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Kameraflüge : Mit der Drohne sieht man besser

Hier sind wir, schieß ein Bild von uns! Für diese Touristen in Rio de Janeiro war die Fußball-WM eine willkommene Gelegenheit für ein Drohnen-Selfie. Bild: mauritius images

Als Kriegsgerät fing sie an, nun ist sie auf bestem Weg, den Journalismus zu verändern. Mit Kameradrohnen lassen sich Perspektiven einnehmen, die im Fernsehen noch nie zu sehen waren. Ein Probeflug.

          Erst ist da nur dieses Sirren, irgendwo weit oben, wie von einem aufgescheuchten Bienenschwarm, dann kommt die schwarze Silhouette zwischen den Baumwipfeln in Sicht: Einem Rieseninsekt gleich schwebt sie über den Bassinplatz in Potsdam, an jedem der acht Arme schwirrt ein Rotor. Das Sirren wird lauter, wird ein Dröhnen, das Flugobjekt kommt näher, jetzt sehen wir, dass die Kamera zwischen seinen gekrümmten Beinen direkt auf uns gerichtet ist - da steuert Fabian Werba die Drohne in die gereckten Arme seines Kameramanns, der sie vom Himmel pflückt. Die nächsten Luftbilder für „Abenteuer Havel“ sind im Kasten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwei Männer mit umgehängten Fernsteuerungen vor dem Bauch, eine Frau, die am Handy die Location für den nächsten Kameraflug festmacht, ein paar Schaulustige, die ihre Hälse recken, um zu sehen, was da fliegt: Allzu abenteuerlich sieht es nicht aus, wenn der Rundfunk Berlin-Brandenburg für eine Doku nach dem Motto „so schön ist unser Land“ das Gerät einsetzt, von dem viele sagen, dass es den Journalismus revolutionieren werde und nicht nur ihn: die kamerabewehrte Drohne.

          Als Kriegsgerät begann ihre Karriere. Als ziviles Werkzeug, mit dem sich Fotos schießen statt Raketen abfeuern lassen, geht ihr Aufstieg weiter. Anders als der gute alte Modellhubschrauber lassen sich moderne Kameradrohnen leicht lenken. Oft reicht eine App fürs Smartphone, und die kleinen Kopter, wie sie korrekt heißen, schrauben sich mit ihren vier bis zwölf Rotoren in die Höhe. Die Software übernimmt die Steuerung der Propeller, hält die Drohne auf Kurs und die Kamera in der Horizontalen - für saubere Bilder ohne Wackler.

          Von der Frosch- in die Vogelperspektive

          Das klingt nach einem Kinderspiel. Längst gelten Drohnen deshalb nicht mehr nur als next big thing für Reporter, Filmemacher und Fotografen, als technisches Wunderwerkzeug, das Bilder von Gegenden liefert, in die man selbst schlecht kommt - sei es, weil das Gelände zu unwegsam, zu gefährlich oder das Grundstück von einem zu hohen Zaun umgeben ist. Die Drohne verheißt neue Einblicke für Naturfilmer, Berichterstatter aus Katastrophengebieten und Kriegen, Investigativreporter und Paparazzi. Ist sie deshalb gut oder böse? Auf alle Fälle ist sie verlockend, schon weil beim Elektronikhändler im Netz das Einsteigermodell inklusive Kamera für siebzig Euro zu haben ist.

          Der Octokopter, den Fabian Werba und Elke Thimm in Potsdam in den Kofferraum ihres Kleinbusses hieven, hat dagegen 20.000 Euro gekostet. Als die Cutterin und der Kameraassistent vor gut einem Jahr ihre Firma Fiwafly gründeten, gehörten sie zu den Ersten, die in Deutschland Drohnenaufnahmen in Fernsehqualität anboten. „Damals hatte noch kaum jemand überhaupt von Kameradrohnen gehört“, sagt Elke Thimm, als sie die Akkus aus den Halterungen nimmt und an die Autobatterie klemmt, die als mobile Ladestation dient. Wie ihr Partner Werba ist sie etwa vierzig Jahre alt und braun gebrannt von den vielen Außendrehs. Inzwischen seien Drohnen nichts Neues mehr. „Aber Drohnen sind schick. Wir bekommen viele Anfragen von Regisseuren, die sagen: Wir wollen unbedingt irgendetwas mit Drohnen machen, aber was genau, wissen wir nicht.“

          Der Dreh bei der Drohne, sagt Werba und steigt ins Auto, sei aber: „Sie deckt den Zwischenbereich ab zwischen Kamerakran und Helikopterflug, und das zum kleineren Preis.“ Dazu biete sie diesen speziellen „Wow“-Effekt, wenn das Gerät vom Boden abhebt, sich von der Froschperspektive in die Vogelperspektive katapultiert und anschießend so dicht an Objekte heranfliegt wie kein anderes. Der Kopter liefere einfach „schöne Bilder“, sagt er, und um nichts anderes geht es auch am nächsten Drehort, dem Brandenburger Tor in Potsdam.

