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Kachelmann-Prozess : Auf der Bühne des Rechts

Auftritt der Hauptfiguren: Wettermoderator Jörg Kachelmann... Bild:

Für viele war der Prozess um Wetteransager Jörg Kachelmann eine unangemessene Schmierenkomödie. Dabei muss eine Gerichtsverhandlung immer vor allem eines sein: Theater.

          Etwas ist passiert, in der Nacht auf den 9. Februar; zwei Menschen wissen, was genau. Wenn das Mannheimer Landgericht am kommenden Dienstag das Urteil im Fall Kachelmann sprechen wird, nach einem ungewöhnlich langwierigen Prozess, der sich über mehr als neun Monate und 44 Verhandlungstage hinzog, wird sich daran nichts geändert haben. Nur diese beiden Menschen werden nicht mehr dieselben sein.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aus Jörg Kachelmann zum Beispiel, dem Mann, den man sich heute schon gar nicht mehr als drolligen Wetteransager vorstellen kann, ist mittlerweile eine Redewendung geworden. „Den Kachelmann machen“, das sagt man jetzt so, wenn man ein Faible hat für dumme Witze. Und dass die Nebenklägerin noch weiß, wer sie ist, kann man nur hoffen, die Radiomoderatorin, die sich in den vergangenen Monaten gefallen lassen musste, wahlweise als Claudia D. („Welt“, „Spiegel“), Petra S. („Blick“), Tatjana R. („Bunte“), Silvia May („Stern“), Simone D. („Zeit“, „Tagesspiegel“) oder Sabine W. („Bild“, „Frankfurter Rundschau“, „Kölner Express“, „Focus“, RTL) anonymisiert zu werden.

          Die sachdienlichen Hinweise, die der Prozess ergeben hat, die lassen sich an einer Hand abzählen. Ein Messer ohne DNA-Spuren, Verletzungen fraglichen Ursprungs und eine eingestandene Falschaussage: Das sind die neuen Erkenntnisse, die man mit etwas gutem Willen noch als halbwegs stabile Indizien werten kann. Doch selbst die wenigen Fakten sprechen immer gleichzeitig für These und Antithese: die Abwesenheit von Spuren für ihre Beseitigung, die Lüge des mutmaßlichen Opfers für seinen traumatischen Realitätsverlust, das Gutachten, das die Hämatome für selbst beigebracht hält, für die Befangenheit des Gutachters. Je mehr Details im Laufe des Prozesses bekannt wurden, desto wilder wurden die Spekulationen. Und so fungierte die Verhandlung eher als Multiplikator als als Eliminator wilder Hypothesen: Am Anfang gab es zwei Versionen der Geschichte; jetzt kann sich jeder den Ablauf der Nacht aus einem Baukasten schillernder Halbwahrheiten selbst zusammenreimen.

          ...und das mutmassliche Opfer Sabine-Simone-Tatjana-Claudia-Silvia-Petra

          Schmutzige Show

          Der Aufwand zur Ermittlung dieser Details war umwerfend: Dreißig Zeugen wurden gehört, darunter die Angestellten des Hotels, in das Kachelmann eincheckte, nachdem er Simone-Sabine verlassen hatte, zehn seiner Ex-Geliebten, eine davon in der Schweiz, die Freundin einer Ex-Geliebten, die beiden Staatsanwälte und Alice Schwarzer, die ausnahmsweise einmal die Aussage verweigerte. Es gab Hunderte Akten, alleine die Protokolle von Kachelmanns Chat- und E-Mail-Verkehr mit der Nebenklägerin füllten fünf Ordner. Zehn Gutachter mussten durchs Land gekarrt werden, Dutzende Reporter reisten Woche für Woche an, aus Hamburg, München, manchmal auch aus Köln.

