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„Jung & Naiv“-Macher Tilo Jung : Ein Typ zum Kuscheln

  • -Aktualisiert am

„Ich bin eher so, `Fuck it, let’s do it´“: Tilo Jung in der Bundespressekonferenz. Bild: Gyarmaty, Jens

Tilo Jung will mit dummen Fragen den Politjournalismus verändern. Er duzt grundsätzlich jeden und rückt seinen Interviewpartnern gehörig auf die Pelle. Ist das „Jung & Naiv“ oder einfach nur banal?

          6 Min.

          Jeden Mittwoch ist Bundespressekonferenz: „Mal wieder ne Menge los heute #BPK“, postet Tilo Jung, 28, Videojournalist, um zehn nach eins auf Facebook, dazu ein Foto - leere Stuhlreihen, keine Journalistenseele weit und breit. Es sieht aus, als würde Regierungssprecher Steffen Seibert ausschließlich Jung über den Europäischen Bankenabwicklungsfonds und die Situation in der Ukraine informieren.

          Was das Bild nicht zeigt: Es hören noch 20 weitere Journalisten zu, nur sitzen sie einfach weiter links. „Ein bisschen Spaß muss im Internet schon sein“, sagt Jung. Und außerdem seien 20 Kollegen trotzdem nicht genug. „Allein hier im Haus sitzen Hunderte Journalisten. Aber seitdem die BPK übertragen wird, gucken viele sie einfach im Büro.“ Doch aus dem Büro kann man keine Fragen stellen. Und Fragen sind Jungs Geschäftsgrundlage.

          Europareise dank der Crowd

          Jung betreibt seit fast anderthalb Jahren, zunächst alleine, mittlerweile mit zwei Kollegen, das Videoformat „Jung & Naiv - Politik für Desinteressierte“, das erst auf Youtube und seit Herbst auch auf dem Privatsender Joiz ausgestrahlt wird. In jeder Folge stellt Jung einem Politiker, Journalisten, Experten oder Betroffenen so viele naive Fragen wie möglich (Sahra Wagenknecht fragte er zum Beispiel, wer Oskar Lafontaine sei, oft bestehen die Fragen allerdings auch nur aus „Ach, echt?“), und die Befragten antworten so ausführlich sie wollen. Es wird nicht geschnitten, anfangs weil Jung kein Schnittprogramm hatte, mittlerweile aus Prinzip. „Wer bin ich, zu entscheiden, was interessant ist und was nicht“, kommentiert Jung seine redaktionelle Zurückhaltung. Jeder Zuschauer sei eben anders und suche nach etwas anderem. Fragt sich nur, wem das was nützt.

          Auf jeden Fall Jung, der bei gutem Wetter nicht in düsteren Schnitträumen sitzen muss. Auf jeden Fall dem jeweiligen Politiker, der endlich mal die Chance hat, ohne Hemmungen bis zu einer Stunde lang drauflos zu reden. Vielleicht traten deshalb in über 160 Folgen auch schon Gäste wie Martin Schulz, Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Nikolaus Brender, Steffen Seibert und Glenn Greenwald auf. Letzten Sommer, mitten im Wahlkampf, setzte sich gar der damalige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor die nur 60 x 42 x 30 mm³ großen Kameras von „Jung & Naiv“. Ob der Zuschauer genauso viel davon hat, ist fraglich. Wer schaut schon freiwillig eine ganze Stunde Christian Lindner beim Stehen und Reden zu? Das ist selbst für Düsseldorfer Jungliberale eine Zumutung. Aber Jung glaubt an die ungefilterte Information.

          Die Folge mit Steinbrück, Nr. 77, bezeichnet Jung als seinen Durchbruch - weil seine Oma daraufhin mal wieder wählen gegangen sei. Menschen, die sich sonst gar nicht oder kaum mit Politik beschäftigen, dazu zu befähigen, sich eine Meinung zu bilden, darum gehe es ihm eigentlich. Deshalb springt Kollege Alex Theiler, der Produzent, Kameramann und Cutter in einem und eigentlich ausgebildeter Anlageberater ist, auch schon mal als „Finanzdelfin“ ein - Finanzhaie sind die Bösen, Finanzwale die Großen und Theiler, der Finanzdelfin, erklärt. Das finden die beiden sehr lustig.

