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John Whittingdale zum Rundfunk : Er gibt der BBC ein wenig Heavy Metal

Kulturminister John Whittingdale: Manche nennen ihn grimmig, andere umgänglich. Den Rundfunk lehrt er jedenfalls im Augenblick das Fürchten. Bild: Imago

John Whittingdale will Englands „linken“ Rundfunk reformieren. Auch deshalb ist der Kulturminister als konservativer Hardliner verschrieen. Doch jeder sagt: Der Mann kennt sich aus, und Witz hat er sowieso.

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          Es ist schwer vorstellbar, dass der wohlgepolsterte, kinnlose Minister mittleren Alters, der am vergangenen Sonntag auf dem Bildschirm zu sehen war, wie er in weißem Hemd, dunkelgrauem Jackett und gelber Krawatte zu Hause saß vor einer antiken Kommode mit silbergerahmten Fotos, einem Kinderporträt und einer Miniaturstanduhr und sich zur BBC befragen ließ, einmal ein Punk gewesen ist. Oder dass der Mann, in dessen Händen das Schicksal des Senders jetzt liegt, nicht nur Prokofjew und Horrorfilme liebt, sondern ein Heavy-Metal-Anhänger ist, der Bands wie AC/DC und Deep Purple schätzt und heute noch eine geflickte Weste mit einem Motörhead-Schädel besitzt. John Whittingdale wirkt wie der Inbegriff eines stockkonservativen Politikers.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der neue Minister für Kultur, Medien und Sport in David Camerons Kabinett ist in Winchester, dem traditionsreichen Eliteinternat, ausgebildet worden, dessen Motto lautet „Manieren machen einen Mann“. Seit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften hat er bis auf einen kurzen Ausflug zur Londoner Rothschild-Bank in der Politik gearbeitet. Jetzt kümmert er sich um die BBC.

          Selbst Journalisten des „Guardian“ finden ihn witzig

          1988, als er Ende zwanzig war, ernannte ihn Margaret Thatcher zu ihrem politischen Privatsekretär. Damals erntete er den Spitznamen „Maggies Toyboy“. In diese Zeit fiel die berühmte Parteitagsrede von 1990, in der die Premierministerin den Monty-Python-Sketch über den toten Papagei benutzte, um sich über die Liberale Partei zu mokieren. Da Margaret Thatcher die Komikergruppe nicht kannte, war sie unsicher über den Gag, den ihr die Redensschreiber nahegelegt hatten. Und so fragte sie Whittingdale, ob denn dieser Monty Python „einer von uns“ sei. Ohne zu zögern, versicherte ihr Privatsekretär, dass Monty Python einer ihrer größten Anhänger sei.

          Ist der Minister wirklich als Stockfisch zu bezeichnen oder versteht er auch Spaß?
          Ist der Minister wirklich als Stockfisch zu bezeichnen oder versteht er auch Spaß? : Bild: AFP

          Whittingsdales Widersacher, die dem thatchertreuen, euroskeptischen Abgeordneten unterstellen, einen ideologischen Kampf gegen die BBC zu führen, bezeichnen ihn gern als Stockfisch und verraten damit ihre Unkenntnis. Aus diesen Kreisen, die zu sagen pflegen, der gegen den öffentlich-rechtlichen Sender erhobene Vorwurf der linksliberalen Voreingenommenheit zeuge von rechtskonservativer Animosität, ist zu hören, Whittingdale sehe so grimmig aus wie jemand, der gerade von einem Stockhausen-Konzert komme. Ein alter Bekannter der Thatcher-Jahre beschreibt ihn jedoch als Politiker mit Leib und Seele, der amüsant, entspannt und unvoreingenommen sei. Er gilt als nachdenklich, fleißig und prinzipienfest. Selbst Journalisten des linksliberalen „Guardian“, der die BBC am leidenschaftlichsten gegen konservative Kritiker verteidigt, finden ihn witzig.

          Whittingdale kennt sein Ressort

          Als John Whittingdale nach der Wahl im Mai der Anruf des Premierministers erreichte, vermutete er, dass man ihm einen unbedeutenden Posten anbieten werde. Seine Ernennung zum Kulturminister nach 23 Jahren als Parlamentsabgeordneter, die meisten davon auf den Hinterbänken, sei wie eine Bombe eingeschlagen. Whittingdale gesteht allerdings, dass dies seine Traumstelle sei. Eine Zeitung meldete, die Ernennung komme einer Kriegserklärung an die BBC gleich. Cameron habe den ausgewiesenen Kritiker des Senders eingesetzt, um diesen in die Schranken zu verweisen.

