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„Anonymous“ gegen IS : Kampf mit Masken im Schatten

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Die Auflösung der Gewissheiten in den militärischen Konflikten durch „Selbstverteidigungskräfte“ und private Söldnertruppen folgt einem Muster, das sich in den Auseinandersetzungen im digitalen Raum schon lange abzeichnet. Die Attribution eines Angriffs im Netz ist kaum möglich, wenn sich die Angreifer auch nur ein wenig Mühe geben. Selbst wenn es gelingt, eine Attacke auf einen Server in China zurückzuverfolgen, kann man immer noch nicht ausschließen, dass es nicht etwa die NSA war, die sich über mehrere Zwischenstationen Zugang zu diesem Server verschafft hat. Aus den Snowden-Dokumenten wissen wir, dass die Five-Eyes-Geheimdienste regelmäßig Tausende Systeme im Internet auf Vorrat aufbrechen, um den Ursprung ihrer Angriffsoperationen zu verschleiern.

Als jüngst die Geschichte über den angeblichen nordkoreanischen Angriff auf Sony per US-Präsidenten-Erklärung fast den Status eines casus belli erlangte, wurde die Frage der Attribution digitaler Attacken schlagartig ins Rampenlicht gerückt. Die Informationsgrundlage war dürftig. De facto gab es nur Geraune der Geheimdienste, die versicherten, über eindeutige, aber – leider, leider – nicht veröffentlichbare Beweise zu verfügen. Wie sie erlangt wurden, ob sie stichhaltig oder Produkte selektiver Wahrnehmung oder falscher Fährten sind – das kann die Öffentlichkeit nicht nachvollziehen. Entsprechend groß ist das allgemeine Misstrauen, das in einem Verlust der effektiven Fähigkeit zur politischen Meinungsbildung resultiert.

Alle gegen alle

Mit dem Ende der Möglichkeit zur eindeutigen Attribution verschwindet insbesondere im virtuellen Raum auch das Instrumentarium der konventionellen Politik und Diplomatie. Einen Gegner, den man nicht kennt, kann man nicht bestrafen, kaum abschrecken, man kann ihn schwer ächten. Die Strategien des Kalten Krieges, immer noch das Lieblingsinstrumentarium insbesondere der Militärs und vieler westlicher Politiker, laufen ins Leere.

Die Geheimdienste fühlen sich wohl in einer solchen Welt. Sie haben einen großen Anteil daran, dass die Welt so geworden ist. Dass Stuxnet, der klandestine digitale Erstschlag gegen Iran durch die Vereinigten Staaten und Israel, eine Büchse der Pandora geöffnet hat, ist mittlerweile unumstritten. Was folgte, ist ein Abgleiten in ein digitales „Alle gegen alle“, bei dem es keine Gewinner geben kann.

Die Dienste versuchen, ihre alleinige Kompetenz im Enttarnen anderer Maskenträger herauszustellen und etwaige „Fähigkeitslücken“ in diesem Bereich als Begründung für noch mehr Überwachungstechnik anzuführen. Doch selbst wenn noch mehr Überwachung irgendetwas bringen könnte: Es entstünde nur die nächste Stufe des Informationsmonopols, mit dem die Dienste das Handeln der Politik bestimmen. Niemand anderes kann ihre Informationen prüfen – und Fähigkeiten, Methoden und Operationen sind natürlich geheim zu halten.

Sich eine geeignete Maske zu nehmen, um damit eine plausible Geschichte für eine schattige Operation zu stricken, ist das ureigene Metier der Geheimen. Wir tun gut daran, Geschichten, die zu einfach, zu schön, zu plausibel sind, nicht länger zu glauben. Unsere Sehnsucht nach klaren Narrativen ist zur Falle geworden, die uns manipulierbar macht. Eine Welt voller Schattenkrieger, die sich nach Belieben eine Maske vom Haken nehmen, um uns ein schönes Theaterstück vorzuspielen, hat nichts mehr mit Demokratie oder den Idealen der Aufklärung zu tun.

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