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Johannes B. Kerner : Plötzlich scheint alles möglich

  • -Aktualisiert am

Man fragt ja nur mal: Johannes B. Kerner Bild: ddp

Johannes B. Kerner wechselt zu Sat.1. Was bleibt dem ZDF? Die Erinnerung an Jahre voller Meinungsabstinenz und Werbeverträge, falscher Bescheidenheit und getarntem Größenwahn. Eins ist Kerner dabei nie geworden: ein öffentlich-rechtlicher Moderator.

          Am vergangenen Mittwoch ist Johannes B. Kerner in seiner Show etwas Unangenehmes passiert: Ein Gast dachte, er, Kerner, hätte etwas gemeint.

          Es ging um Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung, und Kerner hatte beim Fragen, wie es seine Art ist, die Position des sich für gesund haltenden Menschenverstandes eingenommen. Das brachte einen Mediziner dazu, in seine Argumentation, warum eine Darmspiegelung zur Krebserkennung sinnvoll sei, den Satz einzufügen: „Da stimme ich Ihnen absolut zu.“ Alarmiert nahm Kerner sofort die Hände hoch und sagte: „Sie müssen mir nicht zustimmen - ich bin da weitgehend meinungsfrei.“

          Der sanfte Aufklärer

          Wollte man jemandem, der die letzten zwölf Jahre im fernen Ausland verbracht hat, erklären, was dieses Aushängeschild des ZDF für ein Mensch ist, wären dieser Abwehrreflex und diese Formulierung ein guter Ausgangspunkt. Insbesondere wenn man weiß, dass derselbe Johannes B. Kerner seit vergangenem Jahr in Zeitschriftenanzeigen für die Felix-Burda-Stiftung wirbt. „Gehen Sie zur Darmkrebsvorsorge - wie ich“, sagt er darin. „Danach fühlt man sich besser.“

          Die Szene hat etwas von dem Moment, als Kerners Kollegin Andrea Kiewel bei ihm für Weight Watchers schwärmte und auf Nachfrage log, dass sie für solche Reklame selbstverständlich nicht bezahlt werde. Aber erstens stellt sich Kerner natürlich nicht so ungeschickt an. Und zweitens täte man ihm unrecht, wenn man ihm unterstellte, sein werbliches Engagement sei schuld daran, dass sich in der Sendung keine kluge, aufklärerische Diskussion über die Chancen und Risiken der Vorsorgeuntersuchungen entwickelte. Dazu braucht Kerner wirklich keinen Werbevertrag.

          In aller Zurückhaltung

          Die Früherkennungskritikerin Ingrid Mühlhauser hatte in Kerners Show eigens ein großes Glas mitgebracht, das 10.000 verschiedenfarbige Kugeln enthielt, die die Wahrscheinlichkeit darstellten, ob es für einen Menschen positive oder negative Folgen hat, wenn er sich vorsorglich auf Krebs untersuchen lässt. Damit wollte sie demonstrieren, dass die Dinge nicht immer so sind, wie uns unsere Intuition sagt. Kerner aber setzte der Wissenschaft etwas entgegen, das unmittelbarer wirkt: ein menschliches Schicksal, einen Einzelfall. Einen Gast im Studio, dem aufgrund einer Vorsorgeuntersuchung rechtzeitig eine Niere entfernt werden konnte, in der sich ein großer Tumor gebildet hatte. Kerner stellte diesen Mann nicht als Repräsentanten eines der Farbkügelchen in dem großen Glasgefäß vor.

          Er präsentierte ihn als Gegenargument. Es war nur konsequent, dass Kerner danach die Kritikerin mit ihrer rationalen Abwägung von Nutzen und Schaden wie eine bizarre Außenseiterin behandelte - und dass die Regie, während sie sprach, kopfschüttelnde Menschen im Publikum einblendete. Am Ende zitierte Kerner zwar noch eine Studie, wonach vier Fünftel aller Ärzte die Ergebnisse einer Brustkrebsuntersuchung falsch interpretieren. Aber er fügte hinzu, er sage das - auch so ein Kernerismus - „in aller Zurückhaltung“: „Das soll keine übertriebene Medizinkritik sein, ich finde Medizin nämlich interessant und toll.“

          So Kerners Fazit nach vierzig Sendeminuten zum Thema Vorsorgeuntersuchungen. Am Ende ging es nicht, wie in der aktuellen Titelgeschichte des „Spiegels“, dessen Infotainment-Tochter die Show produziert, darum, ob die Vorteile der Untersuchungen die Nachteile überwiegen. Kerner machte daraus das Thema, ob wir uns auch dann untersuchen lassen sollten, wenn es ein paar tausend Euro kostet.

          Trennungsgeschichten

          Die Frage, ob Kerner ein Moderator im ZDF sein sollte, ist nicht nur eine Frage des Geschmacks und der Sympathie. Es ist auch eine Frage, ob man von einem solchen Sender erwarten darf, die Menschen klüger zu machen und nicht dümmer.

          Spätestens zum Ende des Jahres - wenn es nach dem ZDF geht, schon früher - wird Kerner den Sender verlassen und aufhören zu sein, was er nie war: ein öffentlich-rechtlicher Moderator. Viele Gründe für die Trennung werden von der einen oder anderen Seite kolportiert oder auch nur von Journalisten hineininterpretiert. Besonders plausibel ist die Annahme, dass die Zusammenarbeit einfach eine Zumutung geworden war, für beide Seiten.

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