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Journalismus-App von „Quartz“ : Liest du noch, oder chattest du schon?

  • -Aktualisiert am

Das ist die herkömmliche Nutzung, doch es geht noch viel mehr: Anhänger des Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump lichten ihr Idol ab. Bild: AP

Diese App des Magazins „Quartz“ könnte die Informationsgebung umstürzen: Sie fordert die Nutzer auf, mit ihren Nachrichten zu reden. Und die tun das sogar. Doch was bringen sie in Erfahrung?

          3 Min.

          Das Online-Magazin „Quartz“ lag schon immer ein wenig quer zum Meinungsstrom. Dort liest man Geschichten über die Besteuerung von Tampons als Luxusartikel im amerikanischen Bundesstaat Utah oder den Bann von „Gay Emojis“ in Indonesien. Die Geschichten sind hochtourig und reißerisch aufgemacht wie bei „Buzzfeed“, sind aber hintergründig und gut recherchiert wie beim Magazin „Atlantic“, dessen Mediengruppe Atlantic Media „Quartz“ auch 2012 aus der Taufe hob.

          „Quartz“ hat eine mobile App gestartet, die das Nachrichtengeschäft verändern könnte: Man liest Nachrichten nicht mehr, man chattet mit ihnen. Statt Überschriften bekommt der Nutzer Push-Nachrichten aufs Handy, die sich wie die SMS eines Bekannten lesen. Zum Beispiel öffnet sich ein Chatfenster mit dem Inhalt: „Guten Morgen. Netflix ist bald in fast allen Ländern der Welt verfügbar.“ Der Nutzer sieht die Nachricht und antwortet: „Fast alle?“ Daraufhin schickt der Dienst eine Antwort: „Yeah. Es ist noch nicht verfügbar in China, Nordkorea und Syrien. CEO Reed Hastings sagte, es könnten viele Jahre vergehen, bis Netflix in China startet.“ Die Sprache ist im Jugend-Jargon gehalten: der Journalist als Kumpel. So soll das Informationsangebot von morgen aussehen: interaktiv, personalisiert und on demand. Der Leser zieht sich die Information wie am Automaten.

          „Es ist wirklich passiert“

          Nach der Vorwahl in New Hampshire wurden Nutzer der Quartz-App mit der Textnachricht begrüßt: „Yep, es ist wirklich passiert: Trump und Sanders haben haushoch in New Hampshire gewonnen.“ Um mehr zu lesen, musste der Nutzer einen vorgefertigten Text aufsagen, in dem die Emojis eines Affen, Elefanten und der amerikanischen Flagge enthalten waren. Dann trudelten Textnachrichten auf dem Handy ein. Laut einer Studie des Pew Research Center sind Textnachrichten das populärste Smartphone-Feature. Dass ein Medium Nutzer dort „abholt“, wo sie am aktivsten sind, ist nur folgerichtig. Der Nutzer soll bei der Stange gehalten werden. Wenn der App die Nachrichten ausgehen, liefert sie ein Quiz. Etwa: „Was ist der meistfrequentierte Flughafen der Welt, gemessen an der Zahl der Passagiere - Atlanta oder Peking?“

          Was sie noch zu sagen hätte: Die Nachrichten der Zukunft soll man sich aus dem Smartphone wie aus einem Automaten ziehen können.
          Was sie noch zu sagen hätte: Die Nachrichten der Zukunft soll man sich aus dem Smartphone wie aus einem Automaten ziehen können. : Bild: AFP

          Eine derartige Ansprache gewinnt an Beliebtheit, vor allem in China, meist geht es dabei um Dienstleistungen. Medienunternehmen sind noch zurückhaltend. Für Quartz extrahiert ein Team von sechs Redakteuren in Washington und London aus Artikeln prägnante Textpassagen und verschickt sie als Teaser aufs Handy. Die Nachrichten werden in Sprechblasen gekleidet. Es sei „intuitiv“, weil es ein Format darstelle, das man jeden Tag nutze, sagte der Chefentwickler Daniel Lee dem Technikmagazin „Wired“. „Und es ist vertraut, weil es eine Eins-zu-eins-Konversation mit jemandem ist.“ Der Leser soll das Gefühl haben, dass er mit dem Medium kommuniziert.

          Freilich ist die Interaktion keine Konversation. Die Fragestellungen beschränken sich auf vorfabrizierte Textbausteine: „Tell me more“ (Erklär mir mehr) oder „Anything else“ (Was noch?). Interessant ist jedoch, dass die Nachrichten von Quartz als Kontinuum modelliert sind und den Nutzer lenken. Die Nachricht wird nicht en bloc geliefert, sondern entwickelt sich aus einem Chatverlauf heraus, sie ist dynamisch.

          „Chats sind ein wichtiger Distributionskanal“, sagt der Blogger und Webentwickler Matt Webb im Gespräch mit dieser Zeitung. Zum Teil sei dies schon der Fall, etwa auf Twitter oder Facebook, wo man Nachrichten nicht auf einer starren Titelseite, sondern einem „Stream“ sieht. Diesen Stream, in dem Überschriften stetig aufpoppen, sieht Webb als Rückkehr zur klassischen Zeitungslektüre: „Man blättert durch die Zeitung, blickt auf die Überschriften, liest ein bisschen, und wenn man mehr über den Kontext erfahren will, überlegt man und liest bei Interesse den ganzen Artikel. Das ist die umgekehrte Pyramide des Journalismus. Der Stream knüpft an diese Leseerfahrung an, nur viel moderner für den kurzen Nachrichtenzyklus in Echtzeit.“

          Welche Geschichten wollen wir hören?

          Der Medienexperte Ken Doctor attestiert der App großes Potential: Das neue Produkt von Quartz sei „ziemlich innovativ“ und zeige die verschiedenen Wege, auf denen Medien heute Nachrichten verbreiten. Viele Verlage hätten den Wert von Notifizierungen und „News Alerts“ unterschätzt. „Mehr Beschäftigung bedeutet mehr verwendete Zeit und eine größere Wahrscheinlichkeit, dass ein Nutzer für ein digitales Abo bezahlt“, sagt Doctor im Gespräch. Das Interessante ist, dass man den Lesefluss unterbrechen kann. Die App sei noch im Anfangsstadium, aber es sei vorstellbar, dass „Geschichten aufgrund der Antworten ausgewählt werden“, sagt der Entwickler Webb. Roboterjournalisten könnten personalisierte Artikel aussuchen und sogar schreiben. Die Quartz-App schneidet die Antworten (noch) nicht auf die persönlichen Interessen der Nutzer zu. Die Entwickler wollten fürs Erste auf Algorithmen verzichten. Der Nachrichteninhalt kommt (noch) von echten Redakteuren. Doch ist es nicht ausgeschlossen, dass künftig Nutzer mit Bots über die Ereignisse des Tages chatten.

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