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„Anonymous“ gegen IS : Kampf mit Masken im Schatten

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Wer kämpft hier gegen das Böse? Szene aus dem IS-Video von „Anonymous“ Bild: Youtube / Screenshot F.A.Z

Angeblich kämpft das Kollektiv „Anonymous“ jetzt gegen den IS. Das klingt erst einmal gut. Aber was heißt das, und wer sind die Beteiligten eigentlich?

          Die Schlagzeilen versprechen Spannung, Drama und das Gefühl, dass endlich einmal jemand „das Richtige tut“. Das „Hackerkollektiv Anonymous“ kündigte an, die Propaganda-Kanäle des IS als Ziel zu wählen, wie üblich mit einem dramatisch vertonten Aufruf-Video. Offenbar war die Aktion durchaus erfolgreich: Etliche der avisierten Twitter-Accounts und Websites verschwanden – oftmals durch massenweise Meldung bei den Systembetreibern, die die Zugänge sperrten.

          Die Geschichte klingt schön und herzerwärmend – und viel zu einfach. Die Medien, fixiert auf wiedererkennbare Markenzeichen wie die bekannte Anonymous-Maske, nahmen sie dankbar auf. Das allseits bekannte Böse – in Gestalt der mordenden Islamisten des Möchtegern-Kalifats – gegen das Gute in Gestalt der Aktivisten von Anonymous. Das sind die Geschichten, die sich gut erzählen lassen, die jeder versteht und die ohne die lästigen, verwirrenden Komplexitäten der modernen Welt auskommen.

          Gern übersehen wird die Tatsache, dass Anonymous kein festgefügtes Kollektiv, keine Bewegung im klassischen Sinne ist. Die Anonymous-Maske ist ein Label, eine Marke, derer sich jeder bedienen kann. Die eingeführten Symbole, den Jargon, den Stil von Anonymous zu benutzen – dies alles ist nicht weiter schwierig, es erfordert lediglich ein wenig kulturelles Wissen von den tradierten Gepflogenheiten. Jeder kann sich die zur Anonymous-Ikone gewordene Guy-Fawkes-Maske vom Haken nehmen, sie aufsetzen und darunter seine Interessen verfolgen, so sie nur halbwegs in die bekannten Muster und Erwartungen passen. David Lloyd hat die Maske für den Alan-Moore-Comic „V for Vendetta“ entworfen. Eine politische Bewegung, die keine Anführer, Sprecher, Identifikationsfiguren mehr braucht, sondern nur ein Symbol, das sich jeder aufsetzen kann, ist die Kernidee des Werkes und wurde zuerst im Kampf gegen die Scientology-Sekte in die Realität übertragen.

          Unter dem Schutz der Maske wurden politische Aktionen möglich, die durch die allgegenwärtigen Identifikationstechniken und die Möglichkeit der Repression gegen das Individuum zu riskant und gefährlich geworden waren – etwa gegen die für ihren harschen Umgang mit Kritikern bekannte Sekte. Die Ziele, gegen die sich eine Vielzahl von Aktionen unter dem Label Anonymous richtete, waren vielfältig, gern radikal und kontrovers, mit dem Geruch des Vigilantentums. Aber sie sind eben oft auch breit zustimmungsfähig, weil sie das Böse in der Welt angehen, gegen welches die etablierten Institutionen nicht agieren können oder wollen, manchmal sind auch diese Institutionen selbst das Böse.

          Auf der anderen Seite der Geschichte steht der IS, über den nicht viel mehr bekannt ist als über Anonymous. Die Zuordnung zum IS erfolgt vor allem über die bekannten Symbole: die schwarze Kriegsflagge mit dem Glaubensbekenntnis und der belehrend erhobene Zeigefinger schwarz vermummter Gestalten mit der Kalaschnikow im Arm. Die Parallelen sind offensichtlich. Auch der IS wählte den Weg der Wiedererkennbarkeit über einfache Symbole, die Möglichkeit für jeden Willigen, sich der Bewegung anzuschließen, indem er sie benutzt, weil die Identifizierbarkeit von Personen im Zeitalter globaler Überwachung eine strategische Schwäche ist. Nur wenige der IS-Akteure treten erkennbar in Erscheinung.

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