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Judentum in den Medien : Nicht an Antisemiten orientieren

Das Attentat von Halle war kein Einzelfall

Dass die Geschichte von „Unorthodox“ zur Kontroverse einlädt, zeigt ein Blick in die Kommentarspalte des Trailers auf Youtube. Sie ist überwiegend von Lob und Anerkennung geprägt. Dennoch bietet die Serie offenbar Referenzgrundlage für Antisemiten. Ein Merkmal der Satmar-Gemeinde ist die Ablehnung des israelischen Staates: Nur der von Gott gesandte Messias das Recht einen jüdischen Staat zu errichten. Diese Ablehnung benennt ein Youtube-Nutzer als seine Lieblingsszene. Doch Anastassia Plethoukhina sagt: „Wir können uns nicht immer danach orientieren, was der Antisemit von uns denken wird.“

Ein Antisemit war es auch, der im vergangenen Oktober am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen, um die dort versammelten Gläubigen zu ermorden. Ungefähr fünfzig Betende hatten sich versammelt. Anastassia Pletoukhina war an dem Feiertag mit ihrem Mann in der Synagoge in Halle. Auch nachdem sie den ersten Knall hörte und vor dem Fenster Rauchwolken aufsteigen sah, habe sie nicht an eine antisemitisch motivierte Tat glauben können. „Wir waren alle zwischen Verleugnung, dass das gerade wirklich passiert und in einem unglaublichem Schockzustand“, erinnert sich Pletoukhina. Mitglieder der Gemeinde und ihr Mann verbarrikadierten die Türen, sie versteckten sich. Sieben Minuten habe es gedauert, bis die Polizei eintraf, fünf Stunden lang seien sie in der Synagoge eingeschlossen gewesen. Es habe sich angefühlt wie eine Ewigkeit.

Anastassia Pletoukhina will das Attentat von Halle nicht als Einzelfall gewertet wissen. „Das war eine große Tragödie, die im Februar vom rassistischen Attentat in Hanau ergänzt wurde, aber das sind Höhepunkte der Brutalität. Da passiert viel dazwischen und davor. Es baut aufeinander auf und die Hemmungen, zu Gewalt zu greifen, werden immer geringer.“

Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

Wenn Meron Mendel nach antisemitischen Drohungen gegen sich und die Bildungsstätte Anne Frank gefragt wird, weiß er nicht, wo er anfangen soll. Das in Frankfurt ansässige Bildungszentrum hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche und Erwachsene über die Biographie Anne Franks im Nationalsozialismus für die Gegenwart zu sensibilisieren. Darüber hinaus werden Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt beraten. Seit zehn Jahren ist Mendel Direktor der Bildungsstätte. Seit etwa fünf Jahren, sagt er, seien er und seine Mitarbeiter verstärkt Anfeindungen ausgesetzt. Der gebürtige Israeli erzählt von Hakenkreuz-Graffitis und „Heil Hitler“-Schmierereien auf der Fassade sowie bösen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. 2016 sei es zu etwa hundert schriftlichen Drohungen gekommen, 2019 habe man ungefähr 480 erhalten. Im Vergleich zu 2016 registrierte die Einrichtung einen Zuwachs von 600 auf 1600 Hasskommentare in sozialen Medien.

Für Mendel stehen die Anfeindungen in klarem Zusammenhang mit der Neuen Rechten, der AfD und Personen wie Erika Steinbach. Letztere habe als Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung im Internet ein Dokument veröffentlicht, auf dem Mendels Privatadresse ungeschwärzt nachzulesen gewesen sei. Unmittelbar nach der Veröffentlichung sei es zu Hetzschriften gegen seine Person gekommen.

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