https://www.faz.net/-gqz-9pmd8

Journalismus in Mexiko : Das Gift des Misstrauens

  • -Aktualisiert am

Doch der neue Umgang mit der Presse überzeugt nicht alle. „Es wirkt wie ein Akt der Öffnung und Transparenz, aber in Wirklichkeit ist es ein Akt der Kontrolle und des Agenda Settings“, sagt die freie Journalistin und Trägerin des Breach-Valdez-Preises Daniela Rea im Gespräch. Zum einen sähen sich viele Medien in einer Dynamik gefangen, nur über die Themen zu berichten, die der Präsident jeden Tag anstoße. Zum anderen beantworte er lediglich die Fragen, die ihm opportun erschienen. Es sei dem ausgeprägten Lagerdenken geschuldet, dass Journalisten, die kritische Fragen bei den Pressekonferenzen stellten, im Anschluss in den regierungstreuen sozialen Netzwerken bedrängt, beschimpft und bedroht würden. Doch während Rea dafür verbissene AMLO-Anhänger verantwortlich macht, vermutet SPR-Direktor Villamil dahinter die „Gegenoffensive der Besiegten“. Die politischen Parteien und Akteure, die 2018 die Wahlen gegen López Obrador und dessen linke Sammelbegung „Morena! verloren haben, arbeiteten laut Villamil „an einer Strategie, um die öffentliche Aufmerksamkeit von AMLOs Themen abzulenken und ihn dadurch zu schwächen“.

Bei vielen sei die Hoffnung verflogen

Für Daniela Rea fällt das Zwischenfazit zur neuen Regierung nüchtern aus. Wie viele andere unabhängige Journalisten hegte auch die Mitbegründerin des Journalistennetzwerks „Periodistas de a Pie“ anfangs Hoffnung: „Viele politische Aktivisten und Wissenschaftler, die unsere Quellen waren und mit denen wir die Menschenrechtsverletzungen der Vorgängerregierungen anprangerten, wurden Teil der Regierung.“ Die neue politische Ausgangslage beschäftigte sie auch in ihrer Arbeit: „Wir fragten uns, wie wir weiterhin journalistisch arbeiten sollen, wenn es eine Regierung gibt, mit der wir irgendwie sympathisieren. Vor allem, da wir stets oppositionelle Journalisten waren.“ Mit der fortdauernden Gewalt und angesichts des autoritären Gehabes der Regierung sei die Hoffnung bei vielen jedoch verflogen.

Die Bedrohungslage für Medienschaffende führte dazu, dass im Jahr 2012 staatliche Schutzprogramme für Menschenrechtsverteidiger und Journalisten geschaffen wurden. Darunter die „Comisión Estatal para la Atención y Protección de los Periodistas“ (Ceapp). Sie umfassen Maßnahmen für Journalisten wie die Installation von Überwachungskameras, dem Aushändigen sogenannter Panik-Buttons bis hin zu einem Umzug in einen anderen Bundesstaat im Falle von Bedrohungen und Angriffen.

Längst nicht alle, die in das Programm aufgenommen werden könnten, gehen diesen Schritt. Zu groß ist das Misstrauen gegenüber dem undurchsichtigen Prozedere und den mutmaßlichen Verflechtungen staatlicher Angestellter mit dem organisierten Verbrechen. In den letzten zwei Jahren sind mindestens sieben Teilnehmer des Programms ermordet worden. Landesweit nehmen 790 Personen teil. Seit langem schon macht in Journalistenkreisen in Mexiko-Stadt die Anekdote die Runde, nach der auf einer Feier vier Journalisten gleichzeitig ihre Panik-Buttons drückten, um zu schauen, was passieren würde. Und es geschah: nichts.

Zuständige Regierungsmitglieder haben angekündigt, das unterfinanzierte Schutzprogramm entsprechend zu verbessern. Bis es so weit sein wird, gilt der warnende Satz von „Reporteras en Guardia“: „Die vierte Transformation ist gekommen, und noch immer werden wir getötet.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
Wer mit Thomas Cook auf Reisen geht, macht womöglich Quartier in der Casa Cook

Touristik : Thomas Cook bemüht sich um Staatshilfe

Der älteste Touristikkonzern der Welt kämpft ums Überleben. An diesem Vormittag ist der Verwaltungsrat zusammengekommen, um nach Möglichkeiten zu suchen, die Insolvenz zu vermeiden. Auch Staatshilfen sind im Gespräch.
Kanzlerin Angela Merkel stellt mit ihrem Klimakabinett die Ergebnisse eines Kompromisses zum Klimapaket vor.

Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.