https://www.faz.net/-gqz-9s4gr

Gerd Dudenhöffer wird siebzig : „Soll isch’s Ozonloch zuhalle?“

In der Rolle seines Alter Ego Heinz Becker: Gerd Dudenhöffer. Bild: dpa

Als Heinz Becker ist der Kabarettist Gerd Dudenhöffer in Kabarett und Fernsehen bekannt geworden. Manche denken, genau so, wie er ihn darstellt, sei der Saarländer eben.

          2 Min.

          Der moselfränkische Sprachraum, also das Gebiet zwischen Siegen und Saarbrücken, ist nicht eben für seinen Humor bekannt. Die Moselfranken sind keine Witzeerzähler wie die Ripuaren um Köln, und sie sind auch keine Situationskomiker wie die Rheinfranken. Es gibt aber ein kleines Grenzgebiet im Saarland, in dem das Moselfränkische auf das Rheinfränkische stößt und beste Voraussetzungen für die Verbindung von anarchisch-kargem Randlagenhumor mit der Sprechlust der Rheinfranken bietet. Und genau hier entdeckte ein Grafikdesigner namens Gerd Dudenhöffer, irgendwann in den Achtzigern, auf kleinen Kabarettbühnen die Figur des Heinz Becker in sich, eines saarländischen Kleinbürgers, dessen Spezialität darin besteht, sich irgendwo hinzusetzen und loszuschwätzen, über Gott und die Welt, mit teils hochartifiziellem Sprachwitz (in wie vielen Varianten er allein das Wort „Jo“ einsetzt!), aber immer grundiert von einem fürs dauergebeutelte Saarland wohl typischen Fatalismus.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon in den Neunzigern sagte Becker mit gemeißelt humorloser Miene und seiner unverwechselbaren Sprachmelodie: „Was soll isch mache? Soll isch’s Ozonloch zuhalle?“ Ebenso trocken antwortet er auf die Frage seines Sohnes Stefan, ob es nicht Zeit wäre, eine Spülmaschine anzuschaffen: „So oft wird dei Mudder gar nid krank.“ Erstaunlich, wie prophetisch Gerd Dudenhöffer den AfD-wählenden Wutbürger mit Neigung zur Trollerei vorwegnahm.

          Fürs Fernsehen wurde Dudenhöffer bezeichnenderweise nicht von seinem Heimatsender, sondern vom WDR entdeckt, bei dem er für die in sieben Staffeln ausgestrahlte Serie „Familie Heinz Becker“ Regie führte, das Drehbuch schrieb und neben Hilde (hingebungsvoll einfältig dargestellt von Alice Hofmann) und Sohn Stefan (Gregor Weber) die Hauptfigur auf der Suche nach der provozierendsten Pointe verkörperte.

          Darzustellen, wie die Dummheit funktioniert, ist im Kabarett kein Alleinstellungsmerkmal. Das Besondere an Dudenhöffer ist, dass er seinen Heinz Becker auf der Bühne zuweilen derart distanzlos gibt, dass Buhrufe auf der Live-Bühne keine Seltenheit sind. Und viele Saarländer nehmen Dudenhöffer bis heute übel, dass Heinz Becker von vielen als Verkörperung der saarländischen Wesensart schlechthin gesehen wird. Sie unterschätzen die Schlitzohrigkeit von Dudenhöffers im Kern kritischem Humor.

          Die Weihnachtsfolge der „Familie Heinz Becker“ ist ein Fernsehklassiker, andere Folgen hätten es ebenfalls verdient. Dudenhöffers Kinofilme dagegen waren zu spät noch an Loriot orientiert. Viele Sprüche Heinz Beckers, dargeboten in dieser einzigartigen Phonetik, die noch die alten deutschen Vokale und Diphthonge bewahrt, sind in bestimmten Situationen derart passend, dass man sie ein Leben lang nicht vergisst. Am Sonntag wird Gerd Dudenhöffer, der sich in Interviews und Talkshows stets konsequent humorlos gab und 1999 den wohl uneitelsten F.A.Z.-Fragebogen aller Zeiten ausfüllte, siebzig Jahre alt. Also dann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.