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Jubiläums-Doku im SWR : Steffi Graf entzieht sich

Am 6. Juni 1987 war der Triumph perfekt: Die 17 Jahre alte Steffi Graf gewinnt erstmals die Offenen Tennismeisterschaften von Paris Bild: dpa

Vor 25 Jahren gewann Steffi Graf bei den French Open den ersten ihrer am Ende 22 Grand-Slam-Titel. Der SWR lässt aus diesem Anlass ihre singuläre Karriere Revue passieren.

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          Friedrich Bohnenkamps gut eineinhalbstündiger Film über die Tennis-Ikone Steffi Graf ist eine gediegene Sport-Dokumentation. Gleich im Vorspann lässt der Autor eine Reihe von Gewährsleuten zu Wort kommen, die auch in der Folge immer wieder den Werdegang „der besten Spielerin aller Zeiten“ kommentieren.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Einstige Konkurrentinnen wie die Argentinierin Gabriela Sabatini oder die amerikanische Dauerrivalin Martina Navratilova äußern sich dabei mit analytischer Noblesse, Michael Stich, Wimbledonsieger von 1991, hat große Sympathie für die „Schutzmechanismen“, mit denen sich die Ausnahmespielerin Graf gegen die Zumutungen ihres Berufs wappnete, der frühere Bundestrainer Klaus Hofsäß nennt sie „die Bescheidenste unter allen Superstars“ und fügt später hinzu, sie habe auch in ihrem Leben nach dem Hochleistungssport „einiges anders und, um es vorsichtig auszudrücken, vielleicht auch besser“ gemacht als Boris Becker, das andere deutsche Tennisidol.

          Besonders zackig formuliert Hans-Jürgen Pohmann, Davis-Cup-Recke der siebziger Jahre und inzwischen Sportchef des RBB: „sehr ehrlich, sehr feinfühlig, scheu, unsicher und voll berechtigen Misstrauens“ sei die Athletin in ihrer aktiven Zeit gewesen. Nur Claudia Kohde-Kilsch, in den Achtzigern die einzige ernstzunehmende deutsche Gegnerin, hat immer noch keinen rechten Frieden mit der sportlichen Vergangenheit gemacht. Für sie wurde Steffi Graf zwar „geboren, um die Nummer eins zu werden“, wäre für einen Triumph auf dem Platz aber auch „über Leichen gegangen.“

          Gemischtes Doppel der Legenden

          Die Interview-Passagen werden umrahmt von Kindheitsszenen (wohl) aus dem Filmfundus der Familie Graf, von Ausschnitten aus früheren Dokumentationen der ARD und des ZDF oder von Sequenzen aus einem gemischten Doppel der Tennislegenden, an dem Steffi Graf vor einem Jahr im westfälischen Halle teilnahm.

          In André Agassis Autobiographie „Open“ (2009) erfährt man von Kapitel 22 an eine Menge über seine Ehefrau Stefanie Graf.
          In André Agassis Autobiographie „Open“ (2009) erfährt man von Kapitel 22 an eine Menge über seine Ehefrau Stefanie Graf. : Bild: dpa

          Natürlich gibt es auch Passagen von den glorreichen Auftritten in den achtziger und neunziger Jahren, als „die Brühlerin“ 377 Wochen lang an der Spitze der Weltrangliste stand und dabei allein bei den vier großen Turnieren in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York zweiundzwanzig Titel gewann, 1988 überdies die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul.

          Rechte an bewegten Bildern allerdings haben der Autor Bohnenkamp und der produzierende SWR offenbar nur von einigen Endspielen bei den French Open erwerben können, Szenen von anderen Grand-Slam-Triumphen fehlen jedenfalls. Dafür gibt es viel badisches Regionalkolorit, manche hübsche Anekdote am Rand und selbstredend auch ein jeweils längeres Verweilen an den beiden Katastrophepunkten der einzigartigen Karriere: 1993 stach am Hamburger Rothenbaum ein irrsinniger Graf-Fan mit dem Messer auf die Serbin Monica Seles ein, im Sommer 1995 wurde Peter Graf, Vater und Trainer zugleich, verhaftet und Anfang 1997 wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

          Die Handschrift fehlt

          Bei allem soliden Chronistenfleiß aber fehlt dem Film etwas Entscheidendes: die erkennbare Handschrift des Autors. Ein „Porträt“ nennt Bohnenkamp seinen Film. Steffi Graf aber, die zu Porträtierende, entzieht sich dem Versuch. Zunächst auf banale Weise, weil sie und ihr Management nach einigem Hin und Her dem SWR dann doch ein aktuelles Interview verweigern.

          Steffi Graf kann sich dem Film aber vor allem deshalb entziehen, weil Friedrich Bohnenkamp selbst nicht wirklich weiß, was er will. Was hat Grafs Karriere bedeutet, für sie selbst und für uns, die wir medial an ihr teilhatten? War diese Karriere mehr als ein bloß sportliches Phänomen? Solche Fragen nicht zu stellen, heißt: sich auf einen Bilderbogen und ein Potpourri der Interviews zu beschränken. Das mag unterhaltsam sein und es ist durchaus informativ. Ein veritables Porträt der Stefanie Maria Graf aber steht noch aus.

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