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Journalismus : Rule online, Britannia?

  • -Aktualisiert am

Knackte jüngst die Zehn-Millionen-Grenze an „unique users” Bild: The Sun

Die britische Zeitungsbranche hat sich in die digitale Zukunft gestürzt. Der „Guardian“ preschte voran, „Sun“ und „Times“ folgen auf dem Fuß. Dabei profitierten die englischen Online-Angebote von der Weltsprache des Internets.

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          Nicht jede Zeitung geht so weit wie die „Sun“, um zu ergründen, was ihre Leser denken. Seit ein paar Jahren zwingt Rebekah Wade, die neununddreißig Jahre alte Chefin von Großbritanniens berüchtigster Boulevardzeitung, ihre leitenden Redakteure einmal im Jahr zu einem Zwangsurlaub: Auf englischen Campingplätzen oder in Benidorm verbringen sie ein Wochenende mit repräsentativ ausgewählten „Sun“-Lesern und pflegen die Verbindungen der Zeitung zu Englands schrumpfender Arbeiterklasse.

          Für den Online-Chef der „Sun“, Pete Picton, war der letzte Ausflug nicht ergiebig. Ihm war ein fanatischer Anhänger des schottischen FC Hibernian zugeteilt. „Er war wie die meisten der Meinung, dass die ,Sun' ihm gehört und wir nur für ihn auf sie aufpassen“, sagt Picton. „Was er von uns wollte, waren schnelle Fußballergebnisse.“ Aber Resultate aufs Handy zu schicken, das ist für englische Zeitungen schon ein alter Hut.

          Auf wilder Verfolgungsjagd

          Wie kaum eine andere hat sich die britische Zeitungsbranche in die digitale Zukunft gestürzt. Sie gibt neben den großen Fernsehsendern beim britischen Verband der Online-Verleger AOP (Association of Online-Publishers; www.ukaop.org.uk), der sich in London traf, den Ton an, der vor lauter Dauerrevolutionsrhetorik dieses Mal etwas ermattet klang. Dabei war es lange Zeit nur der linksliberale „Guardian“, der sich online versuchte und im Internet eine - nicht zahlende - Leserschaft heranzüchtete. Heute übersteigt sie die der gedruckten Ausgabe von zuletzt 355.000 Exemplaren um ein Vielfaches. Im August besuchten fast sechzehn Millionen „unique users“ den „Guardian“ im Internet, 155 Million mal wurde die Seite angeklickt.

          Der Rest von „Fleet Street“ ist auf wilder Verfolgungsjagd. Während die Druckauflagen jährlich um zwei bis sechs Prozent schwinden, haben die Verlage mit Millioneninvestitionen ihre Internet-Angebote massiv ausgebaut. Die Zahl der Internetleser nimmt rasant zu. Die Website der „Sun“ knackte zuletzt die Zehn-Millionen-Grenze an „unique users“ (bei 239 Millionen Klicks oder „page impressions“), ebenso die „Times“ und die „Daily Mail“. Nahe dran ist der „Telegraph“ mit 9,7 Millionen.

          Britischen Zeitungen profitieren vom Englischen

          Viele „User“ sind keine Zeitungsleser, viele Zeitungsleser sind nicht wild aufs Internet. „Die Demographie ist unterschiedlich“, sagt Picton, aber unter dem Strich stehe ein Boom. Deswegen herrsche bei der „Sun“ auch kein Kummer, weil die Auflage demnächst wohl unter die Drei-Millionen-Grenze rutscht. Die „Sun“ zähle nicht mehr Leser, sondern „Sessions“, die diese mit der „Sun“ abhielten, ganz gleich, ob sie das Blatt morgens am Kiosk kaufen, ihm eine Titelgeschichte stecken („Pete Dohertys Katze kokst“), sich zum Spielen oder zum „User“-Plausch auf der „Sun“-Bingo-Website treffen. „Wir expandieren“, sagt Picton fast etwas zu beschwörend.

          Die britischen Zeitungen profitieren vom Englischen als Lingua franca des Internets. Das größte Wachstum stammt von jenseits der Insel, und „User“ aus Amerika, Indien und Neuseeland sind nicht unbedingt Ziel britischer Anzeigekunden. Drei Viertel internationale Leser, vor allem aus den Vereinigten Staaten, sind es beim „Guardian“, der in Washington ein eigenes Online-Büro eröffnet, das die „Guardian-Gemeinde“ betreuen soll. Die gelernte Anthropologin Meg Pickard, die den neuen Posten „Head of Communities“ bekleidet, denkt im Scherz über ein eigenes „Sandal-Book“ nach, in Anlehnung an die erfolgreiche „Social-Networking“-Website „Facebook“: Klischee-“Guardian“- Leser gelten als Sandalenträger.

          Die „Times“ wird profitabel

          Der Chefredakteur der „Times“, Robert Thomson, sieht Fleet Street gar auf dem Weg zur journalistischen Weltherrschaft. Die „New York Times“ habe weniger „User“ als der „Guardian“, die „Times“ werde beide bald überholen. „Unsere Inhalte lösen rund um die Welt Echos aus“, sagte Thomson. Dass britische Qualitätszeitungen in den letzten Jahren Millionenverluste gemacht haben, soll sich auch bald ändern. Laut Thomson wird die „Times“, Dauersubventionsempfänger im Riesenreich von Rupert Murdoch, nächstes Jahr profitabel, zum ersten Mal in Jahrzehnten. Rule online, Britannia?

          Dabei ist sich die Branche einig, erst am Anfang einer Revolution zu stehen. Der Wind kann sich schnell drehen. Nachdem die Suchmaschine „Google“ Abkommen mit Nachrichtenagenturen geschlossen hat, würden Zeitungs-Websites bald weniger Leser zugespült, warnt Peter Bale von Microsoft. Fast verdächtig oft fiel das Wort Charles Darwins, wonach nicht die stärkste Spezies überlebe, sondern diejenige, die sich am besten anpasse. Die Frage ist, ob die britische Zeitungsbranche am Ende nicht doch zu clever ist.

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