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Kaminers Deutschlandreise : Auf einen Schnack in Gurkenvenedig

  • -Aktualisiert am

Alle unter der Haube: Wladimir Kaminer mit Models im Spreewald. Bild: ZDF und Christian A. Roeder

Man kommt nicht überall leicht mit Leuten ins Gespräch, vor allem nicht im Westen der Republik. Im Spreewald ist das anders. Ob das an den Mücken liegt?

          Von einer Hamburger Filmproduktionsfirma bekam ich das Angebot, eine Fernsehdokumentation über die deutschen „Kulturlandschaften“ für 3sat zu drehen. Meine Aufgabe wäre es, mit einem Filmteam auf die Reise zu gehen und interessante Künstler an kleinen exotischen Orten zu fragen, was sie an diesen Orten hält, was sie dort besonders schätzen. Die Sendung sollte eine Mischung aus Heimatfilm und Kunstreportage sein. Außerdem, und darauf bestand die Regisseurin hartnäckig, sollte ich in jeder Folge „einen Schnack mit einfachen Menschen auf der Straße machen“, so schrieb sie mir.

          Ich war mir nicht sicher, was genau ich mit den einfachen Menschen machen sollte. Obwohl seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland lebend, kannte ich das Wort „Schnack“ nicht. Ich fragte meine Kinder, die beide in Deutschland geboren, also quasi von Natur aus deutsch sind. Sie kannten nur Schnickschnack - unnötige Sachen, die auf dem Dachboden abgelegt werden.

          Wer war Anton Schnack?

          Ich googelte und fand Anton Schnack, einen deutschen Schriftsteller, 1973 gestorben. Der war es sicher auch nicht. Als zweite Eintragung las ich dort, ein „Schnack“ stehe umgangssprachlich für ungezwungene Unterhaltung. Na ja, dachte ich, das ist leichter gesagt als getan. Und wenn die Leute von der Straße mit mir nicht schnacken, was tun?

          Die Künstler haben eine starke Motivation vor der Kamera zu reden, sie möchten, dass mehr Menschen ihre Kunst sehen. Sie schnacken, was das Zeug hält. Aber einfache Menschen von der Straße haben es nicht nötig, für irgendwelche Kunstprodukte Werbung zu machen. Wer will schon auf der Straße von einem komischen Russen von der Seite angeschnackt werden? Ich hatte große Zweifel, was die ungezwungene Unterhaltung betrifft.

          Formationsaufstellung: Wladimir Kaminer posiert mit einer Tanzgruppe in Posen.

          Meine erste Stadt war Wuppertal. Zwei ältere Damen gingen mit Pekinesen spazieren. Ich kam auf sie zu und sagte „Hallo! Und wie gefällt es Ihnen hier in Wuppertal?“ Das Kamerateam umzingelte die Omas. Sie wirkten souverän, zeigten uns den Finger und liefen weg, schneller, als der Arzt erlaubt, ihre Pekinesen kamen ihnen kaum hinterher. In der Schwebebahn kam es dann doch zu einem Gespräch: Sind Sie Schauspieler?, fragte mich eine Oma. Nee, sagte ich, hauptberuflich Schriftsteller. Dann viel Spaß, sagte die Oma und stieg aus.

          Nach einigen gescheiterten Versuchen fragte ich die Regisseurin, ob es nicht möglich sei, die Menschen vorzuwarnen, dass gleich ein Russe mit patriotischem Schnack zu ihnen komme. Das Hauptproblem beim Schnacken war die Tatsache, das die meisten Menschen gar nicht heimisch an den Drehorten waren, sie sind zum Teil von weit her gekommen und wollten nun ihre eigenen Geschichten erzählen. Andere wollten bessere Schmähgedichte über Erdogan deklamieren. Noch andere schimpften über die Stadtplaner. Manche konnten überhaupt kein Deutsch. In Saarbrücken haben wir mit Mühe einen Imbissverkäufer über saarländische Küche ausgefragt. In Offenbach lief uns ein Amerikaner die halbe Straße hinterher und forderte uns laut auf, ihm das Filmmaterial auszuhändigen, auf dem er zu sehen sei. Wahrscheinlich hatte er seiner Frau zu Hause nicht gesagt, dass er in Offenbach steckt.

          Als hätten sie auf mich gewartet

          Fast überall im Westen bin ich mit ungezwungener Unterhaltung gescheitert. Im Osten dagegen schnackten die Menschen ohne Halt und ohne Reue, als hätten sie nur auf mich gewartet. Besonders gut gelungen fand ich eine solche Unterhaltung im Spreewald. Anfang April besuchten wir Lübbenau, die Touristen waren nur zu Ostern kurz da gewesen, dann war wieder tote Hose, doch die Vorbereitungen auf die neue Saison waren bereits abgeschlossen. Die Kanufahrer, die Gurkenverkäuferinnen, die Fischbrötchenanbieter, die sorbischen Modedesigner, sie alle standen bereits draußen und langweilten sich.

          Wer will schon nach Venedig? Treffen mit einem Kahn-Kapitän.

          Und da kamen wir wie gerufen - mit der Frage „wie gefällt Ihnen Lübbenau“. Es waren spannende informative Gespräche. Ich habe tausend Gurkensorten persönlich kennengelernt, die süßen, die scharfen und die sauren, die meisten kannte ich früher nur vom Hörensagen.

          Im Venedig des Ostens

          Was geht ab im Venedig des Ostens?, schmeichelte ich einem Kanukapitän mit Seemannsmütze und großem flauschigen Schnurrbart: „Ach hören Sie auf mit Venedig“, meinte der Kapitän, „das können Sie gar nicht vergleichen. Man sagt ja, ,Venedig sehen und sterben‘. Ich bin letztes Jahr in Venedig gewesen“, und ich bin gestorben. Es hat zum Himmel gestunken, nicht vergleichbar mit unserem Bioreservat.“ Insgesamt war den Menschen im Spreewald sehr nach Schnacken zumute, die sorbischen Designer zeigten mir ihre neueste Kollektion, Blusen und Röcke mit kleinen niedlichen glänzenden Mücken dekoriert.

          Der Wahrheit halber muss an dieser Stelle jedoch gesagt werden: Die Mücken im Spreewald sind nicht klein und niedlich, es sind große und gefährliche Wesen wie die Krokodile im Nil. Die Menschen sind jedoch offen und freundlich. Wir haben geschnackt bis zum Sonnenuntergang. Lübbenau, dieses Gurkenvenedig des Ostens, wird sicher die beste Folge abgeben.

          Der Schriftsteller Wladimir Kaminer gestaltet bei 3sat in dieser Woche die Reihe „Kulturlandschaften“. Heute besucht er die Lausitz. Die Reportagen laufen um 19.30 Uhr und werden in die Mediathek von 3sat eingestellt. An dieser Stelle berichtet Wladimir Kaminer von den Umständen der Erkundung.

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