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Joko und Klaas im ZDF : Sich aus Spaß erschießen

  • -Aktualisiert am

Unterhaltung ohne Schmerzgrenze: Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf Bild: ZDF/Jule Roehr

Die Moderatoren Joko und Klaas machen Selbstverstümmelung im ZDF salonfähig. Ihre Mutproben werden als „lebensgefährlich“ ausgegeben. Das sind sie denn auch: lebensgefährlich dumm.

          3 Min.

          Letzte Woche gab es einen Fernsehskandal, der weitgehend unbemerkt blieb. Vielleicht, weil sich inzwischen niemand mehr an so etwas stört. Vielleicht auch deswegen, weil inzwischen kaum noch jemand Lust auf den bräsigen Schülerpupshumor des Moderatorenduos Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf hat, der einem auf allen Kanälen und dazu auch noch in diversen Werbungen begegnet.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Um Pups-Spray drehte sich, nicht zum ersten Mal, etwa die Hälfte der Sendung von „Neoparadise“, die nun ins zweite Jahr auf dem Spartensender ZDFneo geht. Aber der darin übliche Fäkalwitz war nicht der Skandal. Er passierte schon in einem Videotrailer vorab, dessen Inhalt später auf einem Hip-Hop-Portal im Internet wie folgt zusammengefasst wurde: „Joko hat den Auftrag auf Cro zu schießen, und Cro schießt aus Spaß zurück.“

          Falls Sie nicht wissen, wer Cro ist: Das ist ein zweiundzwanzig Jahre alter Rapper aus Stuttgart, der immer eine Pandabärenmaske trägt - sozusagen die Kinderversion von Sido mit seiner Totenkopfmaske - und der gerade auf allen Kanälen Lieder singt, in denen Zeilen wie „Das Beste bist du“ vorkommen: Niedlich, total harmlos, endlich mal Rap, den man seinen Kindern bedenkenlos empfehlen kann - das sollen Eltern dabei wohl denken.

          „Joko, schieß mich an!“

          Weil aber selbst ein Babyrapper etwas street credibility braucht, bittet er in dem besagten Trailer den Moderator Joko Winterscheidt: „Joko, schieß mich an!“, diesem eine Waffe reichend. Der Zuschauer erfährt keinen Grund für die Aufforderung, außer: „Das ist gangsta.“ Joko zögert erst, schießt dann aber Cro aus nächster Nähe in die Schulter. Es sieht sehr echt aus. Cro greift sich ans blutige T-Shirt, schaut auf das Blut an seiner Hand. Dann nimmt er die Waffe und schießt Joko ins Knie. „Aus Spaß“?

          Natürlich nur Theaterblut, wie irgendwann später in der Sendung beiläufig erwähnt wird, die Joko im Rollstuhl mit einem blutigen Knieverband moderiert. Und Insider werden doch mit Sicherheit wissen, dass die Sache eine Anspielung sein sollte auf den Fall des Rappers namens Massiv, der sich womöglich zu Werbezwecken selbst angeschossen hat? Das weiß doch heute jedes Kind. Ein Fall von subtil kulturkritischem Meta-Fernsehen also? Wer das alles nicht wusste, sah einfach nur zwei Menschen, die ohne Grund und ohne Emotion aufeinander schießen.

          Wenn man den Moderatoren Joko und Klaas schon eine Weile zugeschaut hat, wirkt die Szene sehr symptomatisch: Denn wo die beiden auch senden, lautet das Konzept: Quatsch mit Mutproben. Es geht immer wieder darum, den anderen herauszufordern, etwas Ekliges oder Schmerzhaftes zu tun - „bis einer heult“, wie es in einem festen Sendebestandteil von „Neoparadise“ heißt.

           Wer sich aufregt, gilt als uncool

          Also muss Joko sich von einem Eishockeypieler mit voller Wucht vom Eis rammen lassen, muss Klaas sich mit Kochsalzlösung die Form eines Donuts in die Stirn spritzen lassen. Die neue Samstagabendshow „Duell um die Welt“ der beiden auf Pro Sieben lebt sogar ganz von dem Ziel, sich in Situationen zu bringen, die „dumm, peinlich oder lebensgefährlich“ sind: Man lässt sich von Wrestlern verprügeln oder in einer Astronauten-Zentrifuge das Gehirn wegschleudern.

          Im Fernsehen ist das zwar eigentlich ein alter Hut: Es ist geklaut von der MTV-Sendung „Jackass“ und ihren Nachfolgern wie „Scarred“, die schon vor Jahren die Selbstverstümmelung salonfähig gemacht haben. Ein kurzer Aufschrei nur, schon war sie Normalität. Aber nur weil das mittlerweile „normal“ ist, muss man es sich nicht gefallen lassen. Neu ist allenfalls noch, dass diese Art von „Unterhaltung“ im öffentlich-rechtlichen Zielgruppenfernsehen für Jugendliche stattfindet.

          Spannung wird dabei dadurch erzeugt, dass der Zuschauer manchmal nicht sicher sein kann, was echt und was gestellt ist. Sicher hingegen ist das Ziel der Operation: Wer sich über Derartiges aufregt, sich ekelt oder erschrickt, wer ein Tabu sieht, wo andere keines mehr sehen, gilt automatisch als uncool - das ist seit ewigen Fernsehzeiten die Regel, nach der es für jugendliche, oder sagen wir einfach: unverdorbene Zuschauer alle Gewalt und Drastik zu ertragen gilt, nach dem Motto: Stell dich doch nicht so an!

          Gerade in der Zielgruppe wird damit aber auch sozialer Druck erzeugt. Am schlimmsten noch, man hält bei der täuschend echten Darstellung von Schmerz und Gewalt etwas für echt, was nur „fake“ ist: Dann muss man wohl der totale Außenseiter und Null-Checker sein. Joko und Klaas, so harmlos sie daherkommen und als institutionalisierte Klassenclowns gerade überall durchgereicht werden, bauen diesen Druck mit auf.

          Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie dann der Rapper Cro zwei Tage später im familientauglichen ZDF-Hauptprogramm bei „Wetten, dass ..?“ auftritt, mit dem in diesem Format wohl als subversiv geltenden T-Shirt-Spruch „Was reimt sich auf Markus Lanz?“ auf der Brust und der Auflösung auf dem Rücken: „Gans“. Kreuzbraver geht es nicht. Das ist die Doppelmoral des ZDF-Zielgruppenfernsehens.

          Das Verrückte an Joko und Klaas ist, dass sie tatsächlich Fernsehtalent besitzen - insbesondere bei Interviews können sie sehr lässig und gelegentlich auch lustig sein. Aber irgendeine äußere oder innere Regie holt dann regelmäßig das Pups-Spray heraus und vernebelt alles damit. So sind Joko und Klaas im doppelten Sinne Selbstverstümmler.

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