          Gerade kommen Jung und sein Team aus Rom. Drei Wochen waren sie mit ihrer Sendung auf Europatour. Sie trafen zum Beispiel einen 24-jährigen Politiker der neuen spanischen Partei Podemos, die überraschend mit fünf Sitzen ins Europaparlament einziehen wird, oder Giorgos Trangas, der im griechischen Fernsehsender Extra 33 Stimmung gegen die Deutschen macht. Die Reise hat die Crowd finanziert - knapp 16 000 Euro haben sie via Krautreporter eingesammelt. Die größte und letzte Summe, 2000 Euro, steuerte Google bei, mit denen Jung im letzten Jahr während der Bundestagswahl bereits im Geschäft war.

          Knie an Knie, Ellenbogen an Ellenbogen

          Nach einem Zwischenstopp in Berlin soll es zwei Wochen nach der Europawahl weitergehen, erst mal nach Großbritannien. Genug Zeit also, um sich mal wieder in der Bundespressekonferenz sehen zu lassen. „Ist immer lustig, wenn ich da bin“, sagt Jung. Wieso? „Die anderen Journalisten wissen schon vorher, welche Antworten sie für ihr Thema brauchen, und verwerten sie dann einfach. Ich frage nach Dingen, die mich wirklich interessieren.“ Die anderen haken ab, er interessiert sich. Die anderen machen Hofberichterstattung. Er selbst will alles anders machen, ein Outsider sein. „Don’t mingle with power“, zitiert er seine amerikanischen Vorbilder, Jon Stewart, Stephen Colbert, ach, die Amerikaner.

          Sich im richtigen Moment verwegen die Haare aus dem Gesicht zu streichen, das hat er sich von ihnen auf jeden Fall schon abgeschaut. Ebenso den kritisch-amüsierten Blick, der immer ein wenig zu fototauglich aussieht. „Meine Art entspricht eher der amerikanischen Mentalität, ich bin eher so ,Fuck it, let’s do it‘“, sagt Jung. Lässig. Nicht so lässig sind natürlich die anderen deutschen Fernsehjournalisten. Wenn Jung über seine Arbeit spricht, erklärt er sie gerne an den Fehlern der anderen. Er scheint zu glauben, dass es ganz von selbst auf guten Journalismus hinausläuft, wenn man es anders macht als alle anderen.

          Und diese Andersheit beginnt beim Outfit: Die männlichen Kollegen sitzen bei fast 30 Grad in breitschultrigen Anzügen, die weiblichen Kolleginnen in Kostümen in der Bundespressekonferenz Seibert & Co. gegenüber. Jung kommt in Shorts, neonorangenen Turnschuhen und einem Jeanshemd, das zwei Knöpfe zu weit aufsteht, dafür aber seine Brustbehaarung in Szene setzt. „Angesprochen wurde ich noch nie darauf, aber angeguckt. Ich find’s lustig. Ich mach’ das auch ein bisschen extra“, sagt Jung. Womit ziemlich genau beschrieben ist, was an seinem Fragestil auch ziemlich nerven kann: sich dumm stellen, um einfache Antworten auf schwierige Fragen zu bekommen, das wirkt oft „ein bisschen extra“.

          Als die Bundespressekonferenz vorbei ist, verlässt Jung nicht einfach wie die anderen schnell den Saal im Sinne des „don’t mingle with power“. Sondern passt Regierungssprecher Steffen Seibert an der Glastür ab, schlendert mit ihm die Treppe runter, plaudert. Ein „Outsider“ sieht anders aus. „Seibert folgt mir auf Twitter. Er steht uns sympathisch gegenüber. Er findet gut, dass wir die Dinge anders machen“, sagt Jung.

          Was Jung tatsächlich anders macht, ist die Ansprache. Er duzt jeden hemmungslos. „Mein Opa findet das gar nicht gut: ,Dat du die immer duzt, dat find ich scheiße.‘“ Wolfgang Thierse sah das ähnlich, ein Interview mit ihm kam wegen des Duzens nicht zustande. Steinbrück versuchte zurückzusiezen - „ich werde mich nicht an das junge Publikum heranwanzen“, soll er vor dem Interview für „Jung & Naiv“ noch gesagt haben. Nach sieben Minuten knickte er ein und war beim Du. Jung rückt den Leuten gnadenlos auf die Pelle. Noch so ein Prinzip. Knie an Knie, Ellenbogen an Ellenbogen. Manchmal funktioniert „Jung & Naiv“ in diesen Momenten, wenn Jung die Gäste mit seiner einfältigen Nachfragerei (Was ist Google?) tatsächlich in Verlegenheit bringen kann, dazu, Positionen zu erkennen zu geben, die sie sonst so leicht hinter ihrem routinierten „Leersprech“, wie Jung es nennt, verbergen können.

