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Journalismus im Libanon : Die Kriminellen fürchten uns

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„Diese Kriminellen haben Angst vor uns, deshalb töten sie uns” - die libanesische Journalistin Nayla Tueni Bild: Markus Bickel

Die Hoffnungen der libanesischen Presse ruhen auf Nayla Tueni. Sie tritt bei „al Nahar“, der liberalsten Zeitung der arabischen Welt, das Erbe ihres getöteten Vaters an. Das Porträt einer Furchtlosen.

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          Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „Niemals“, erwidert Nayla Tueni, ohne zu zögern auf die Frage, ob sie Angst um ihr Leben habe. „Sie haben den wichtigsten Menschen in meinem Leben getötet, meinen Vater, aber um mich selbst habe ich keine Angst.“ Selbstverständlich sei sie nicht so leichtsinnig, „den Kriminellen mein Blut und mein Leben als Geschenk zu überlassen“. Übermäßige Gedanken über ihre Sicherheit mache sie sich aber nicht. Wenn sie sterbe, fügt die 25 Jahre alte griechisch-orthodoxe Christin hinzu, sehe sie ihn ja ohnehin wieder.

          An Tuenis schwarzer Strickjacke heftet ein kleiner runder Button mit dem Gesicht ihres Vaters Gibran, der am 12. Dezember 2005 bei einem Autobombenanschlag getötet wurde. Fünf Stockwerke hoch schleuderte die Wucht von mehr als hundert Kilogramm Sprengstoff seinen Wagen, die Explosion riss einen zwei Meter tiefen Krater in die kurvige Straße nördlich von Beirut. Keine zwölf Stunden zuvor war der charismatische Parlamentarier und Chefredakteur von „al Nahar“ („Der Tag“) auf dem Flughafen der libanesischen Hauptstadt gelandet, nach mehreren Monaten in Paris, wohin er sich aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hatte. Ein Kuss auf die Wange im Halbschlaf war das Letzte, was Nayla von ihm mitbekam.

          Eine nicht abreißen wollende Serie von Anschlägen

          Der Mord an ihrem Vater katapultierte die junge Journalistin in Windeseile in die Führungsetage des liberalsten Zeitungsverlages der arabischen Welt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Tueni den Chefredakteursposten bei „al Nahar“ übernimmt, den vor ihrem Vater ihr Groß- und ihr Urgroßvater innehatten. Der hatte die heute mit einer Auflage von 40.000 größte libanesische Zeitung 1933, während der französischen Mandatszeit, gegründet.

          1947 übernahm ihr Großvater Ghassan Tueni die Zeitungsdynastie; seit dem Tod seines Sohnes vor knapp zweieinhalb Jahre hat er das Haus als Herausgeber wieder unter seinen Fittichen. In den Dekaden vor Beginn des Bürgerkrieges 1975 brachte der heute 82 Jahre alte frühere Diplomat, Abgeordnete und Minister „al Nahar“ groß heraus; der heutige Telekommunikationsminister und Onkel Gibrans, Marwan Hamadeh, dem im Oktober 2004 die erste Autobombe in einer nicht abreißen wollenden Serie von Anschlägen galt, war einer seiner wichtigsten Mitstreiter.

          Alle paar Wochen trrifft man sich auf einer anderen Trauerfeier

          Auch Naylas Onkel, Verteidigungsminister Elias Murr, überlebte im Sommer 2005 einen Anschlag. Den Märtyrerplatz, an dessen Nordende die Redaktion von „al Nahar“ ihren Sitz hat, kennt diese Generation noch aus den goldenen sechziger Jahren, als Beiruts Nachtleben der Stadt den Titel „Paris des Nahen Ostens“ einbrachte. Während des Bürgerkrieges verlief hier die Front zwischen christlichen und muslimischen Milizen, im Frühling 2005 dann, nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, errichteten antisyrische Demonstranten rund um die Statue für die libanesischen Gefallenen im Aufstand gegen die Osmanen ein Zeltlager - der Nukleus der „Zedernrevolution“, oder, wie die Libanesen sagen, des „Unabhängigkeitsaufstandes“.

          Der Großvater ein Kind der Mandatszeit, sie eine Tochter der „Zedernrevolution“: „Es ist wie ein schlechter Traum“, sagt Nayla Tueni in ihrem Büro, von wo man einen herrlichen Blick über Beiruts Hafen hat: Alle paar Wochen wieder eine Trauerfeier, auf der die Angehörigen der Opfer zusammenkommen - Söhne wie Saad Hariri, die ihren Vater verloren haben, Väter wie Amin Gemayel, der im Dezember 2006 seinen Sohn Pierre bei einem Anschlag verlor, Witwen, Mütter oder eben Töchter wie Nayla Tueni.

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