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Judentum in den Medien : Nicht an Antisemiten orientieren

Esty (Shira Haas) und ihr Mann in „Unorthodox“ Bild: Anika Molnar/Netflix

Es ist nicht alles „Unorthodox“: Wie stellt sich jüdisches Leben in Deutschland dar? Es mangelt an Vielfalt in der medialen Darstellung.

          5 Min.

          New York ist für viele Menschen die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch für Esty ist sie ein Käfig. Aus ihrem Leben in der ultraorthodox-jüdischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg und ihrer unglücklichen Ehe will sie fliehen. Und zwar so weit weg wie nur möglich: nach Deutschland. Von ihrem Sheitel, einer Perücke, die ihr richtiges Haar verdeckt, trennt sie sich während eines Bades im Berliner Wannsee. In der Netflix-Serie „Unorthodox“ spielt Antisemitismus in nur beiläufig erwähnten und gezeigten Details eine Rolle. Nur die Tätowierung eines Badegasts erinnert Esty daran, dass die vermeintliche Idylle nicht ohne Schattenseiten ist: Auf seinem Rücken prangt ein Deutschland-Schriftzug über einem Totenkopf.

          In den vergangenen Monaten waren Serien, Filme und Dokumentationen um ultraorthodoxes jüdisches Leben häufiger zu sehen. „Unorthodox“ ist ein Beispiel. Die Serie beruht auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Deborah Feldman und erzählt eine abgewandelte Fassung ihrer Geschichte. Überschattet wird die Flucht nach Berlin jedoch von der hiesigen Realität, in der Juden angegriffen werden, weil sie in der Öffentlichkeit die Kippa tragen.

          Starker Anstieg antisemitisch motivierter Kriminalität

          Fünfundsiebzig Jahre nach dem Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden ermordet wurden, ist Antisemitismus wieder spürbar. Aus der polizeilichen Kriminalstatistik geht ein starker Anstieg antisemitisch motivierter Kriminalität hervor. 2019 registrierten die Behörden 2032 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund, dreizehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Beleidigungen und Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen werden überwiegend der rechtsextremen Szene zugeordnet.

          Die Sozialwissenschaftlerin Anastassia Pletoukhina war am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag,  in der Synagoge von Halle, als ein Attentäter versuchte, einzudringen und die Gläubigen zu ermorden. Auf seiner Flucht tötete er zwei Menschen.
          Die Sozialwissenschaftlerin Anastassia Pletoukhina war am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in der Synagoge von Halle, als ein Attentäter versuchte, einzudringen und die Gläubigen zu ermorden. Auf seiner Flucht tötete er zwei Menschen. : Bild: Paula Winkler

          Teilweise hätten jüdische Gemeinden sowohl auf das Buch „Unorthodox“ als auch auf die gleichnamige Serie mit Vorsicht reagiert, sagt Anastassia Pletoukhina, Sozialwissenschaftlerin und jüdische Aktivistin. Doch gerade weil im Zusammenhang mit jüdischem Leben nicht Antisemitismus, sondern Estys Geschichte im Vordergrund stehe, finde sie selbst großen Gefallen an der Serie. „Natürlich gibt es Antisemitismus, natürlich gibt es Hass, aber wir dürfen und sollen uns nicht ausschließlich über Antisemitismus verstehen“, sagt Pletoukhina. Als orthodoxe Jüdin beobachte sie aufmerksam, wenn jüdische Menschen in den Medien in Klischees gedrängt werden. „Hier und da bereitet es mir manchmal Bauchschmerzen, wenn solche Darstellungen pauschalisieren und orthodoxes Judentum als frauenverachtend, männerdominiert und nur aus Zwangsehen bestehend dargestellt wird.“ Die Serie sorge jedoch für Referenzpunkte, die von der jüdischen Community zum Austausch über eigene Positionen und Perspektiven genutzt werden könnten. „Ich hoffe, dass Serien wie ,Unorthodox’ ein Fuß in eine Tür sind, die sich für andere Bilder jüdischer Lebenswelten öffnet“, sagt Pletoukhina.

          Das Attentat von Halle war kein Einzelfall

          Dass die Geschichte von „Unorthodox“ zur Kontroverse einlädt, zeigt ein Blick in die Kommentarspalte des Trailers auf Youtube. Sie ist überwiegend von Lob und Anerkennung geprägt. Dennoch bietet die Serie offenbar Referenzgrundlage für Antisemiten. Ein Merkmal der Satmar-Gemeinde ist die Ablehnung des israelischen Staates: Nur der von Gott gesandte Messias das Recht einen jüdischen Staat zu errichten. Diese Ablehnung benennt ein Youtube-Nutzer als seine Lieblingsszene. Doch Anastassia Plethoukhina sagt: „Wir können uns nicht immer danach orientieren, was der Antisemit von uns denken wird.“

          Ein Antisemit war es auch, der im vergangenen Oktober am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen, um die dort versammelten Gläubigen zu ermorden. Ungefähr fünfzig Betende hatten sich versammelt. Anastassia Pletoukhina war an dem Feiertag mit ihrem Mann in der Synagoge in Halle. Auch nachdem sie den ersten Knall hörte und vor dem Fenster Rauchwolken aufsteigen sah, habe sie nicht an eine antisemitisch motivierte Tat glauben können. „Wir waren alle zwischen Verleugnung, dass das gerade wirklich passiert und in einem unglaublichem Schockzustand“, erinnert sich Pletoukhina. Mitglieder der Gemeinde und ihr Mann verbarrikadierten die Türen, sie versteckten sich. Sieben Minuten habe es gedauert, bis die Polizei eintraf, fünf Stunden lang seien sie in der Synagoge eingeschlossen gewesen. Es habe sich angefühlt wie eine Ewigkeit.

