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Kampagne für neues Online-Magazin : 15 000 Mal sechzig Euro

  • -Aktualisiert am

Sie wollen den Online-Journalismus retten: Die Autoren von „Krautreporter“ Bild: Krautreporter

Fünfundzwanzig Journalisten wollen per Crowdfunding ein neues Online-Magazin auf die Beine stellen. Ohne Verlag, ohne Werbung, nur mit der Unterstützung der Leser soll „Krautreporter“ den Online-Journalismus verändern.

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          „Das große Experiment“ steht in der Betreffzeile der E-Mail, die „Krautreporter“, bisher eine Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte, am frühen Dienstagmorgen an alle seine registrierten Nutzer schickte. Die Nachricht ist knapp. Alles sei jetzt neu bei Krautreporter, heißt es da, fünfundzwanzig Journalisten wollen ein Online-Magazin gründen, „für digitalen, werbefreien, sorgfältigen Journalismus“. Der Link zur Webseite funktioniert nicht – sie ist vor Überlastung zusammen gebrochen.

          Fürs erste bleiben nur die spärlichen Informationen aus der E-Mail: Die Plattform „Krautreporter“, auf der bisher Journalisten Geld für ihre Projekte sammeln konnten, wird bis August ausgesetzt und dann in das neue Großprojekt, ein Online-Magazin unter demselben Namen, eingegliedert. Damit dieses Magazin zustande kommt, müssen aber erst einmal 15 000 Menschen ihre Unterstützung in Form von sechzig Euro zusagen. Ein paar Stunden später, die Webseite ist jetzt online, gibt es Details zum Unterfangen – und es wird klar, welche Ziele es sich setzt. „Der Online-Journalismus ist kaputt“, diagnostizieren die Macher, und versprechen: „Wir kriegen das wieder hin.“ Die fünfundzwanzig Journalisten wollen also den Online-Journalismus retten, mit einem werbefreien und von Lesern finanzierten Magazin.

          Nur vom Leser abhängig

          Die Zusammensetzung des Teams beeindruckt. Es ist eine Mischung von etablierten Journalisten wie Richard Gutjahr, Stefan Niggemeier und Thomas Wiegold sowie jungen, unbekannteren Gesichtern, die für die Medienlandschaft nach der digitalen Revolution stehen, wie Frederik Fischer etwa, einer der Gründer von „Tame“, mit dem man Twitter-Posts analysieren kann. Dazu kommen Fotografen, Filmemacher und Reporter im Ausland. Einzig zu bemängeln ist die geringe Zahl an Frauen im Team. Thematisch sind die „Krautreporter“ breit aufgestellt: Die Spezialgebiete der Journalisten reichen von Sportpolitik bis hin zu Gesellschaft und Wissenschaft.

          Jenseits von Ressortgrenzen wollen sie alle Hintergrundgeschichten erzählen, gut recherchiert, ohne Zeitdruck, die Pressemitteilung nennt es „klassischen Magazin-Journalismus in zeitgemäßer multimedialer Aufbereitung“. Das ganze wird nur zustande kommen, wenn bis zum 13. Juni 15 000 potentielle Leser zusagen, das Projekt mit sechzig Euro zu unterstützen. Im Gegenzug gibt es ein Jahresabo des Magazins. Die sechzig Euro werden den Nutzern erst abgebucht, wenn das Projekt 15 000 Unterstützer hat und somit für das erste Jahr finanziert ist, und das Abo verlängert sich auch nicht automatisch.

          Die Leser zu halten wird dann das nächste Unterfangen der fünfundzwanzig Wagemutigen. Stefan Niggemeier, einer der involvierten Journalisten, sagt im Vorstellungsvideo, man wolle sich einzig und allein von den Lesern abhängig machen. Nicht von einem Verlag, nicht von Werbekunden, nicht von einem Suchmaschinen-Algorithmus.

          Initiator Sebastian Esser will eine Community schaffen, in der Autoren und Leser sich austauschen.
          Initiator Sebastian Esser will eine Community schaffen, in der Autoren und Leser sich austauschen. : Bild: Krautreporter

          Ein Vorbild für das Projekt gibt es bereits in den Niederlanden, „De Correspondent“ heißt es. Im vergangenen Jahr fand es durch Crowdfunding 17 000 Unterstützer und hat heute bereits über 30 000 Abonnenten. Die Leser sind Teil einer aktiven Community, kommentieren und  tauschen sich mit den Autoren aus. Ein solch positives Klima will man bei „Krautreporter“ auch schaffen, so Initiator Sebastian Esser: „Wenn die Leute unter ihrem wirklichen Namen schreiben und in einer bestehenden Gemeinschaft kommunizieren, das wirkt sich sehr positiv auf Online-Gespräche aus.“

          Eine Basisversion des Magazins wird für alle frei zugänglich sein, nicht aber die Community, in der sich Schaffer und Nutzer des Mediums begegnen. Das Prinzip des Austauschs setzt voraus, dass sich auch die Autoren aktiv an den Diskussionen beteiligen. „Darauf haben wir schon geachtet“, so Esser: „Die meisten von uns sind online sehr aktiv und twittern und bloggen bis zum Gehtnichtmehr. Ich glaube, das haben wir drauf, das haben wir schon bewiesen, dass wir das können.“

          Bei „Krautreporter“ soll nicht einfach Geld in die eine und journalistischer Inhalt in die andere Richtung fließen, sondern eine Community entstehen, in der Autoren und Nutzer das Interesse an guten Geschichten eint. Es hört sich fast ein bisschen romantisch an. Ob „das große Experiment“ am Ende gelingt, ist noch nicht absehbar, aber die fast minütlich  hinzukommenden Unterstützer deuten darauf hin, dass das Unterfangen der „Krautreporter“ nicht ganz so verstiegen ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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