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„Homecoming“ bei Amazon : Sie kann sich an überhaupt nichts erinnern

Heidi Bergman (Julia Roberts) hat einmal für eine Firma gearbeitet, die sich um Kriegsheimkehrer kümmerte. Bild: Amazon

In der dystopischen Thrillerserie „Homecoming“ spielt Julia Roberts so groß auf, wie wir es von ihr aus dem Kino gewohnt sind. Die Geschichte handelt vom Umgang Amerikas mit seinen Veteranen, einer Verschwörung und Gedächtnislücken. Sie basiert auf einem Podcast. Dessen Klangwelt setzt die Serie kongenial um.

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          Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, sentenzte einst der Dichter Jean Paul. Als ob das so einfach wäre. Vielleicht ist die Erinnerung nicht paradiesisch, sondern ein Flashback aus der Hölle. Und alles kann dem Gedächtnis verlorengehen, Schönes wie Schreckliches. Was aber bleibt dem Menschen, wenn Teile seiner Geschichte wie ausradiert sind? Wenn er nicht mehr weiß, wessen er sich schuldig gemacht hat und orientierungslos im Aquarium der Gegenwart treibt? Oder: der Zukunft?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Panik flackert im Blick von Heidi Bergman auf, als irgendwann im Jahr 2022 bei der schlecht frisierten Kellnerin in einem amerikanischen Diner zwischen Hafen und Eisenbahn ein Mann vom Verteidigungsministerium auftaucht. Thomas Carrasco, mitnichten ein knallharter Ermittler, sondern ein ebenso verstört wie unbeirrbar wirkender Beamter, stellt Fragen: Was Heidi ihm über „Homecoming“ erzählen könne, ein privates Programm für Veteranen, das sie geleitet habe? Was dort mit dem Soldaten Walter Cruz geschehen sei? Ob die Teilnehmer freiwillig in der Einrichtung gewesen seien oder dort festgehalten worden seien?

          Florida? Palmen gibt es schließlich auch in Jordanien

          Die Augen von Heidi Bergman, die Julia Roberts gehören, was die Sache noch interessanter macht, suchen vergebens nach Halt. „Ich erinnere mich nicht“, sagt sie, und es scheint, als lüge sie wie gedruckt. Denn wir sehen Heidi auch anders: besser frisiert, vier Jahre zuvor, im Mai 2018, als sie das Tonaufnahmegerät einschaltet und Walter Cruz zum ersten Therapiegespräch bei Homecoming begrüßt. Vor dem Fenster wiegen sich Palmen im Wind, ein Pelikan krächzt. Man sei in Tampa, Florida, heißt es, und hier würden an posttraumatischen Belastungsstörungen leidende Krieger auf die Rückkehr ins Zivilleben vorbereitet.

          Aber stimmt das auch? Palmen gibt es schließlich auch in Jordanien – und als Plastikdekoration im Fischbehälter neben dem Schreibtisch der Sozialarbeiterin. Wenn sie wieder einen Anruf von ihrem Boss Colin entgegennimmt und am Handy sprechend durch einen Bürokomplex wandert, der sich als kaleidoskopischer Raum vollen Kulissenschieber vor unserem Blick öffnet, ahnen wir: Walters paranoider Kamerad, der sie im Zentrum einer Verschwörung sieht, könnte richtig liegen.

          Erst Robin Wright, Drew Barrymore, Winona Ryder, Nicole Kidman, Reese Witherspoon und Geena Davis, nun also auch Julia Roberts: Vor die Entscheidung gestellt, wohin mit sich ab einem bestimmten Alter, das bis vor kurzem noch den Eintritt in die Todeszone der weiblichen Schauspielkarriere markierte – von da an nur noch Besetzung als Großmutter oder Hexe – schlagen immer mehr Top-Frauen aus dem amerikanischen Kino den Weg ins ambitionierte Serienfernsehen ein. Sam Esmails zehnteiliger Psychothriller „Homecoming“ für Amazon Prime, in dem Julia Roberts als mitausführende Produzentin agiert und die Hauptrolle spielt, beweist einmal mehr: nicht zum Nachteil der erfahrenen Schauspielerinnen. Mit ihrem Auftritt als Heidi Bergman ist Julia Roberts einmal mehr ganz vorne mit dabei.

          Man könnte eine direkte Linie von „Erin Brockovich“ über „Charlie Wilson’s War“ zu „Homecoming“ ziehen: Es geht um das Geschäft mit dem Krieg, Amerikas Abgründe, Macht und Ohnmacht des Einzelnen – und für Julia Roberts um Schritte fort vom Strahlefrau-Image. Als Heidi Bergman verkörpert die Einundfünfzigjährige eine nicht mehr junge Frau, bei der jede Ahnung von Glanz unter einer unsichtbaren Ascheschicht begraben scheint. Nur für Sekunden, in denen sie mit breitem Lächeln das Vertrauen der Soldaten zu gewinnen sucht, blitzt ein Funke „Pretty Woman“ auf. Julia Roberts braucht ihn nicht, um die Aufmerksamkeit zu binden. Als beinahe verhärmte Sozialarbeiterin, deren Gesicht wir immer aufs Neue in Nahaufnahmen studieren können, verkörpert sie eine Getriebene. Aus dem Off wird Heidi übers Telefon von Colin ferngesteuert, der wiederum als Abgesandter einer Firma mit dem sprechenden Namen „Geist“ agiert. Ja, deutsche Namen taugt in Amerika immer noch dazu, auffällig unauffällig das Böse zu markieren.

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