          Anastassia Pletoukhina will das Attentat von Halle nicht als Einzelfall gewertet wissen. „Das war eine große Tragödie, die im Februar vom rassistischen Attentat in Hanau ergänzt wurde, aber das sind Höhepunkte der Brutalität. Da passiert viel dazwischen und davor. Es baut aufeinander auf und die Hemmungen, zu Gewalt zu greifen, werden immer geringer.“

          Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.
          Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. : Bild: Wiesinger, Ricardo

          Wenn Meron Mendel nach antisemitischen Drohungen gegen sich und die Bildungsstätte Anne Frank gefragt wird, weiß er nicht, wo er anfangen soll. Das in Frankfurt ansässige Bildungszentrum hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche und Erwachsene über die Biographie Anne Franks im Nationalsozialismus für die Gegenwart zu sensibilisieren. Darüber hinaus werden Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt beraten. Seit zehn Jahren ist Mendel Direktor der Bildungsstätte. Seit etwa fünf Jahren, sagt er, seien er und seine Mitarbeiter verstärkt Anfeindungen ausgesetzt. Der gebürtige Israeli erzählt von Hakenkreuz-Graffitis und „Heil Hitler“-Schmierereien auf der Fassade sowie bösen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. 2016 sei es zu etwa hundert schriftlichen Drohungen gekommen, 2019 habe man ungefähr 480 erhalten. Im Vergleich zu 2016 registrierte die Einrichtung einen Zuwachs von 600 auf 1600 Hasskommentare in sozialen Medien.

          Für Mendel stehen die Anfeindungen in klarem Zusammenhang mit der Neuen Rechten, der AfD und Personen wie Erika Steinbach. Letztere habe als Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung im Internet ein Dokument veröffentlicht, auf dem Mendels Privatadresse ungeschwärzt nachzulesen gewesen sei. Unmittelbar nach der Veröffentlichung sei es zu Hetzschriften gegen seine Person gekommen.

          Ein anderes Problem sieht Mendel zudem in der medialen Darstellung jüdischen Lebens: Er appelliert für mehr Vielfalt. An einzelne Serien wie „Unorthodox“ wolle er nicht appellieren, sondern an die Gesamtheit der Produzenten. „Viele Juden leben wie ich in dieser Gesellschaft und nicht, wie zum Beispiel auf einem Spiegel-Cover vom vergangenen Jahr steht, in einer unbekannten Welt nebenan“, sagt er.

          Manfred Levy ist Pädagogischer Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt.
          Manfred Levy ist Pädagogischer Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. : Bild: Thomas Rohnke

          Manfred Levy ist mit der filmischen Darstellung jüdischen Lebens insgesamt nicht sonderlich zufrieden. „In deutschen Produktionen mit jüdischer Thematik ist das oft sehr verkrampft“, sagt der Pädagogische Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. „Da steckt immer dieser versteckte Volkshochschulkurs in jüdischer Geschichte mit drin.“ Er habe bei „Unorthodox“ zunächst die Befürchtung gehabt, dass das Leben der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde von Zuschauern auf das ganze Judentum übertragen wird. Inzwischen setze er allerdings auf ein mündiges Publikum – auch auf Netflix.

          Die Angst ist größer geworden

          Manfred Levy glaubt allerdings nicht daran, dass man mit filmischen Produktionen gegen antisemitische Vorurteile kämpfen kann. Auf jüdischer Seite sei die Angst größer geworden. Levy erzählt von Menschen, die sich nicht mehr in ihre Gemeinde trauen – aus Angst, als Juden erkannt zu werden. „Wir als Museum haben immer weniger mit dem musealen Auftrag zu tun, stattdessen geht es immer öfter um Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und Rechtsextremismus.“ Als Pädagoge gibt er Workshops zum Thema Antisemitismus. Die Nachfrage sei groß. Trotzdem sollte die erste Frage immer sein: „Was wisst ihr über jüdisches Leben und jüdische Religion? Die erste Begegnung mit dem Judentum sollte nicht über Antisemitismus laufen.“

          Es gibt ein weiteres Problem. Wenn Levy daran denkt, wer sich manchmal unter das Publikum seiner Vorträge mischt, ärgert er sich: „Ich halte einen Vortrag über Antisemitismus, die Menschen nicken ständig – und plötzlich tauchen massive Vorurteile gegenüber Muslimen auf.“ In Workshops und Vorträgen mit Erwachsenen begegne er immer öfter Geschichtsrevisionismus. „Wenn Jugendliche Vorurteile gegenüber Juden haben, kann man schnell ins Gespräch kommen, diese Vorstellungen sind nicht verfestigt“, sagt Levy. „Aber bei Erwachsenen wird es schwierig, da wird sich ein Geschichtsbild zurechtgebastelt, das nicht der Realität entspricht, scheinbar aber eine Befreiung auslöst.“

          Vor wenigen Wochen habe er Nachricht von einem Freund bekommen, der als Fotograf auf einer der sogenannten Hygienedemos unterwegs war. Als er auf den Fotos Protestler in nachgemachter KZ-Kleidung und die aufgenähten gelben Sterne an ihren Ärmeln sah, sei er wütend geworden. „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Levy. „Was, wenn das ein Holocaust-Überlebender sieht?“ Levy ist enttäuscht. Enttäuscht auch darüber, an Holocaust-Gedenktagen überwiegend Angehörige der jüdischen Gemeinde anzutreffen. „Warum ist es Sache der Juden, zu gedenken und sich gegen Antisemitismus einzusetzen?“, fragt er. „Das ist nicht mein Problem, das ist auch kein jüdisches Problem, sondern ein Problem aller, die in Deutschland in einem demokratischen System leben wollen.“

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