zwar nicht so recht, ob sie mit einer ersten Ehefrau samt Kind sowie mit einer zweiten Ehefrau leben kann, aber dann erweisen sich beide als bestmögliche Freundinnen. Und eine ganz unislamische Erklärung für den Harem findet sich auch. Einige kleine Probleme sind noch aus dem Weg zu räumen, bevor es Ringe setzt und das Leben des „einfachen Mädchens aus einem Dorf in Cornwall“ seine vorgeschriebene Erfüllung findet. Dagegen war Hepburns Tracy geradezu ultramodern.

          Schlagfertigkeit ist in den Dialogen nicht einmal in homöopathischen Dosen enthalten: „Ich will nur sichergehen, dass das alles kein Traum ist.“ „Es ist ein Traum, aber einer, der nie enden will.“ Dabei hätte man hier einige Erwartungen haben dürfen, denn Lord Hurrleton, ein verrückter Hypochonder, dem das Dorf gewissermaßen gehört, wird gespielt von der Inkarnation der Schlagfertigkeit schlechthin. Von Harald Schmidts berühmter Scharfzüngigkeit findet sich allerdings keine Spur. Er siecht dahin, der große alte Mann, röchelt sich im Samtbademantel durch die Rolle. Kann man einem eingebildeten Kranken vorwerfen, dass er schlecht simuliert? Das muss man freilich gar nicht, denn auch auf seine Lordschaft, so ist das bei Pilcher, wartet die Liebe. Die ihn mit einem Hammerschlag niederstreckt. Und wie Harald Schmidt den verliebten Gockel gibt, das ist nun wirklich nur noch als schräge Performance anzusehen, welche alle anderen Mitwirkenden, die ihre Rollen ansatzweise ernst nehmen, alt aussehen lässt.

          Ist das also doch eine hinterlistige Rache Dirty Harrys? Der intelligenteste Talkmaster im deutschen Fernsehen, den eben dieses Fernsehen nicht mehr wollte, spielt als debiler Dorf-Chef eine der zuckrigsten Romantik-Attacken kaputt. Möglicherweise will das aber auch nur ein Harald-Schmidt-Fan so sehen: den Maestro als Sollbruchstelle im Getriebe, als Salmonelle im Eierlikör. Vielleicht war es auch bloß ein Sonnenstich im amönen Cornwall. Den „Tatort“ wird der große Ironiker jedenfalls nicht auch noch zur Eigenparodie umbiegen. Harald Schmidts Rolle soll hier, wie man hört, eine ernste sein.

          Eingewickelter Kranker: Lord Hurrleton (Harald Schmidt) lässt sich von Dr. Rayan (Xaver Hutter) und dessen vermeintlicher Frau Jasemin (Clelia Sarto) verarzten.

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