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Journalismus : Vier Zeitungen mit einer Klappe

Dumont Schauberg erprobt neue journalistische Konzepte Bild: dpa

Der Verlag DuMont Schauberg richtet eine Redaktionskommune für seine regionalen Blätter ein. Auf den ersten Blick sieht der Plan nach kleinem Karo aus. Er soll aber etwas anderes sein.

          Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wiederhole sich die Geschichte. Die Geschichte von der Ausdünnung oder Zusammenlegung von Redaktionen und der Reduzierung von Vielfalt um der Kostenersparnis willen. Was soll man auch anderes denken, wenn es heißt, dass der Verlag DuMont Schauberg eine Redaktionsgemeinschaft gründet, mit rund fünfundzwanzig Redakteuren, die fortan nicht mehr jeweils einzelne, sondern alle vier Abonnementszeitungen des Verlags mit Geschichten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedienen - die „Berliner Zeitung“, die „Frankfurter Rundschau“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und die „Mitteldeutsche Zeitung“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das riecht nach Rotstift und Heuschrecken-Habitus, mit dem insbesondere die „Berliner Zeitung“ unter dem vormaligen Eigentümer, dem Investor David Montgomery, schmerzliche Erfahrungen gemacht hat, und erinnert an das Modell der WAZ-Gruppe, die für ihre großen Titel im Ruhrgebiet eine gemeinsame Mantelredaktion eingerichtet und fleißig Stellen gestrichen hat.

          Keine betriebsbedingten Kündigungen

          So könnte es also nach vertrautem Muster laufen, auf den zweiten Blick aber ist es anders. Es soll, und das ist wesentlich, zum Beispiel keine betriebsbedingten Kündigungen und keine Tarifflucht geben, wie es - den Verlautbarungen nach - die Gewerkschaft Verdi vorauseilend befürchtet. Eine Arbeits- und sozusagen auch Wohngemeinschaft werde mit dem Redakteurspool eingerichtet, sagt Uwe Vorkötter, der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, der dem Investor Montgomery einst gemeinsam mit der Redaktion Paroli bot. Es gehe darum, sich neu zu organisieren, um die Qualität aller Blätter zu erhalten. Dafür steht er als Chefredakteur und Sprecher der neuen, blattübergreifenden Redaktion, und dafür steht auch seine Stellvertreterin Brigitte Fehrle, die diesen Kreativpool künftig anführt, unterstützt von Robert von Heusinger, dem bisherigen Wirtschaftschef der „Frankfurter Rundschau“. In Berlin wird die „Redaktionsgemeinschaft“ ihren Sitz haben, eine Dependance in Frankfurt unterhalten; bewerben kann man sich seit gestern, die Anträge aus den Redaktionen würden bei gleicher Qualifikation gegenüber Externen bevorzugt, teilt der Verlag mit. Anfang April soll das Team loslegen.

          Eine Zerschlagung von Redaktionsstrukturen, auf dass es künftig nur noch Einheitsbrei gibt, sähe fürwahr anders aus, sie wäre mit dem handelnden Personal aber gar nicht zu machen und sie liegt wohl auch nicht in der Intention der Verleger. „Wir bündeln unsere Kompetenzen und sichern hohe journalistische Qualität in Zeiten der Wirtschafts- und Branchenkrise, um mit dieser Maßnahme nicht zuletzt den investigativen Anteil zu erhöhen“, sagt der für Strategie zuständige Vorstand von DuMont Schauberg, Konstantin Neven DuMont. Es gibt eine Redaktionsgemeinschaft, auch die internationalen Korrespondentenplätze - fünfzehn an der Zahl - arbeiten ihr zu. Man wolle nicht den Tarifvertrag unterlaufen und auch keine „Dumping-Gesellschaft“ gründen, ergänzt das für die Redaktionen zuständige Vorstandsmitglied Franz Sommerfeld. An sämtlichen Standorten blieben Vollredaktionen der Ressorts erhalten. „Wir werden nicht betriebsbedingt kündigen.“ An dieser Zusage werden die Betriebsräte und Redakteursvertreter die Umsetzung der Pläne messen.

          Quadratur des Kreises

          Es soll auch, nach den Worten des Chefredakteus Vorkötter, der „Grundton“ der Zeitungen erhalten bleiben, „intellektuell“ bei der „Frankfurter Rundschau“, etwas „rauher“ bei der „Berliner Zeitung“. „Es geht in erster Line um das Blatt, das ist ein wirkliches Qualitätsprojekt“, sagt Uwe Vorkötter im Gespräch, und meint damit nicht nur sein Blatt, sondern alle Zeitungen der Gruppe. „Wir haben doch die besten Köpfe in unseren Redaktionen, die müssen wir nutzen.“ Vorkötter hofft, mit dem neuen Konzept „an allen Stellen eine bessere Zeitung machen zu können“.

          Das klingt nach der Quadratur des Kreises, und das ist es auch. Doch wird man leichtere Wege, die Qualität von Zeitungen bei sinkenden Werbeerlösen und stagnierenden Auflagen zu bewahren und neu zu organisieren, so schnell nicht finden. Der Investor Montgomery, der aus dem krisenresistenten Berliner Verlag Geld nahm, anstatt zu investieren, meinte das mit einer europäischen Zeitungsgruppe leisten zu können, die er nie zustande bekam. DuMont hat eine regional aufgestellte Zeitungsgruppe von Rang, diesem Verlag könnte es gelingen.

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