https://www.faz.net/-gqz-9az09

Jürgen von der Lippe : Der Obenschwimmer

  • -Aktualisiert am

Man hätte ihm eine Late-Night-Show geben können, doch die Ambition hatte er nicht: Jürgen von der Lippe hat aber schon etwas für Hawaiihemden übrig. Bild: imago

Im Fernsehen reißt er flache Witze, auf der Bühne ist er geistreich und hat Stil: Der wortgewandte Entertainer Jürgen von der Lippe wird siebzig.

          Er kam, schon das nötigt Respekt ab, mit Ansage. Diese Ansage wurde sogar selbst wieder angesagt, und zwar so staubtrocken und unbewusst kultig, wie das nur im alten Drei-Sender-Fernsehen möglich war: In seiner unnachahmlichen Herrenausstatter-Attitüde reimte Dieter Thomas Heck am 25. August 1980 „von der Lippe“ auf „nimmt gern vieles auf die Schippe“, um die „Startnummer drei“ ins „Hitparade“-Rennen zu schicken.

          Ohne ein Grinsen nannte Heck den Titel: „So ein Kamel“. Es war der erste Auftritt von Jürgen von der Lippe, der gerade der Ulk-Band „Gebrüder Blattschuss“ entwachsen war, vor Millionenpublikum. Man muss schon einen ordentlichen Schuss weghaben, um bei solcher Gelegenheit auf die Melodie eines Songs von Rodney Crowell folgenden Text zu singen: „Haben Sie schon aus dem Fenster geguckt? / Draußen wandert ein Kamel rum und spuckt. / Es ist rosa, hat ein Haarteil und singt. / Glauben Sie, dass das Kamel es weit bringt?“

          Seither durchwandert Jürgen von der Lippe die deutsche Humorwüste, um Wortwitze spuckend den Eindruck zu widerlegen, der Esprit habe hierzulande keine Advokaten. Souverän gehen ihm komplizierte rhetorische Pirouetten von der, nun ja, Lippe. Die Zote aber verachtet er ebenso wenig. Startnummer drei, das lässt sich auch symbolisch verstehen. Dieter Hallervorden und Otto Waalkes, die beiden anderen Gründungsfiguren des neuen deutschen Blödelhumors, waren 1980 bereits da. Aber anders als „Didi“, der nach „Nonstop Nonsens“ seinen Nonsens vor allem in Filmen auslebte, und anders als der Dadaist Otto, der sich nur sehr dosiert ins Fernsehen begab, wurde Jürgen von der Lippe zum großen Zampano des schmuddeligen neuen Unterhaltungsfernsehens der achtziger und neunziger Jahre, als unter dem Gute-Laune-Druck der Privatsender die Klamauk-Spielshows wucherten.

          Was für eine Frage? Auch als Moderator von „Geld oder Liebe“ blieb Jürgen von der Lippe seinem Fernseh-Stil treu.

          Hans Rosenthal, Frank Elstner und Rudi Carrell, die Vorgänger, hatten ihre Spielchen noch ernst gemeint. Sie waren im Anzug erschienen. Von der Lippe zeigte schon durch zeltgroße, ultrahässliche Hawaiihemden, was er von dem Programm hielt, das er fröhlich präsentierte.

          Goodbye, pädagogischer Mehrwert. Der Trash war da. Es begann im September 1980 im WDR mit dem Jux-Feuerwerk „WWF Club“. Vier Jahre später folgte „So isses“, orientiert an amerikanischen Comedy-Formaten. 1986 kam dann „Donnerlippchen“ im Ersten dazu, eine so derbe wie ikonische Gameshow samt Versteckte-Kamera-Witzen. Das war sinnfrei, aber lustig. Weil man so etwas hier nicht kannte und für anarchisch hielt, so betulich die Folgen im Rückblick anmuten. Ein wenig subversiv wirkt es heute noch, Prominente für ein Rate-Spiel in einen Sack zu stecken und konsequent mit „Lieber Sack“ anzusprechen. Die Kuppel-Show „Geld oder Liebe“ (von 1989 an in der ARD) lag endgültig auf Privatfernsehniveau, was ihrer Beliebtheit nicht schadete.