          Für den heutigen Kulturminister eine Sternstunde des Parlaments: Rupert Murdoch bei seiner Anhörung 2011 in London.
          Für den heutigen Kulturminister eine Sternstunde des Parlaments: Rupert Murdoch bei seiner Anhörung 2011 in London. : Bild: dapd

          Whittingdale bestreitet derlei Absichten. Selbst seine ärgsten Kritiker bescheinigen ihm, dass kaum jemand im Parlament so gut wie er unterrichtet sei über sein Ressort. Zehn Jahre lang stand er dem einflussreichen parlamentarischen Ausschuss für Kultur, Medien und Sport vor. In dieser Eigenschaft hat er Rupert Murdoch, den er einmal als seine meistbewunderte Medienfigur bezeichnet hat, im Zusammenhang mit dem Abhörskandal bei der „News of the World“ vor den Ausschuss zitiert. Die Anhörung im Juli 2011, bei der Murdoch sich für das Vorgehen in seinem Konzern entschuldigte, sieht Whittingdale als eine Sternstunde des Parlaments.

          Ein Angriff auf eine der heiligen Kühe der Nation

          Damals wurde der Ausschuss-Vorsitzende wie ein Held gefeiert. Ein Taxifahrer weigerte sich sogar, das Fahrgeld anzunehmen. Seitdem hat sich Whittingdale vor allem als Kritiker der BBC hervorgetan, die, wie er jetzt im Fernsehen wiederholte, mit den Skandalen um den als pädophilen Sexualtäter entlarvten Moderator Jimmy Savile, um ihre übertriebenen Gehälter und Abfindungen sowie um ihre Misswirtschaft „ein paar schreckliche Jahre“ erlebt habe. Nun, da die Erneuerung der dem Rundfunkstaatsvertrag entsprechenden Royal Charter ansteht, sei Zeit für eine Bestandsaufnahme.

          Angesichts der dramatisch veränderten Medienlandschaft sieht Whittingdale die Notwendigkeit, die Rolle, die Finanzierung, die Verwaltung und den Umfang des vor bald hundert Jahren gegründeten Senders einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Seine Vorstellungen sind in das jüngst veröffentlichte „Green Paper“ eingeflossen, das in den Verhandlungen um die Zukunft der BBC als Diskussionsbasis dient. Das Dokument ist vielerorts als Angriff auf eine der heiligen Kühe der Nation aufgefasst worden. Tatsächlich gehen die Überlegungen für die Reform der Rundfunkgebühr und das Mandat des Senders an dessen Substanz. Im Kern der Debatte steht die Frage, ob die BBC weiterhin als universal aufgestellte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wirken soll oder ob sie sich unter Umständen mit einer Mischfinanzierung aus öffentlicher Subvention und Abonnement auf die Erstellung unverwechselbarer Programme beschränkt, die kommerzielle Anbieter nicht zeigen.

          Ein Sender im Überlebenskampf

          Vor seiner Ernennung zum Kulturminister, als er noch unbefangener reden konnte, hat Whittingdale der „Guardian“-Journalistin Charlotte Higgins bei ihren Recherchen für das gerade erschienene Buch über die BBC, „This New Noise“, seine Position wie folgt erläutert: Als marktliberaler Konservativer gehe er davon aus, dass Unternehmen allgemein unter privater Führung in einem auf Wettbewerb beruhenden Markt besser funktionierten. Die Frage sei also: „Brauchen wir eine BBC? Und meine Antwort darauf hat immer ja gelautet, weil es Dinge gibt, die im öffentlichen Interesse liegen und die wahrscheinlich auf kommerzieller Basis nicht zustande kämen.“

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          Einschränkend sagte Whittingdale jedoch, die BBC sprenge den Rahmen seines Begriffs vom öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Sendungen, die Formate kopierten, welche der private Markt schon biete. Seiner Auffassung nach solle die BBC nicht an Quoten denken. Sie tue dies aber wegen der Rundfunkgebühr, die Whittingdale einmal als regressive Abgabe bezeichnet hat, weil sie pauschal erhoben werde, ohne Rücksicht auf das Einkommen. Für die BBC sind solche Gedanken ein Greuel. Sie werden als Angriff auf die Grundwerte der britischen Gesellschaft dargestellt. In ihrem Überlebenskampf wird der Sender jedoch stärkere Argumente hervorbringen müssen als die Erhaltung des Status quo.

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