          Für viele ist das zu viel. Der Prozess sei nur noch Theater, beklagten selbst jene Beobachter, die darin längst eine Hauptrolle spielten, eine Groteske, reiner Klamauk. Das ist eine interessante Umschreibung für einen Gerichtsprozess, dessen Verhandlungen zu großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Die Wahrnehmung, es handle sich dabei um eine unangemessene Show, hat wohl am ehesten mit einer als unkoscher empfundenen Vermischung zweier vermeintlich eigenständiger Sphären zu tun, von der man befürchtet, sie führe unweigerlich zu einer Kontamination der Wahrheitsfindung. Dass sich die Diskussion über die Schuld des Angeklagten in die schmutzigen Räume der Talkshows verlagert, führt dabei genauso zu Verunreinigungen wie umgekehrt die Tatsache, dass die Berichterstattung zum Gegenstand des Prozesses wurde, und zwar spätestens als Kachelmanns neuer Verteidiger Johann Schwenn die Durchsuchung der Redaktionen von „Bunte“ und „Focus“ beantragte.

          Verwandschaft von Gericht und Theater

          Die Kritik an einer solchen Show übersieht die wesentliche Verwandtschaft von Gericht und Theater. In ihrem Anfang Juni erscheinenden Buch „Medien der Rechtsprechung“ (S. Fischer) analysiert Cornelia Vismann, die bis zu ihrem Tod im August 2010 als Professorin für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar arbeitete, diese „unhintergehbare theatrale Dimension des Rechtsprechens“. „Gerichthalten heißt Theater veranstalten“, schreibt Vismann, was keinesfalls abwertend gemeint ist. Zum einen nämlich ist die Öffentlichkeit das unverzichtbare Mittel gegen arkane Urteile (und die Klage über den „tragik-komischen Charakter“ der Rechtsprechung zweihundert Jahre alt).

          Zum anderen ist die öffentliche Aufführung notwendig, um die durch ein Verbrechen zerstörte symbolische Ordnung wiederherzustellen, um die Tat gewissermaßen wieder in den Raum des Worts zurückzuholen: „Ginge es allein darum, den Tathergang herauszufinden, bräuchte man dieses Theater nicht. (. . .) Auch zur Urteilsfindung trägt ein solches Schauspiel nichts bei“, schreibt Vismann. All das könnte man bequem auch schriftlich erledigen. Bei jedem Prozess, erst recht natürlich bei einem derart prominenten, geht es um mehr als um die Entscheidung am Ende, den letzten Akt: Es geht darum, der Gerechtigkeit bei der Arbeit zuzusehen.

          Reine Wahrheit

          Was nämlich sichtbar wird in all den juristischen Gefechten und Tricks, in der Belanglosigkeit stundenlanger Zeugenaussagen und in den biegsamen Indizien, das ist der Wahnsinn, der in jeder Urteilsfindung liegt, die Elemente von Willkür, die ein Richter nie vermeiden kann. Der wissenschaftliche Eindruck, den so ein Prozess vermittelt, mit all seinen kriminologischen und juristischen Sachverständigen, ist selbst auch nur eine magische Illusion, die Rollenprosa, die das Publikum erwartet.

          Wenn solche Instrumente nicht mehr helfen, greift selbst das Gericht zu einem Mittel, von dem auch Journalisten oft genug glauben, es trage zur Aufklärung bei: zur Empathie. Wenn nichts mehr hilft, dann tut auch ein Gericht so, als müsse man die Zeichen nur lange genug lesen, um die Wahrheit zu erkennen, die kleinen Gesten, die unbewussten Mienen. Das mutmaßliche Kachelmann-Opfer jedenfalls musste an einem Verhandlungstag eine Prozedur über sich ergehen lassen, die so zynisch wie vorsintflutlich wirkt: Sie wurde während ihrer Aussage von einer Videokamera gefilmt, die vor ihr auf einem Stativ stand, das Bild ihres Gesichts wurde dabei in Großaufnahme auf eine Leinwand projiziert, damit den Sachverständigen keine Regung entgeht, kein Wimpernzucken, keine Träne. Man kennt diese Art der Diagnose noch von den Bildern des abgeführten Kachelmanns. Wozu soll man auch hundertseitige Gutachten lesen, wenn der Frau die Wahrheit ins Gesicht geschrieben steht.

          Dass immer noch nicht mehr als zwei Menschen diese Wahrheit kennen, das wird dem Gericht nicht helfen, wenn es am Dienstag seine Entscheidung verkünden muss. Das ist der Unterschied zu all den Journalisten, die so tun, als wüssten sie es besser: Ihnen stünde es frei, auf ein Urteil zu verzichten.

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