          Bitte lächeln: Jürgen von der Lippe und Madonna bei „Wetten, dass ..?“ im ZDF.

          Was diesen Entertainer jedoch von Anfang an auszeichnete und wohl mit dafür gesorgt hat, dass er immer oben schwamm – ein tanzender Korken auf den seichter werdenden Wassern –, ist dieser frappante Widerspruch zwischen den Flapsigkeiten, für die er einstand, und seiner schuldirektorenhaften Erscheinung. Immer war da die Frage: Warum macht er das nur? Man sah doch, dass er zu intelligent und zu wortgewandt war, um bloß irgendwelche klemmenden Riesenhebel zu betätigen, Torten ins Gesicht geklatscht zu bekommen oder billige Sex-Witze zu reißen.

          Die programmatisch unvorbereitete Talkshow „Wat is?“ (von 1995 an) oder die Literatursendung „Was liest du?“ (von 2003 an) schienen seiner Schlagfertigkeit schon eher angemessen. Man hätte von der Lippe, der mit Dieter Nuhr, einem der hintersinnigeren neuen Komiker, die prägenden Stationen katholischer Messdiener und Lehramtsstudium teilt, in guten Momenten eine Late-Night-Show zugetraut.

          Aber diese Ambition hatte er nicht. Dahinter mag das goldrichtige Kalkül stecken, dass es im Fernsehen auf Dauer ausschließlich singende Kamele weit bringen (man frage Harald Schmidt). Als sollte das nochmals bewiesen werden, hebt die ARD am Samstag (20.15 Uhr) eine dreistündige „Geburtstags-Show“ ins Programm, diese überflüssigste aller Gruselsendungen, in der sich Fernseh-Promis in Nostalgie ergehen und garantiert ein großer Chor „Guten Morgen, liebe Sorgen“ trällert.

          Für den Geist bleibt immer noch die Bühne. Man tritt Jürgen von der Lippe wohl nicht zu nahe, wenn man unterstellt, dass er mit seinen hingewuppten Moderationen zwar Geld verdient und ohne allzu böse Absichten die Implosion der Fernsehunterhaltung eingeleitet hat, dass sein Herz jedoch immer für die Bühnenprogramme schlug. Für diese ist all seine Kreativität reserviert. Hier blüht er auf, der kluge Parodist Jürgen von der Lippe, der Robert-Gernhardt-Verehrer, der Figurenerfinder, der Poet und Musiker. Und hier wirkt die krachende Zote oder die politische Unkorrektheit kein bisschen anstößig, weil sie mit Stil und Galanterie serviert wird. Heute feiert der elegante Wortklauber und Hebelumleger in der Fernsehunterhaltung seinen siebzigsten Geburtstag. Santé!

          Weitere Themen

          Alte Liebe rostet nicht

          „Barock am Main“ : Alte Liebe rostet nicht

          Rainer Ewerrien kommt als Orgon bei „Barock am Main“ ans Theater zurück. Er glänzt hauptsächlich in komischen Rollen. Dennoch würde er gerne mal etwas „Todernstes“ spielen.

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Das Original

          FAZ Plus Artikel: Höcke und die AfD : Das Original

          Auf dem „Kyffhäuser-Treffen“ des nationalistischen „Flügels“ hat der Chef der Thüringer AfD die Führung der Bundespartei attackiert. In Westdeutschland stürzen seine Freunde ganze Landesverbände ins Chaos. Der Widerstand organisiert sich.

          Topmeldungen

          Immer mehr Menschen verlassen die beiden großen Kirchen in Deutschland.

          Aktuelle Statistik : Zahl der Kirchenaustritte steigt

          Die am Freitag veröffentlichte Mitgliederstatistik zeigt, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland weiter Mitglieder verlieren. Aus der katholische Kirche heißt es, dies seien „besorgniserregende“ Zahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.