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ARD-Film „Südpol“ : Dafür hat er keine Worte mehr

  • -Aktualisiert am

Gibt es noch einen Ausweg? Juergen Maurer spielt Hans Wallentin in „Südpol“. Bild: ORF/BR/Allegro Film/Petro Domeni

Juergen Maurer spielt in „Südpol“ einen Mann, der jeden Halt verliert und verstummt. Das macht ihn für sich selbst und andere gefährlich.

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          Der Österreicher Juergen Maurer gehört zu den Schauspielern, die man zwar seit Jahren im Fernsehen sieht, aber meistens in Nebenrollen. In der letzten Zeit allerdings ist der ehemalige Burgschauspieler auch als Hauptdarsteller in den Vordergrund gerückt. In „Südpol“ spielt er einen entlassenen Manager im mittleren Alter derart famos, dass man sich für einen Moment über die Zukunft der ehemaligen TV-Königsdisziplin, den neunzigminütigen Fernsehfilm mit abgeschlossener Dramaturgie, keine Sorgen mehr macht. Juergen Maurer trägt diesen Film nicht nur – neben Kollegen wie Caroline Peters und Oliver Stokowski –, er stellt die Sprachlosigkeit seiner Figur Hans Wallentin dar, als ginge es ums Überleben.

          Darum geht es in „Südpol“ in der Tat. Der Laubbläser, der morgens im verlassenen „Böhmischen Prater“ in Wien die Überreste des Amüsements mit abgefallenen Blättern zusammenschiebt, sieht genauso viel wie der Zuschauer: einen Mann, der eine junge Frau mit vorgehaltener Pistole in ein Lokal zurückdrängt. Der Arbeiter kann kaum Deutsch, aber die Szene spricht für sich. Eine bewaffnete Geiselnahme findet statt. Polizei rückt an, nimmt Aufstellung, bereitet Verhandlungen vor. Dieser Mann jedoch spricht nicht, sucht keinen Kontakt, will nichts. Der Freund der Kellnerin Ella (Lily Epply), der Geisel, verlangt, dass die Polizei etwas unternimmt. Inzwischen ist auch Ellis Mutter (Franziska Weisz) vor Ort. Die Polizisten warnen: Niemand ist so gefährlich wie ein Täter ohne Sprache.

          Mit Gewalt Richtung Abgrund und Selbstauslöschung

          Kein Gespräch, nur einen Kündigungsbrief gab es für Hans Wallentin (Juergen Maurer) nach neunzehn Jahren Karriere als Vorzeigemanager in einem Wiener Vorzeigeunternehmen. Kollegen sind von jetzt auf gleich Ex-Freunde, die ihm nichts mehr zu sagen haben. Wallentin ist seit Wochen schon raus. Morgens verlässt er die brutalistische Architektur seiner Villa und seine Charity-engagierte Frau (Caroline Peters), wie immer. Er bringt den Sohn in der Nobelkarosse zur Schule, geht in den Park, setzt den Kopfhörer auf und – ist weg, für Stunden. Oder er isst im „Südpol“ im kleinen Ableger des Praters, dessen nostalgische Fahrgeschäfte mit ihren abblätternden Dekors Kindheitserinnerungen wie Gesprächsbedarf heraufbeschwören (Kamera Hermann Dunzendorfer).

          Wallentin zieht es mit Gewalt Richtung Abgrund und Selbstauslöschung. Er verlässt seine Frau, überschreibt ihr sämtlichen Besitz, randaliert im Hotel und kehrt immer wieder ins „Südpol“ zurück. In den Ohren Johann Sebastian Bach. Er hört das Allegro des für Violine geschriebenen Cembalokonzerts in d-moll BWV 1052. Mit dieser musikalischen Sprache der Transzendenz, zufällig entdeckt, kennt er sich nicht aus. Aber sie führt ihn zu sich selbst zurück. Und zum Wunsch der Mitteilung – zu Ella, mit Pistole.

          Drei ästhetisch gleichwertige Teile hat dieser von Nikolaus Leytner geschriebene und inszenierte Film über den Verlust des Selbstbilds eines Mannes, der zum Neuanfang werden könnte – wenn das SEK ihn nicht vorher erschießt. Der dritte Teil wird zum herausragenden Kammerspiel zwischen Maurer und Lili Epply. Die Erzählsituation des Films ist auf Anfang gestellt. Der Zuschauer ist Zaungast im „Südpol“. Wird Zeuge von Sprachnot und Ins-Gespräch-Kommen, von persönlicher Rechnungslegung, die auch Ellas mehr angetupfte Lebensgeschichte umfasst. Dabei liegen in Leytners kunstvoll durchdachter Arbeit das Erhabene und das Lachlust Erzeugende nah beieinander. Im „Südpol“ hält ein überlebensgroßer Pinguin, der an die Steifheit Wiener Caféhauskellner alten Schlags erinnert, an der Tür Wache.

          Manch symbolisches Bild mag es sehr deutlich, etwa wenn Maurers Figur in der Lokalküche mit dem Spiegel gleichzeitig sein Spiegelbild zersplittert. Subtil gelungen ist aber die Behandlung der erzählten Zeit und Leytners Schauspielerführung grandios. Nicht zuletzt vermeidet die Geschichte den anschwellenden „Ein Mann sieht rot“-Berserkerton. Leytner sieht seine Ex-Manager fast wie einem Kind beim Spracherwerb zu. Mit der Erinnerung an den Kindheitsort „Böhmischer Prater“ findet Wallentin die Worte wieder. Wenigstens für den einen Moment vor dem polizeilichen Zugriff, der hier neunzig atemberaubende Minuten dauert.

          Südpol läuft heute, Mittwoch 11. März, um 20.15 Uhr im Ersten.

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