https://www.faz.net/-gqz-ah2hl

Kammerspiel im Ersten : Schön, dich zu sehen, alter Freund

  • -Aktualisiert am

Da werden einige Flaschen geleert, am Pool ohne Wasser: Ulrich Matthes (links) und Justus von Dohnányi in „Freunde“. Bild: HR

In „Freunde“ spielen Justus von Dohnányi und Ulrich Matthes zwei Männer, die sich nach dreißig Jahren wieder treffen. Sie haben sich viel zu sagen. Hier zählt jedes Wort und jede Geste. Ein großer Auftritt.

          3 Min.

          Früher war nicht nur mehr Lametta, früher gründeten sich Männerfreundschaften, so wird gesagt, vor allem auf gemeinsame Aktivitäten und Hobbies. Männer waren befreundet, wenn sie seit ihrer Jugend gemeinsam Sport machten, Bier tranken und um die Häuser zogen. Hatten Männer keine Jugendfreunde, von deren Erinnerung sie seit dem Berufseintritt zehrten, dann fanden sie auch keine mehr. Nach Ausbildung und Studium hatte man Kollegen und Rivalen. Es ging darum, das bessere Leben erwischt zu haben. Neid verdiente man sich nicht auf Augenhöhe.

          Das hört sich klischeehaft, eintönig und im besten Fall anstrengend an. Inzwischen scheint sich bei vielen Männerfreundschaften doch einiges geändert zu haben, insbesondere, was den Redebedarf und den Wunsch nach Introspektion und Lebenssinnsuche betrifft. Das mag Erleichterung oder Verunsicherung bringen. Nicht jedoch zu Beginn des außerordentlichen, anrührenden HR-Zweipersonenstücks „Freunde“ von David Ungureit (Buch „Bist du glücklich?“) und Rick Ostermann (Regie „Wolfskinder“).

          Jugendliches Lebensgefühl konserviert in Ziermaserung

          Es ist vermutlich früher Nachmittag, als Malte (Ulrich Matthes) auf dem abgelegenen Seegrundstück im halb ausgeräumten Elternhaus seines ehemaligen Freundes Patrick (Justus von Dohnányi) aufkreuzt. Auch nach mehr als dreißig Jahren Abwesenheit kennt er noch das Versteck des Schlüssels. Auf dem Tisch sieht man das Geschirr sortiert und etikettiert. Oben stehen Koffer herum. In der Diele stört das Bild ein geparkter Rollator. Am Vormittag hat Patrick seine an Krebs plötzlich verstorbene Frau begraben. Sein Sohn ist abgedüst nach Übersee, um mit seiner Band zu touren.

          Ungeöffnete Kondolenzpost, die offenbar zählebige Schildkröte Bruno im Terrarium, Tapeten aus den frühen Siebzigern an den Wänden, bodentiefe Terrassentüren und überall mit Ziermaserung verkleidete Wände, ein Schwimmbad ohne Wasser, Hausbar, Musikbox, Dinge und Gegenstände, die das Lebensgefühl der hier gelebten Jugend konserviert zu haben scheinen.

          Der Vater, einst wohlhabend, besaß eine Firma für Furnierholz, die der Sohn, der unwillig Chef wurde, schließlich in den Sand gesetzt hat. Einer musste schuld sein, befand der Vater: sein Sohn. Aber das erfährt man erst später, wie vieles andere. Für Patrick war es das heute. Der Cocktail aus Tabletten und Alkohol ist gemixt, ein Suizid, der andere nicht durch übermäßige Sauerei belastet, geplant, als Malte erscheint, aufgekratzt und gut gelaunt, nach über dreißig Jahren Funkstille, aber eine Männerfreundschaft hält das doch aus, nicht? Er bringt eine Friedensgabe mit. Grabowski, die Gewinner­figur vom Tischkicker, die damals nach einem besonders hohen Sieg Patricks auf Nimmerwiedersehen verschwand.

          Patrick will Malte loswerden, zumal sie beide einmal dieselbe Frau liebten, die jetzt tot ist. Malte bleibt, so zufällig, wie er gekommen ist, will alles machen wie früher, im Garten Golf spielen, kochen, die Vergangenheit aufräumen, abhängen, reden, trinken, miteinander sein. Statt Globetrotter, als der er das idyllische Kaff bei Frankfurt hinter sich ließ und auf alle Dagebliebenen herabsah, ist er nun Buchladenbesitzer in Stuttgart. Immerhin spezialisiert auf Reiseliteratur und Landkarten. Und sein Leben kann so verkehrt nicht gewesen sein, denn er hatte einmal einen besten Freund: Patrick.

          Viele Wahrheiten, viele Erschütterungen

          Genauso wie die gefundene „Mirácoli“-Packung, der das seit inzwischen vierzig Jahren vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum fehlt, genauso schmeckt den beiden nach und nach, viele Wahrheiten und einige Erschütterungen lang, für einen Tag und eine Nacht die konservierte, erinnerte, erneuerte Freundschaft. Reichlich ungewöhnlich in den Geschmacksnoten, anders als abgespeichert, aber von der soliden Substanz her immer noch solide. Vor allem mit schwer erbeutetem Rotwein und Gesprächen, in denen herauskommt, wie viel und wie wenig zugleich man voneinander weiß. Und wie viel man noch wissen könnte, wenn man dranbleiben würde.

          Manchmal, aber selten, entstehen aus Gemeinplätzen große Fernsehfilme. Filme, die ihre recht simple Story für ein Spiel öffnen, das Schau-Spiel heißt. Justus von Dohnányi und Ulrich Matthes sind die einzigen Wesen aus Fleisch und Blut, die in „Freunde“ auftreten - sieht man von der Schildkröte ab. Ihr Zweipersonenkammerspiel mit Dialogen, in denen es nicht nur auf jedes Wort ankommt, sondern auch auf jede Geste, jeden Blick, Tonfall, jeden Anflug von profundem Humor, auf jede Lüge genau so wie auf jede Einsicht, auf das Ungesagte wie das Ungetane, ist ein magischer Fernsehmoment. Der nicht möglich oder wirklich wäre ohne die hervorragende Kameraarbeit Leah Strikers und das Szenenbild Anette Reuthers, das hier einen Hauptdarsteller gibt.

          HR-Produktionen wie „Freunde“ (Redaktion Jörg Himstedt) könnten fast vergessen machen, in welcher desolaten Situation sich die Fiktion beim Sender wirklich befindet. Eine Ausnahmearbeit alle Jubeljahre und ein Renommier- „Tatort“ hier und da, die alle mehr oder weniger der Aufbauarbeit der ehemaligen Fernsehspielchefin Liane Jessen zu verdanken sind, machen noch nicht optimistisch.

           Freunde läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.  

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.