          Für die Spionage sind die Drohnen zu laut

          Eine Fußgängerzone, Gebäude, Menschen, Autos: „Das ist so eine typische, schwierige Situation für uns“, sagt Werba. Die Drohne startklar zu machen dauert nur Minuten, Kamera angehängt, Akkus rein, rote und blaue Lampen leuchten auf, das Gerät durchläuft einen Check, es piept, dann kann es losgehen. Aber vor dem Flug stehen für alle, die Drohnen gewerblich nutzen, die gesetzlichen Bestimmungen. Beim Luftfahrtamt des Bundeslands, in dem das Gerät steigt, muss eine Aufstiegsgenehmigung beantragt werden. Sie gilt für zwei Jahre, wenn der Kopter weniger als fünf Kilogramm wiegt. Je nach Einsatzort braucht es aber Einzelfallgenehmigungen, in Berlin ist es wegen der vielen Flugverbotszonen rund um Regierungsgebäude besonders knifflig, eine Starterlaubnis zu bekommen.

          Privatleute haben es da leichter. Sie können ihre leichten Hobbydrohnen prinzipiell einfach fliegen lassen. Im Tiefflug über Nachbars Grundstück rauschen dürfen allerdings auch sie nicht, und was Aufnahmen angeht, gelten das Urheber- und das Persönlichkeitsrecht wie sonst auch. Wer jemanden nackt beim Sonnenbaden in einem nur von oben nicht sichtgeschützten Garten ablichtet, macht sich strafbar. Prinzipiell, sagt Werba, eigneten sich die handelsüblichen Drohnen aber sowieso nicht als Spähinstrumente. Sie seien schlicht zu laut. Und durch verschlossene Fenster in Wohnungen spionieren könnten sie auch nicht, wegen der Spiegelung auf den Scheiben.

          Was ihm beim Flug über die Altstadt mehr Kopfzerbrechen macht, sind die Menschen. Er darf sie nicht überfliegen, aber wann genau ist seine Drohne über einer Person? Schwer zu sagen, überdies für jemanden, der sein Gerät auf Sicht steuert, weil es so vorgeschrieben ist. Datenbrillen, mit denen man beim Lenken das sehen kann, was die Kamera einfängt, sind in Deutschland verboten. Aber Werba arbeitet ohnehin lieber mit einem zweiten Mann, der die Kamera führt. An diesem Tag ist es Christian Schulz, der den Blick nicht von seiner Fernsteuerung mit Kontrollschirm lässt und Werba zuruft, ob er höher oder niedriger gehen soll.

          Die Drohne eliminiert den Menschen

          Ob so eine Drohne einfach vom Himmel fallen kann? „Nur wenn die Akkus den Geist aufgeben“, sagt Werba. Bei niedrigem Batteriestatus fliege das Gerät automatisch zurück oder lande von selbst. Die Akkus sind trotzdem der Schwachpunkt: Bei einem Absturz können sie in Flammen aufgehen. Und voll geladen halten sie den Kopter gerade einmal acht Minuten in der Luft.

          Am Brandenburger Tor ist ein Rentner stehen geblieben, schaut nach oben und sagt: „Oh, FBI oder CIA?“ Die Drohne fliegt einmal hin, einmal her, das war es hier schon, aber sie ist ein Objekt der Angstlust, das wissen auch Fabian Werba und Elke Thimm. Da kommt etwas von oben, das sich scheinbar autonom bewegt, wer es steuert, ist erst einmal genauso unklar wie seine Absicht. Dass die Menschen im Visier von Überwachungskameras sind, im Bus, in der Bahn, in der Bank, dass ihre Handys geortet und ihre Spuren im Internet verfolgt werden, scheint viele Menschen nicht so nervös zu machen wie Kameradrohnen. Weil sie physisch präsent sind und wohl ähnliche Reflexe auslösen wie eine Wespe. Die Lust ist auf der Seite desjenigen, der sich zumindest virtuell erheben kann und später Bilder über den Laptop gleiten sieht, die tatsächlich anders aussehen.

