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Judentum in den Medien : Nicht an Antisemiten orientieren

Ein anderes Problem sieht Mendel zudem in der medialen Darstellung jüdischen Lebens: Er appelliert für mehr Vielfalt. An einzelne Serien wie „Unorthodox“ wolle er nicht appellieren, sondern an die Gesamtheit der Produzenten. „Viele Juden leben wie ich in dieser Gesellschaft und nicht, wie zum Beispiel auf einem Spiegel-Cover vom vergangenen Jahr steht, in einer unbekannten Welt nebenan“, sagt er.

Manfred Levy ist Pädagogischer Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt.
Manfred Levy ist Pädagogischer Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. : Bild: Thomas Rohnke

Manfred Levy ist mit der filmischen Darstellung jüdischen Lebens insgesamt nicht sonderlich zufrieden. „In deutschen Produktionen mit jüdischer Thematik ist das oft sehr verkrampft“, sagt der Pädagogische Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. „Da steckt immer dieser versteckte Volkshochschulkurs in jüdischer Geschichte mit drin.“ Er habe bei „Unorthodox“ zunächst die Befürchtung gehabt, dass das Leben der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde von Zuschauern auf das ganze Judentum übertragen wird. Inzwischen setze er allerdings auf ein mündiges Publikum – auch auf Netflix.

Die Angst ist größer geworden

Manfred Levy glaubt allerdings nicht daran, dass man mit filmischen Produktionen gegen antisemitische Vorurteile kämpfen kann. Auf jüdischer Seite sei die Angst größer geworden. Levy erzählt von Menschen, die sich nicht mehr in ihre Gemeinde trauen – aus Angst, als Juden erkannt zu werden. „Wir als Museum haben immer weniger mit dem musealen Auftrag zu tun, stattdessen geht es immer öfter um Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und Rechtsextremismus.“ Als Pädagoge gibt er Workshops zum Thema Antisemitismus. Die Nachfrage sei groß. Trotzdem sollte die erste Frage immer sein: „Was wisst ihr über jüdisches Leben und jüdische Religion? Die erste Begegnung mit dem Judentum sollte nicht über Antisemitismus laufen.“

Es gibt ein weiteres Problem. Wenn Levy daran denkt, wer sich manchmal unter das Publikum seiner Vorträge mischt, ärgert er sich: „Ich halte einen Vortrag über Antisemitismus, die Menschen nicken ständig – und plötzlich tauchen massive Vorurteile gegenüber Muslimen auf.“ In Workshops und Vorträgen mit Erwachsenen begegne er immer öfter Geschichtsrevisionismus. „Wenn Jugendliche Vorurteile gegenüber Juden haben, kann man schnell ins Gespräch kommen, diese Vorstellungen sind nicht verfestigt“, sagt Levy. „Aber bei Erwachsenen wird es schwierig, da wird sich ein Geschichtsbild zurechtgebastelt, das nicht der Realität entspricht, scheinbar aber eine Befreiung auslöst.“

Vor wenigen Wochen habe er Nachricht von einem Freund bekommen, der als Fotograf auf einer der sogenannten Hygienedemos unterwegs war. Als er auf den Fotos Protestler in nachgemachter KZ-Kleidung und die aufgenähten gelben Sterne an ihren Ärmeln sah, sei er wütend geworden. „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Levy. „Was, wenn das ein Holocaust-Überlebender sieht?“ Levy ist enttäuscht. Enttäuscht auch darüber, an Holocaust-Gedenktagen überwiegend Angehörige der jüdischen Gemeinde anzutreffen. „Warum ist es Sache der Juden, zu gedenken und sich gegen Antisemitismus einzusetzen?“, fragt er. „Das ist nicht mein Problem, das ist auch kein jüdisches Problem, sondern ein Problem aller, die in Deutschland in einem demokratischen System leben wollen.“

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