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Jussie Smollett vor Gericht : Angriff auf das eigene Leben

  • -Aktualisiert am

Inszenierte er sich als Opfer? Jussie Smollett im Gericht des Bezirks Cook County im März 2018. Bild: dpa

Der Schauspieler Jussie Smollett soll eine rassistische Attacke auf sich inszeniert haben, um als Opfer der Trump-Wähler dar zustehen. Damit hätte er der schwarzen Gemeinschaft einen Bärendienst erwiesen. Nun steht er erneut vor Gericht.

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          Der Schauspieler Jussie Smollett muss sich nun doch vor Gericht verantworten. Zurzeit läuft in Chicago ein Verfahren gegen den Siebenunddreißigjährigen, der mit der Serie „Empire“ bekannt wurde.

          Smollett hatte behauptet, er sei in der Nacht zum 29. Januar 2019 unweit seiner Wohnung im schicken Streeterville-Bezirk in Chicago von zwei Männern überfallen worden. Sie hätten ihn geschlagen, mit rassistischen und homophoben Beschimpfungen überzogen und ihm schließlich eine Schlinge um den Hals gelegt. „Du bist doch die Schwuchtel aus ,Empire‘“, soll einer der Männer gesagt haben. Smollett, der offen homosexuell ist, spielt in der Serie den schwulen Sohn eines alternden Rap-Impressarios, der mit seinen beiden Brüdern um das Thronerbe konkurriert. Der Schauspieler gab der Polizei zu Protokoll, die Angreifer hätten gerufen „This is Maga-Country“ – ein Verweis auf den Trump-Slogan „Make America Great Again“ (Maga).

          Amerika war in heller Aufregung über diese Nachricht. Prominente sprachen Smollett Mut zu, Schauspieler, Politiker und Aktivisten verurteilten den widerwärtigen Angriff. Aber gerade in der afroamerikanischen Community, wo man mit rassistischen Pöbeleien nur zu vertraut ist, machte sich Skepsis breit. Warum, fragten manche, geht ein bekannter Schauspieler nachts um zwei bei strengen Minusgraden zu Fuß zu einem Sandwich-Laden? Welcher schwulenfeindliche Rassist würde einen Schauspieler aus einer Serie über eine afroamerikanische Musiker-Dynastie mit einem homosexuellen Sohn überhaupt erkennen? Und der Maga-Slogan? Vielen klang dies allzusehr nach einem „Empire“-Drehbuch.

          „Den Schmerz und die Wut des Rassismus zunutze gemacht“

          Smollett sagte zwei Wochen später bei einem hochemotionalen Fernsehauftritt, homosexuelle Menschen müssten lernen, sich gegen solche Attacken zur Wehr zu setzen. Unterdessen nahm die Polizei zwei Verdächtige fest: Zwei Brüder, die aus Nigeria stammen – und Geschäftsverbindungen mit Smollett pflegten. Einer arbeitete offenbar als sein Fernseh-Double, der andere als sein Fitnesstrainer.

          Doch dann schwenkten die Ermittlungen von den Brüdern auf Smollett selbst um. Er wird beschuldigt, die Attacke selbst inszeniert und die beiden Brüder dafür bezahlt zu haben. In einer Pressekonferenz sagt der sichtlich aufgebrachte Chicagoer Polizeichef Eddie Johnson, Smollett habe sich „den Schmerz und die Wut des Rassismus zunutze gemacht, um seine Karriere zu fördern.“

          Amerika war fassungslos. Präsident Donald Trump tweetete: „@JussieSmollett – Was ist mit MAGA und den vielen Millionen Menschen, die Sie mit ihren rassistischen und gefährlichen Kommentaren beleidigt haben?“

          Untiefen taten sich auf. Bei Fox News wurde beklagt, dass abermals Trump-Anhänger zu Unrecht als Rassisten gebrandmarkt würden; man debattierte, inwiefern Geschichten über rassistische Übergriffe überhaupt zu trauen sei. Der Albtraum, den afroamerikanische Smollett-Zweifler wie die Journalistin Nana Efua Mumford von der „Washington Post“ skizzierten, drohte Realität zu werden. Falls Smolletts Geschichte gelogen sei, schrieb sie, könnten Opfer rassistischer oder sexuell motivierter Übergriffe nun mit Verweis auf Smollett mit Zweifeln überzogen werden. Trump-Anhänger würden Smollett als Beweis für die Verschwörung gegen sie als Rassisten zitieren. Der Schaden für die betroffenen Gemeinden sei „irreparabel“. Im „Atlantic“ machte der afroamerikanische Linguistikprofessor John McWorther ein mögliches Motiv aus: „Opfer-Schick“. Smollett, bemerkte McWorther, entstamme einer Familie von Aktivisten – aber anders als etwa seine Mutter, die mit den Black Panthers Umgang pflegte, sei für Smolletts Generation der Kampf „abstrakter und weniger dramatisch als dereinst.“ Es sei denn, man macht sich zum Opfer dieses Kampfes. Die Opferrolle, so McWorther, sei für dunkelhäutige Menschen „eine Form der Macht.“

          Durch Verweis auf Smollett mit Zweifeln überzogen

          Aber noch während Amerika versuchte, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen, entwickelte sich in Chicago auf einem Nebenschauplatz ein Polit-Krimi. Die ermittelnde Staatsanwältin Kimberly Foxx, eine Afroamerikanerin, trat wegen Befangenheit von dem Fall zurück – noch bevor Smollett ins Zentrum der Ermittlungen rückte. Kimberly Foxx hatte offenbar, vermittelt durch eine ehemalige Stabschefin von Michelle Obama, Kontakt zur Familie Smolletts aufgenommen, wo man sich um die öffentliche Darstellung der Ermittlungen durch die Polizei sorgte.

          Am 26. März vor einem Jahr folgte eine weitere Überraschung: Ohne weitere Begründung wurde die Anklage gegen Smollett fallen gelassen. Sein polizeiliches Führungszeugnis sei „reingewaschen“, so die Staatsanwaltschaft. Die Polizei blieb bei ihrer Behauptung, dass er den Überfall auf sich selbst inszeniert habe, und die Regierung des Bürgermeisters von Chicago und ehemaligen Stabschefs von Barack Obama, Rahm Emanuel, verklagte Smollett auf 130000 Dollar Schadenersatz für verschwendete Polizei-Ressourcen. Stimmen wurden laut, die auf die weithin bekannte Korruption im Chicagoer Justizapparat verwiesen. Kaum jemand blickte hier noch richtig durch.

          Im vergangenen August schließlich ging das Spektakel in eine neue Runde. Mit dem vormaligen Bundesstaatsanwalt Dan Webb wurde ein Sonder-Staatsanwalt ernannt, der nun klären soll, was hier eigentlich passiert ist. Im Februar erging abermals Anklage gegen Smollett. Weder Polizeichef Johnson noch Bürgermeister Emmanuel sind noch im Amt.

          „Ich bin unschuldig“, sagte Smollett, der sich nun, am 18. März, abermals vor Gericht verantworten muss. „Wir müssen hier Wahrheit und Gerechtigkeit walten lassen.“ Der Schaden, der mit dieser Posse angerichtet worden ist, lässt sich jedoch längst nicht mehr reparieren.

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