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Julian Assange geht auf Sendung : Obskurantentreff im russischen Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Als Datenmagnet war Julian Assange bekannt, jetzt tritt er als Talkmaster auf und versagt gleich bei seinem ersten Gast Bild: dpa

Fehlstart einer Informationsrakete: Julian Assange spielt in seiner Sendung „The World Tomorrow“ ein bisschen Journalist und schmeichelt sich beim Chef der Hizbullah ein.

          Nachdem Russlands Auslandsfernsehkanal „Russia Today“ mit der Enthüllungssendung der Möchtegernspionin Anna Chapman einen Fehlschlag landete, zündet es jetzt eine neue Informationsrakete. Der Wikileaks-Gründer Julian Assange, der mit elektronischer Fußfessel in der englischen Provinz auf seinen Gerichtstermin wartet, startete am Dienstag mit einer Sendung namens „The World Tomorrow“, in der er Interviews mit vermeintlichen Visionären führt, die in seinen Augen die Welt von morgen prägen werden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.


          Freilich habe er nicht mit allen Wunschpartnern reden können, gibt Assange zu und nennt als Beispiel den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der unter Hausarrest steht, und Michail Chodorkowski, der im hohen Norden Russlands im Gefängnis schmachtet. Er habe auch von anderen Medien Angebote bekommen, sagte Assange. Er habe sich für „Russia Today“ entschieden, weil diese Gegenstimme zu den westlichen Medien die größte Reichweite in den Vereinigten Staaten habe. Zur Wahrheit könne nur vordringen, wer unterschiedliche nationale Medien mit ihrer jeweiligen Agenda befrage, glaubt Assange, der zugleich betont, seine Auftraggeber hätten ihm bei der Produktion der zehn Folgen völlige Freiheit gelassen.

          Keinen Dialog, sondern Bürgerkrieg

          Erster Gast war aber nun nicht Ai Weiwei, sondern der Chef der libanesischen Hizbullah, Scheich Hassan Nasrallah, mit dem Assange sich per Videokonferenzschaltung und Simultanübersetzer unterhielt. Nasrallah, der sich angeblich an einem geheimen Ort aufhielt, erklärte lächelnd, dass die israelische „Besatzungsmacht“ aufgelöst und Palästina ein Staat für alle Konfessionen werden müsse. Assange fragte ihn zaghaft, was es mit den durch Wikileaks bekanntgewordenen Kommentaren amerikanischer Diplomaten im Libanon auf sich habe, wonach hohe Funktionäre der „Gottespartei“ sich in Seide kleideten und in teuren Jeeps herumführen. Scheich Hassan entgegnete gelassen, solche Gerüchte gehörten zur Medienkampagne gegen die Hizbullah, ebenso wie Vorwürfe, sie sei eine mafiose Struktur und handle mit Rauschgift – denn das widerspreche der islamischen Religion und Moral. Allerdings hätten sich nach der Jahrtausendwende, so Nasrallah, auch einige reiche Familien der Gottespartei angeschlossen, die zuvor mit ihr nichts zu tun haben wollten.


          Als Assange immerhin wissen wollte, warum Nasrallahs Partei die tunesische, ägyptische und jemenitische Opposition unterstützte, jetzt in Syrien aber zum Al-Assad-Regime halte, erklärte Nasrallah, Assad sei ein Reformer und habe die Palästinenser immer unterstützt. Vor allem aber wollten die syrischen Oppositionellen, unter denen viele Al-Qaida-Kämpfer seien, keinen Dialog, sondern Bürgerkrieg, worin im Übrigen auch das Ziel der Amerikaner und Briten liege. Assange schmeichelte seinem Gesprächspartner und erinnerte daran, wie einfache Hizbullah-Kämpfer ihre hochtechnologisierten israelischen Gegner austricksten, indem sie Botschaften in ihrer dörflichen Jargonsprache verschlüsselten.

          Doch dann fragte er, ob die Theokratie, für die Nasrallahs Adepten kämpfen, sich nicht vielleicht in eine weit schlimmere Supermacht verwandeln könne, als es die Vereinigten Staaten heute darstellten. Das fand der Scheich vollkommen abwegig. Gott habe ein harmonisches Universum geschaffen, und seinen Moralkodex empfänden selbst nichtreligiöse Menschen instinktiv als richtig. Assange aber bewies, wie man als Interviewer einen Offenbarungseid leistet.

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