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Journalismus in Russland : So lügen Sie mit dem größten Erfolg

So viel steht fest: Er hat als Gast im Sender „Rossia 24“ nichts zu fürchten - Wladimir Putin Bild: Picture-Alliance

Die Methoden des russischen Medienkrieges sind uralt aber immer noch effektiv. Wie sie funktionieren, lässt sich an aktuellen Fällen studieren. Mit im Angebot: der „faule Hering“.

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          Als Zone der modernen multimedialen Kriegführung hat die russische Gesellschaft den meisten westlichen Ländern einiges an Erfahrung voraus. Der Journalist Wladimir Jakowlew, Schöpfer der vielleicht besten russischen Zeitung „Kommersant“, erinnerte sich, als er vor zwei Jahren nach Israel emigrierte, an seine Ausbildung an der Moskauer Staatsuniversität in den achtziger Jahren. Zu seinem Studiengang gehörte ein Pflichtkurs in Kriegsjournalistik, bei dem man die Kunst erlernte, mit Hilfe von Desinformation und Bewusstseinsmanipulation im Lager des Gegners Konflikte zu schüren, verriet Jakowlew, der 1996 entscheidend mit dazu beitrug, dass Präsident Jelzin wiedergewählt wurde.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er sehe noch das Lehrbuch mit dem leicht verschmierten „Geheim“-Stempel vor sich, bekannte er in einem sozialen Netzwerk, nach dem ein gutgelaunter KGB-Oberst den angehenden Journalisten beibrachte, wie man feindlichen Soldaten das Hirn vernebelt. Die Methoden seien jedermann bekannt, versicherte Jakowlew, wenngleich viele sie sich nicht bewusstmachten. Inzwischen würden sie freilich nicht gegen bewaffnete Feinde eingesetzt, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Und heute auch im Westen, könnte man hinzufügen. Denn obwohl der amerikanische Präsident die sowjetische Propagandaschule kaum kennen wird, könnte seine mediale Kampftechnik dem Handbuch von Jakowlews KGB-Obersten entnommen sein.

          Erst Dementi, dann Spekulation

          Ein klassisches Verfahren darin heißt „fauler Hering“. Dabei hängt man jemandem eine falsche Beschuldigung an. Es muss eine möglichst abstoßende Tat sein, Mord aus Habsucht oder Kinderschändung eignen sich besonders. Beim „faulen Hering“ kommt es nicht darauf an, den Vorwurf zu beweisen, vielmehr soll gerade seine Unhaltbarkeit möglichst ausführlich in der Öffentlichkeit kommentiert und durchgekaut werden. Die menschliche Psyche sei nämlich so beschaffen, wussten schon die sowjetischen Strategen des Informationskriegs, dass jede öffentliche Behauptung sogleich Fürsprecher und Gegner auf den Plan rufe, deren fortgesetzte Debatte dafür sorgt, dass der Name des Beschuldigten automatisch mit den falschen Vorwürfen assoziiert werde, deren „Geruch“ sich gleichsam in seiner Kleidung festsetze und ihn überallhin verfolge.

          Der „faule Hering“ wird in Russland seit Ende vergangenen Jahres gegen den Historiker Juri Dmitriew eingesetzt, der in Karelien die Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“ leitet. Dmitriew hat mehr als dreißig Jahre lang Massengräber von Opfern des Stalinterrors sowie GULag-Friedhöfe erforscht und dort Gedenkstätten eingerichtet. Inzwischen brandmarkte das Justizministerium „Memorial“ als „ausländischen Agenten“, Stalin stieg zum patriotischen Pop-Helden auf. Und Dmitriew sitzt seit mehr als zwei Monaten im Gefängnis - aber nicht, weil er mahnte, Russland brauche Machthaber, die ihre Bevölkerung schonen, sondern weil er angeblich seine Adoptivtochter pädophil fotografiert hatte.

          Mit entsetzter Miene präsentiert der Sprecher des staatlichen Fernsehkanals „Rossia24“ die von einem Einbrecher aus Dmitriews Computer gestohlenen Aufnahmen, die dieser auf Bitten des Jugendamtes anfertigte, weil das Kind, das viele Jahre im Heim verbracht hatte, in seiner Entwicklung zurückgeblieben war.

          Egal, dass diese trotz der schwarzen Balken nichts Erotisches an sich haben. Ein Beamter der Staatsanwaltschaft verkündet vor der Kamera mit glasigem Blick, die Fotos seien zu „pornographischen Zwecken“ gemacht worden, ein „Experte“ erwähnt Gerüchte, wonach sie aus dem Darknet bestellt worden seien. Der Fernsehmoderator gibt sich objektiv. Die Darknet-Gerüchte hätten sich nicht bestätigt, sagt er, und vor einem Gerichtsurteil gelte für Dmitriew die Unschuldsvermutung. Doch dann spekuliert er mit sardonischer Freude, warum die Freunde dieses Mannes mit seinem wohl allzu engen Verhältnis zum Stiefkind ihn für einen Heiligen hielten. Auch in Amerika hielt sich der Geruch des „faulen Herings“, jenes angeblichen Kinderpornorings, in den Hillary Clinton involviert sein sollte, zäh. Die Geschichte war längst widerlegt, als ein Bewaffneter aus North Carolina jene Washingtoner Pizzeria überfiel, wo er die Schaltzentrale des Pornorings vermutete.