          Wie computeranimiert sieht der Flug über die Straßenzüge aus, makellos, aus einer Perspektive, die nicht die des Menschen ist. Der Medienwissenschaftler und Journalist Max Ruppert, der Fabian Werba und Elke Thimm aus Studienzeiten kennt und heute mit ihnen das Blog „Volle Drohnung“ betreibt, forscht in Stuttgart an der Hochschule der Medien (HdM) über Drohnenjournalismus. Außer in Stuttgart wird noch an zwei anderen Hochschulen über die Möglichkeiten von Kameradrohnen nachgedacht: an der University of Nebraska und an der Columbia University. Für Max Ruppert ist der spannendste Punkt an der ganzen Sache: Die Drohne eliminiere den Menschen.

          Giraffen auf Augenhöhe

          Als er diesen Satz sagt, sitzt Ruppert in seinem Büro in der HdM und merkt selbst, wie gruselig er klingt. Dann klappt er sein Notebook auf, bei dem das Kameraauge zugeklebt ist, und zeigt, was genau er meint. „Bisher haben Journalisten die neue Technik kaum innovativ eingesetzt.“ Die Drohne liefere oft schlicht Bilder von oben oder dekoratives Schnittmaterial. Dabei sei die eigentliche Frage: „Gibt es Formate, die nur ein Kopter ausfüllen kann?“

          Ein Beispiel: Auf dem Bildschirm läuft eine CNN-Reportage, die den Reporter inmitten des Trümmerfelds zeigt, das ein Tropensturm hinterlassen hat. Die Bilder stammen von einer Drohne, die sich dem Reporter nähert, während er in ihre Richtung spricht, dann fliegt sie über ihn hinweg auf das Feld der Verwüstungen hinaus - und unser Blick fliegt mit. „Für einen Kameramann wäre es unmöglich gewesen, das einzufangen“, sagt Ruppert. Ein Hubschrauber wäre nicht so dicht an die Oberfläche gekommen. Die Drohne zeige hier etwas, das sonst ungesehen geblieben wäre. Das ist auch der Grund, warum die BBC - so stand es in einem Bericht der Londoner „Times“ - bald lieber Kameradrohnen statt Reporter in Kriegsgebiete schicken will.

          Nächstes Beispiel: Tierfilme. Diese Sequenz hat Max Rupperts Kollege Ben Kreimer vom Drone Journalism Lab in Nebraska gedreht: Giraffen auf Augenhöhe, irgendwo in Afrika. Wobei die Tiere sich offensichtlich nicht von dem sirrenden Objekt gestört fühlten. Im Gegenteil, sie schauen in seine Richtung und nähern sich sogar auf wenige Meter.

          Das „Selfie“ auf neuem Niveau

          Ruppert lehnt sich zurück. Investigative Recherchen seien ein weiteres Einsatzfeld, es gebe inzwischen schon sogenannte „Nano Drones“, die in die Hand passten und statt Rotoren Flügel hätten. Noch spannender als Fotos und Filme seien für Undercover-Recherchen aber Geräte, die mit Sensoren ausgestattet seien. Die Wasserproben nehmen oder Luftschadstoffe messen könnten.

          Aber dann gibt es noch das weite Feld dessen, was weniger ernsthaft ist und gerade deshalb seinen Reiz hat. Auf dem Monitor joggt nun Max Ruppert durch einen Wald, verfolgt von einer Drohne, die sein Mitblogger Werba steuerte. „Acht Minuten joggen mit einem Promi“, sagt Ruppert dazu, das wäre doch mal ein spannendes Fernsehformat. Der Zuschauer allein mit dem Prominenten auf dessen Laufstrecke. Klingt vielleicht nicht ganz überzeugend. Dafür hat Martha Stewart, Amerikas mediale Über-Hausfrau, die jüngst eine Art Liebesbrief an ihre private Drohne veröffentlichte, erkannt, was die Leute tatsächlich fasziniert: Wenn sie ihren Kopter über ihr Anwesen fliegen lasse, sei auch sie selbst auf den Bildern zu sehen. Die Drohne hebt eben sogar das „Selfie“ auf ein ganz neues Niveau.

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