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Journalisten im Drogenkrieg : Armando Rodríguez schlief nicht, er war tot

  • -Aktualisiert am

In Ciudad Juárez werden Morde nicht aufgeklärt, sondern nur noch Leichen gezählt. Die Reporter des „Diario de Juárez” haben berichtet. Jetzt will das Blatt mit den Drogenbossen reden. Bild: REUTERS

Kaum ein Land ist für Journalisten so gefährlich wie Mexiko. Im Drogenkrieg in Ciudad Juárez zählen sie Leichen und werden selbst Opfer. Die Redaktion des „Diario de Juárez“ formulierte jetzt einen dramatischen Appell.

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          Als Armando Rodríguez an diesem Donnerstagmorgen im November 2008 rücklings, mit offenem Mund und geschlossenen Augen auf der Kühlerhaube seines Autos lag, durchzuckte Martín Orquíz im ersten Moment der Gedanke, sein Freund schlafe bloß. „Choco“, wie Rodríguez genannt wurde, sei nachmittags oft ins Redaktionsbüro gekommen, um ein Nickerchen zu machen. „Hier, gleich neben meinem Schreibtisch“, sagt Orquíz und zeigt auf den Boden.

          Rodríguez hatte als bester Polizeireporter des renommiertesten Blattes in der nordmexikanischen Grenzstadt Juárez einen aufreibenden Job. Er berichtete für den „Diario de Juárez“ über die Welle der Gewalt, die seit Oktober 2007 anschwoll. Damals waren die Knappen von Joaquín „El Chapo“ Guzmán, dem Chef des Sinaloa-Kartells, in die für den Drogenschmuggel strategisch bedeutsame Stadt eingezogen, um sie dem lokalen Kartell zu entreißen.

          Am Abend zuvor hatte Rodríguez mit seinen beiden Töchtern ins Kino gehen wollen. Weil zwei Polizisten erschossen worden waren, musste er jedoch länger in der Redaktion bleiben, deren trutziges Gebäude mit den verdunkelten Scheiben einem Bunker gleicht. Darüber sei er richtig sauer gewesen, sagt Orquíz und lächelt gequält. Außer dem geplatzten Kinobesuch schien Rodríguez’ Stimmung aber nichts zu trüben.

          15. Juli 2010: In Ciudad Juarez ist eine Autobombe detoniert
          15. Juli 2010: In Ciudad Juarez ist eine Autobombe detoniert : Bild: dpa

          Zwischen den Fronten des Drogenkriegs

          Zwar waren im Januar 2008 die ersten Todesdrohungen gegen ihn eingegangen, weshalb er sich nach El Paso auf die amerikanischen Seite der Grenze zurückzog. Nach ein paar Monaten kehrte er aber wieder zurück. „An diesem Mittwochabend, als ich mich von ihm verabschiedete, war er ganz ruhig. Wir beide weigerten uns, die Drohungen allzu ernst zu nehmen“, erzählt Orquíz, der das Reporterteam des „Diario“ leitet und Rodríguez’ Vorgesetzter war.

          Doch „Choco“ schlief nicht. Er war tot. Erschossen vor seinem eigenen Haus, vor den Augen seiner Familie. Obwohl Orquíz zum Tatort eilte und die Leiche seines Freundes sah, wollte er den Mord tagelang nicht wahrhaben. „Die Tat war einfach zu ungeheuerlich“, sagt er. Es folgten Monate, in denen er und die Kollegen des „Diario“ täglich mit dem nächsten Mord rechneten. „Meine Freundin sagte mir später, sie habe in dieser Zeit jedes Mal, wenn ich aus dem Haus trat, auf Schüsse gewartet“, sagt Orquíz. Die Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Vor rund einem Jahr wurde ein Fotograf für ein paar Stunden entführt. Doch bewegten sich die Mitarbeiter des „Diario“ zwischen den Fronten des Drogenkrieges, ohne einen Schuss abzubekommen. Das galt bis zum 16. September.

          An diesem Tag waren die beiden knapp dem Jugendalter entwachsenen Fotografen Luis Carlos Santiago und Carlos Manuel Sánchez ein paar Gehminuten von der Redaktion des „Diario“ in einem Einkaufszentrum unterwegs, als das Feuer auf sie eröffnet wurde. Santiago war auf der Stelle tot, Sánchez wurde verletzt. Die Täter sind flüchtig, ihre Motive unklar. Die Erfahrung legt nahe, dass das so bleibt.

          Kein Fall ist geklärt, kein Täter bestraft worden

          Nach Angaben der staatlichen Menschenrechtskommission (CNDH) sind in den letzten zehn Jahren 65 Journalisten in Mexiko ermordet worden, allein acht im laufenden Jahr. Seit 2006 sind elf entführt worden. Rund die Hälfte der Verbrechen fällt in die letzten zwei Jahre – die Zeit des entfesselten Drogenkrieges, der sich nicht mehr allein um die Kontrolle von Schmuggelrouten, sondern ganzer Dörfer, Städte und Regionen dreht. Kein einziger Fall ist bisher restlos aufgeklärt, geschweige denn sind die Täter bestraft worden.

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