          Der Trick mit der „absoluten Evidenz“

          Etwas anders funktioniert die Technik der „Großen Lüge“. Dabei behauptet man mit Nachdruck etwas Horrendes. Der Trick besteht darin, dass die Öffentlichkeit von einer gut lancierten „Großen Lüge“ emotional traumatisiert wird und die Wirklichkeit dauerhaft anders wahrnimmt, ganz unabhängig von vernünftigen Argumenten. Besonders gut eignen sich Berichte über Misshandlungen von Frauen oder Kindern. Als klassisches Beispiel nennt Jakowlew die Geschichte von dem dreijährigen Jungen, den ukrainische Militärs angeblich im Kriegssommer 2014 in der Ostukraine gekreuzigt hätten, wie der Erste Kanal des russischen Staatsfernsehens meldete. Die Nachricht wurde rasch als „Fake News“ entlarvt, doch wahrscheinlich hat sie ihren Zweck erfüllt und die Gefühle vieler Russen für ihr Bruderland erschüttert.

          In Amerika erzeugten vergleichbare Manipulationen vor allem eine gesunde Immunreaktion. Als Donald Trumps Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway ein „Massaker von Bowling Green“ erfand, um das Einreiseverbot von Bürgern muslimischer Länder zu legitimieren, und als sich der Präsident einen Terroranschlag in Schweden ausdachte, ernteten beide Spott und Hohn. Dennoch scheinen viele Trump-Anhänger an das Bowling-Green-Massaker zu glauben. Die Große Lüge funktioniert indes auch umgekehrt, als Leugnung realen Horrors. Ein Beispiel ist die von Waffenlobbyisten und rechten Netzportalen verbreitete Behauptung, das Blutbad an der Schule von Sandy Hook, wo im Dezember 2012 ein Amokläufer 27 Menschen erschoss, habe nicht stattgefunden. Diese Korrektur der Wirklichkeit hat ihre fanatischen Verfechter. Der Vater eines in Sandy Hook getöteten Jungen, der ihr öffentlich entgegentrat, erhielt anonyme Todesdrohungen.

          Russlands dienstälteste Trump-Figur: Wladimir Schirinowski

          Der Favorit des munteren Obersten sei indes die „absolute Evidenz“ gewesen, sagt Wladimir Jakowlew, denn die wirke zwar nicht schnell, aber dafür zuverlässig. Dabei untermauere man eine Aussage nicht mit Belegen, sondern indem man sie als etwas Offensichtliches hinstelle, wovon die meisten ohnehin überzeugt seien, gern auch mit Schützenhilfe von Umfrageergebnissen, die nicht wissenschaftlich sauber sein müssen. Die Methode nutze den natürlichen Trieb des Menschen, sich der Mehrheit anzuschließen, vor allem bei den unteren Schichten, erklärt Jakowlew. Auf diese Weise wuchs in Russland die Unterstützung für Präsident Putin unaufhörlich. Und Trumps Anhänger glauben tatsächlich, Millionen Wähler hätten „illegal“ für Hillary Clinton abgestimmt, obwohl er das nur wiederholt behauptete, zugleich aber eine Stimmennachzählung, die es hätte erhärten oder widerlegen können, ablehnte.

          Das ist wirklich großes Theater

          Jakowlews Oberst sagte nichts vom Wutventil für die Unzufriedenen, obwohl die russischen Dienste eines installierten, noch bevor die Sowjetunion zusammenbrach: Wladimir Schirinowski mit seiner „Liberaldemokratischen Partei“, der heute oft mit Donald Trump verglichen wird. Als Trump im vergangenen Jahr gewählt war, erklärte die Moskauer Verlegerin Irina Prochorowa beinahe stolz, Russland sei eine radikale Gesellschaft, daher besitze es solch einen populistischen Politprovokateur schon lange. Und tatsächlich: Schirinowski, einer der dienstältesten Politiker, kanalisiert seit bald 28 Jahren zuverlässig den Volkszorn. Er beschimpft Amerika, Migranten, aber auch die parasitäre Machtpartei „Einiges Russland“, er ist frech zu Frauen und umgibt sich mit Luxus. Mit seiner Schlagfertigkeit, Unverschämtheit und seinen Grimassen amüsiert er auch Gegner. Er ist Stammgast bei Fernsehtalkshows, wo er unwidersprochen behaupten konnte, im moldauischen Chişinau sei ein Russe gevierteilt worden.

          Doch Schirinowski, dessen Partei stets die Gesetzesvorlagen des „Einigen Russlands“ brav mitträgt, stabilisiert ein zentralistisch gelenktes System, wofür ihm erst unlängst Präsident Putin einen Orden für seine Verdienste ums Vaterland verlieh. Trump hingegen spielt die Methoden des psychologischen Krieges, um ein auf Gewaltenteilung beruhendes System auszutricksen, inklusive seiner Geheimdienste. Auch er zapft, wie sein Chefstratege Steve Bannon bekannte, den Hass als politische Ressource an, zugleich rebelliert er gegen die geheimdienstlichen Sicherheitsleinen. Das ist wirklich großes Theater. Daher merkt der Schriftsteller Dmitri Bykow zu den amerikanisch-russischen Ähnlichkeiten an, Moskau habe mit Schirinowski nur einen armseligen Mini-Trump vorzuweisen. Aber jede Supermacht, so Bykow, erschaffe sich eben auch den ihr gemäßen Clown.

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