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Chefredakteur ARD-aktuell : Wir dürfen nicht einfach draufhalten

Wer ein Smartphone besitzt, hat sein eigenes Fernsehstudio. Das weiß auch Erdogan und geht via Handy auf Sendung, als Teile des Militärs gegen ihn putschen. Bild: Reuters

Live-Videos im Netz laufen dem Fernsehen den Rang ab. Müssen Sender ihre ethischen Standards brechen, um mitzuhalten? Kai Gniffke über die Herausforderungen des Streamings.

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          Als das Erste am Abend des Putschversuchs in der Türkei einen „Tatort“ wiederholte, während man die Ereignisse live auf Twitter und Facebook verfolgen konnte - hat da das Fernsehen vor den sozialen Netzwerken als neuen Live-Medien kapituliert?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nein, das war zum Glück nicht so. Schon während der „Tagesthemen“ haben wir erste Einschätzungen gegeben, anschließend die Zuschauer über Laufschrift auf dem Laufenden gehalten, den „Tatort“ für eine Extraausgabe unterbrochen und im Anschluss daran eine halbstündige Extrasendung gebracht. Das ist keine Kapitulation, das ist solide Information.

          Trotzdem hat sich die Situation für Sie verändert, seit jeder auf Facebook und Twitter Live-Videos senden kann. Das Fernsehen hat sein Monopol auf das bewegte Echtzeit-Bild verloren. Beginnt ein Hase-und-Igel-Wettlauf mit den sozialen Netzwerken?

          Ich sehe uns nicht im Wettbewerb mit den sozialen Medien. Tempo ist für uns nichts Neues, und schneller als live geht nicht. Insofern ist die Beschleunigung nicht das Problem. Die Herausforderung liegt eher in der Masse von Informationen, die mit Handy-Videos von Internetnutzern dazugekommen ist.

          Wie gehen Sie mit Handy-Videos von Orten des Schreckens um?

          Wir haben eine Verifikations-Einheit, die prüft, ob das Material authentisch ist. Bleiben Zweifel an der Echtheit, machen wir das im Nachrichtentext deutlich oder verzichten auf das Material.

          Bei live im Netz gestreamten Videos ist das nicht möglich.

          Richtig, da gibt es keine Prüfung mehr, da heißt es nur: Senden oder nicht senden? Früher hatten wir die Kontrolle über Live-Berichterstattung, weil wir die Einzigen waren, die die Übertragungskapazitäten hatten. Heute stellt sich für uns die Frage: Wie können wir, wenn wir auf ein Live-Video aus dem Netz zurückgreifen, unseren ethischen und journalistischen Prinzipien gerecht werden? Wie zeigen keine sterbenden Menschen, wir zeigen keine rohe Gewalt. Aber was mache ich bei einem Live-Signal, bei dem ich nicht wissen kann, was passiert?

          Sie können es nicht live übernehmen.

          Strenggenommen können wir gar nichts live übernehmen. Wobei ein Stream etwa von einer Pressekonferenz einigermaßen unbedenklich ist. Aber unser Weg wird im Zweifel ein Weg der Zurückhaltung sein. Wir leisten der Gesellschaft keinen Dienst, wenn wir einfach draufhalten und in einen Wettbewerb um das spektakulärste Bild eintreten.

          Denken Sie darüber nach, Live-Videos aus dem Netz mit Zeitverzögerung in Ihre Berichterstattung einzubinden?

          Das wäre eine Möglichkeit. Dann könnte man das Bild anhalten, wenn furchtbare Dinge geschehen. Wir müssen damit rechnen, dass auch terroristische Anschläge gestreamt werden.

          Der Terrorist, der in Frankreich ein Polizistenehepaar ermordete, hat seine Taten live auf Facebook gesendet. Muss sich das lineare Fernsehen angesichts solcher Entwicklungen vom Echtzeit-Medium zu einem einordnenden, aber auch nachgeordneten wandeln?

          Nein, das ginge mir zu weit. Wir sind ein Live-Medium und bleiben es.

          Lassen Sie uns über Beispiele aus den vergangenen Tagen sprechen. Nach dem Attentat in Nizza haben Sie in den „Tagesthemen“ Richard Gutjahr zugeschaltet, der vor Ort war. Sie zeigten Ausschnitte seines Handy-Videos vom Anschlag. Welche Überlegung stand dahinter?

          Das Video war das Dokument, das man zeigen musste. Zumal es aus einer Perspektive aufgenommen war, aus der man nicht sah, wie Menschen ums Leben kamen. Was aber zu sehen war, vermittelte einen Eindruck von dem Geschehen. Wir haben das Video zudem nicht live gestreamt.

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