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„Junges Deutschland“ im Ersten : Sie wollen eine andere Welt

  • -Aktualisiert am

Kostja Ullmann als DDR-Punk Bild: NDR/Sandra Müller

Eine charmante Ausgangsfrage: Gibt es so etwas wie Jugendlichkeit, die zu allen Zeiten ähnlich ist? Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann probieren Antworten aus, erklären dabei aber entschieden zu viel.

          2 Min.

          Nein, mit dem Liberalismus des Vormärz hat die ungewöhnliche Dokumentation „Junges Deutschland“ nichts zu tun, aber auch ohne Doppelsinn des Titels liegt ihr eine charmante Idee zugrunde: eine Synchronisation des Diachronen zu versuchen, denn es könnte ja sein, dass Jugendliche über die Zeiten und Systeme hinweg einander viel besser verstehen als die je eigenen Eltern.

          Das Drehbuch von Regisseur Jan Hinrik Drevs beruht auf dem Buch „,Wir wollen eine andere Welt‘ - Jugend in Deutschland“, in dem der Historiker Fred Grimm Briefe, Tagebücher und andere Zeugnisse ausgewertet hat. Der Verfilmung ist Idee zu eigen, dass Jugendliche aus verschiedenen Epochen von immer demselben Schauspielerpaar - Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann - verkörpert werden, während aus dem Off die zugehörigen Aufzeichnungen verlesen werden.

          Diese ausstattungsverliebte Bebilderung, die ein wenig an Hape Kerkelings Reise durch die Weltgeschichte erinnert, hat zwar keinen weitergehenden Aussagewert, aber sie ist ein hübscher Unterhaltungsfaktor: Man sucht in den technisch perfekt dem Archivmaterial angepassten Einspielern nach den bekannten Gesichtern und ist gespannt auf die nächste Frisur.

          Leider müssen sie sich selber spielen

          Mühe und Ullmann begegnen uns als Dienstmädchen, Kriegsfreiwilliger, Trümmerfrau und Punk. Dass die beiden Endzwanziger nicht mehr unbedingt als Jugendliche durchgehen, tut wenig, denn als Schauspieler machen sie ihre Sache gut - solange sie nicht sich selbst spielen müssen.

          Das müssen sie aber leider zu einem guten Teil der Zeit. Sie sitzen in einem schicken Loft, blättern durch Alben oder halten einander - klar: Generation Digital - Tabletcomputer vor die Nase. Ihre Dialoge, die geballt Wissen vermitteln sollen, klingen aufgesetzt und unbeholfen: „Aber Wandervogel, das war doch mehr was für Leute aus bürgerlichen Familien.“ So redet kein Mensch, schon gar nicht die Jugend. Da sind wir plötzlich im Erklärfernsehen nach Kinderkanalmanier.

          Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann als Besucher einer Berliner FDJ-Sitzung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Bilderstrecke

          Es ist, als hätten die Filmemacher den Wert ihres Materials gar nicht erkannt. Dessen Stärke liegt in der Individualität. Hier aber dreht sich alles um Einordnung. Was „Junges Deutschland“ liefert, ist wieder einmal Zeit- und Mentalitätsgeschichte im Durchlauferhitzer. Der Wandervogel als befreiende Jugendbewegung, die Kriegsbegeisterung, die Ernüchterung, die goldenen Zwanziger, die Verdüsterung und so fort bis zum Konsumismus der Neunziger: Das mag alles richtig sein, aber es ist als Lehrbuchwissen unendlich viel langweiliger als die Zeugnisse selbst.

          Jemandem wie der hier dargestellten Inge, die mit sechzehn Jahren über ihr Hitler-Erlebnis schrieb: „Wir wurden ernstgenommen, in einer merkwürdigen Weise ernstgenommen, und das gab uns einen besonderen Auftrieb“, wäre man dafür gerne viel weiter gefolgt, „Reenactment“ inklusive. Mut zur Begrenzung - fünf, sechs Einzelschicksale ohne Panoramablick und ohne alberne Loft-Handlung - hätte dieses Projekt zu einer inspirierenden Auseinandersetzung mit dem Thema Jungsein machen können. So wird leider verkrampft pseudojugendliches Bildungsfernsehen daraus, das nicht einmal eine These darüber wagt, ob es etwas gibt, das Jugendliche über die Zeiten hinweg eint.

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