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Digitale Kirche : Gehet hin und bleibt zu Hause

  • -Aktualisiert am

„Die Kirche hat ein Image-Problem“, sagt Gunnar Engel. Bild: Anna-Marie Engel

Wenn die Menschen nicht mehr zum Gottesdienst gehen, muss die Kirche wohl zu ihnen kommen. Die sozialen Medien eignen sich dafür, also gehen Pfarrer ins Netz. Aber kann „digitale Kirche“ den Gottesdienst ersetzen?

          Es ist zehn Uhr an einem Sonntagmorgen, die Kirchturmuhr schlägt, der Gottesdienst beginnt. Doch viele Kirchenbänke bleiben leer. Die Kirchen verlieren stetig Mitglieder. Mehr als 236.000 Menschen sind 2018 aus der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten. Einer aktuellen Studie des „Forschungszentrums Generationenverträge“ der Universität Heidelberg zufolge wird sich das in nächster Zeit nicht ändern. Kommt es zu keiner Wende, könnten die beiden christlichen Kirchen bis 2060 etwa die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Aus nunmehr 44,8 Millionen Menschen in Kirchen und Gemeinden würden dann 22,7 Millionen. Auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer würden sich halbieren.

          Der Glaube ist auf dem Rückzug, das Vertrauen in die Kirche als notwendige Institution des Glaubens nimmt ab – auch wegen der Missbrauchs- und Finanzskandale vergangener Jahre. Die Kirchensteuer steht in der Kritik. Der Sonntagsgottesdienst hat starke Konkurrenz, Ausschlafen ist vielen heiliger. Im Internet wiederum sind Sinnsuche, Spiritualität und Glaubensfragen kein Randthema. Können die Kirchen dort nicht verlorenen Boden zurückgewinnen?

          Die Kirche habe ein allgemeines Imageproblem, sagt Pastor Gunnar Engel. „Wenn man heute über Kirche spricht, denkt jeder direkt an Sonntagsgottesdienst oder eine Beerdigung. Dabei ist Kirche doch viel mehr als das.“ Der 32 Jahre alte Engel sieht mit seinem Vollbart und den tätowierten Armen auf den ersten Blick so gar nicht aus, wie man sich einen Pfarrer vorstellt.

          Auf seinem Blog beschreibt er sich selbst mit Hilfe einer Liste: Gunnar Engel liebt Kaffee, ist ein Film- und Serienjunkie, aber auch Christ, Protestant und glaubt an die alleinige und heilende Kraft des Evangeliums. Er sagt: „Das Problem der Kirche ist an erster Stelle die Sprache: In der Kirche wird oftmals eine Sprache gesprochen, die Menschen und die Fragen ihres Glaubens nicht direkt genug anspricht.“ Das will er ändern und versucht, eine Sprache für den Glauben zu finden, die jeder versteht – nicht nur im Gottesdienst, sondern auch auf seinem Blog, Youtube-Kanal oder in seinem Podcast. Dort berichtet der Theologe über den Alltag als Pfarrer, spricht über den Tod und die Grundlagen einer glücklichen Ehe.

          Mit dem Begriff „digitale Kirche“ kann Engel wenig anfangen, seinen Online-Auftritt versteht er als eine Art digitalen Gemeindebrief. Er sei nur deshalb allgemein gehalten, damit auch Menschen, die nicht zu seiner Ortsgemeinde zählen, ihn verstehen. „Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Das Internet nicht zu nutzen wäre so, als hätten wir vor fünfhundert Jahren auf den Buchdruck verzichtet und stattdessen per Hand weitergeschrieben“, sagt er.

          Gleichwohl werde der Glaube weiterhin in der Kirche und der Gemeinde gelebt. Den Gottesdienst könnten soziale Medien nicht ersetzen: „Gottesdienst ist mehr als eine Predigt, einige Lieder und am Ende ein Amen“, sagt Engel. Genauso wichtig seien das geistliche Geschehen und die Gemeinschaft. „Als Pastor kann ich nicht für andere stellvertretend glauben und in die Kirche gehen. Das muss schon jeder selber tun.“

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