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Medienschelte : Journalismus unter Verdacht

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Entsprechend werden unbestreitbare journalistische Fehlleistungen kommentiert und interpretiert, und was aus berechtigter Medienkritik bei völligem Verlust jedes Grundvertrauens und Wohlwollens wird, kann man auf Seiten wie dem Blog „Propagandaschau“ verfolgen.

Dokumentiert ist dort zum Beispiel eine falsche Darstellung auf den Internetseiten des WDR. Am 13. Oktober stand dort, automatisch übernommen aus den Radionachrichten, dass Russland der Aufforderung des Westens gefolgt sei und seine Truppen „aus dem Kampfgebiet“ der Ostukraine abgezogen habe. Tatsächlich handelte es sich um einen Rückzug aus dem Grenzgebiet, also eine Bewegung innerhalb des russischen Staatsgebietes.

Stoff für Paranoiker

Laut WDR handelte es sich um einen Fehler des zuständigen Redakteurs der Frühschicht, den man sehr bedauere und der besonders ärgerlich sei, weil man es besser wusste und am Vortag mehrmals richtig beschrieben habe. Als der Fehler auffiel, sei er auch im Internet korrigiert worden - allerdings ohne auf die Korrektur explizit hinzuweisen, wie es eigentlich „grundsätzlich“ vorgesehen sei.

Die fehlende Transparenz bei der Korrektur, durch die bei unverändertem Zeitstempel plötzlich eine andere Darstellung auf der Seite stand, brachte nun die „Propagandaschau“-Leute vollends in Fahrt. „ARD und ZDF entfernen Beweise ihrer Lügen und Propaganda heimlich still und leise aus dem Webangebot“, schrieben sie. „Das Vorgehen erinnert nicht nur an schnöde Kriminelle, sondern - weil wir es hier mit politischer Manipulation zu tun haben - an die stalinistische oder nationalsozialistische Propaganda, bei der es üblich war, schon mal ganze Personen aus Fotos wegzuretuschieren, zu schwärzen oder zu übermalen.“

Nun könnte man sagen, dass man mit jemandem, den eine solche fehlerhafte Fehlerkorrektur gleich an Stalin und Goebbels erinnert, ohnehin nicht diskutieren kann. Aber es wäre gut, wenn die Medien nicht so häufig den Funken liefern würden, aus dem die Paranoiker dann ihre lodernden Feuer entfachen. All das, woran die seriöse Medienkritik seit Jahren bei den deutschen Medien regelmäßig verzweifelt - fehlende Transparenz und Distanz, mangelnde Sorgfalt und Kommunikation -, dient nun als Treibstoff.

Das Thema Ukraine

Dass sich das am Ukraine-Konflikt in einem selten da gewesenen Maße entzündet, ist kein Wunder, das räumt auch der „Tagesschau“- Mann Nitsche ein: „Ablesbar an vielen Zuschriften ist die Angst vor einer Ausweitung des Konfliktes nach Westeuropa.“

Seit einiger Zeit dringen führende deutsche Medien und Politiker gleichermaßen und teilweise gemeinsam darauf, dass Deutschland eine aktivere Rolle auch in kriegerischen Auseinandersetzungen übernehmen soll. Von vielen Kritikern werden die Journalisten dabei als Verbündete der Politik wahrgenommen, nicht als kritische und distanzierte Kontrolleure, und der Eindruck ist nicht abwegig.

Deutschland erlebt, wie es der Publizist Friedrich Küppersbusch formuliert, gerade die „Einberufung zum Wehrdienst“ - und dabei hätten die Medien noch nicht einmal die Grundausbildung absolviert. Oft genug scheint es, als zögen sie mit in den Kampf, anstatt gerade auch die „eigene Seite“ mit der größtmöglichen Distanz zu begleiten. Das zeigt sich in der Reduzierung des Konfliktes auf einen Kampf gegen einen gefährlichen, unberechenbaren, bösen Mann: Wladimir Putin. Es zeigt sich im Schimpfwort von den „Putin-“ oder gar „Russland-Verstehern“. Es zeigt sich in der Marginalisierung von Stimmen und Nachrichten, die dem vorherrschenden Narrativ vom Aggressor Russland und dem Westen, der nur hehre Ziele verteidigt, widersprechen.

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