          Die Intelligenz der Zuschauer nicht beleidigen

          Wenn er sie mit seiner provozierenden Lockerheit so weichgekocht hat, dass sie tatsächlich anders über Politik reden, irgendwie menschlicher. Nur tritt diese Vermenschlichung meist erst nach einer Viertelstunde ein, was für Desinteressierte, für die das Format ja eigentlich sein soll, und in der Webvideozeitrechnung eine echte Ewigkeit ist. Jungs knapp 10000 Youtube-Abonnenten scheinen trotzdem dranzubleiben, so auffällig lang, dass Youtube sich bereits gemeldet hat, um „Jung & Naiv“ nach London einzuladen, zur Kanaloptimierung.

          Jung hat mit einem unabhängigen Format in nicht mal anderthalb Jahren geschafft, worauf viele seiner Fernsehkollegen ihr Leben lang vergeblich warten - darauf, ihr eigener Chef zu sein. Seit der Ausstrahlung bei Joiz können er und seine zwei Kollegen von „Jung & Naiv“ leben. Aber so richtig angekommen scheinen sie nicht. „Es wundern sich immer alle, warum wir nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen laufen“, erzählt Alex Theiler, der Finanzdelfin und Produzent. „Wir uns auch.“ Es gab Gespräche, nicht nur mit einer Sendeanstalt. Doch bisher seien die immer daran gescheitert, dass Jung keine redaktionelle Kontrolle zulassen will.

          Man kennt sich: Regierungssprecher Steffen Seibert (rechts) und Shortreporter Jung

          Jetzt, im zweiten Jahr, soll es deshalb darum gehen, das eigene Profil zu schärfen. Jung will mehr Folgen auf Englisch machen, damit das Format nicht an der deutschen Grenze enden muss. Außerdem macht er bei dem Online-Magazin von Krautreporter mit, sollte es denn zustande kommen. Aber vor allem möchte er Anerkennung - und das ausgerechnet von den anderen. „Es wird sehr viel über die Sendung berichtet, das ist ja auch schön, aber ich hätte gern, dass sich die deutschen Kollegen mal wirklich mit den Folgen befassen, nicht nur mit Stil und Form, sondern sie als journalistische Grundlage nehmen, daraus zitieren, so wie ,El País‘ das ja auch tut. Wir machen ja keine Erklärbär-Kindersendungen“, sagt Jung.

          Er will als Journalist, nicht als Youtube-Fritze wahrgenommen werden. Die Bundestagsverwaltung musste in diesem Punkt klein beigeben. Sie wollten Jung erst keinen Presseausweis für den Bundestag ausstellen, schließlich beschwerten sich die Bundestagsabgeordneten parteiübergreifend bei der Bundestagsverwaltung. Nun hat Jung seinen Ausweis - „Ich hab’ ihn dabei! Toll, wie der politische Körper sich selbst regiert.“

          Interessant wird’s nun, wenn Gäste zum zweiten oder dritten Mal zu „Jung & Naiv“ kommen - Jungs Eingangsfragen „Wer bist du?“ und „Was machst du?“ sind dann bereits beantwortet, und vielleicht ist Naivität ja auch etwas, das nur funktioniert, solange man noch Welpenschutz genießt. Womöglich ist eine naive Frage, stellt man sie zum zweiten Mal, nicht mehr naiv, sondern einfach nur banal. Und das Dummstellen nur so lange süß, wie es um nichts geht. Joiz bewirbt Jungs Format mit der Zeile, Jung stelle „die Fragen, die sich sonst keiner zu stellen traut“. Vielleicht stellt sie aber auch einfach kein anderer Journalist, weil Politikberichterstattung von Entwicklung lebt und nicht davon, immer wieder von vorne anzufangen. Und weil es im Journalismus nicht nur darum geht, komplexe Fragen zu erklären; sondern auch darum, die Intelligenz der Zuschauer nicht zu beleidigen.

          Dass ihn das Publikum nicht nur für seine ungemütlichen Fragen schätzt, konnte man vor ein paar Tagen in der Bestenliste sehen, die das Frauenmagazin „Grazia“ gemeinsam mit der Onlinedatingagentur „Adopt a Guy“ ermittelte. Jung landet vor Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz auf dem ersten Platz des Rankings. Gewählt wurden die „Top 100 Typen zum Kuscheln“.

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