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Johannes B. Kerner : Das gesunde Mittelmaß

Immer nett lächeln: Johannes B. Kerner Bild: Zeichnung Martin Tom Dieck

Seit zehn Jahren steckt Johannes B. Kerner mit seiner Sendung ab, was im Lande als diskursfähig gilt, und hat eine Art deutscher Mentalitätsgeschichte geschrieben. Er ist populär, erfolgreich - und doch in mancher Hinsicht gescheitert.

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          Dieter Bohlen ist ein gern gesehener Gast bei Johannes B. Kerner. Kürzlich hat er dem Moderator tief in die Augen und in seine Seele geschaut. Wenn er in Kerners „kleine Äuglein“ blicke, so Bohlen, dann erkenne er, dass dieser glücklich sei. Kerner, der seinen Gästen selten widerspricht, schloss sich dem Urteil an. „Der Job hier macht richtig großen Spaß“, sagte er. „Er macht besonders viel Spaß, wenn man so einen angenehmen Gesprächspartner hat.“ Wieder einmal hatte das ZDF-Publikum jene spätabendliche Dosis Harmonie bekommen, die der Nachtruhe zuträglich ist.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es fällt nicht schwer, sich Johannes B. Kerner, geboren 1964 in Bonn, als glücklichen Menschen vorzustellen. Seine Hobbys sind Fußball, Kochen und deutsche Zeitgeschichte. Alle drei hat Kerner zum Beruf gemacht. Seit 1984 arbeitet er als Sportreporter, Freitagabends läuft „Kochen bei Kerner“, und an der Zeitgeschichte schreibt Kerner auf seine Art fleißig mit. Vor fast zehn Jahren hat der von Sat.1 abgeworbene Jungstar seine erste ZDF-Show moderiert: „Menschen 1997“. Am 2. Dezember sendet das ZDF Kerners „Menschen 2007“.

          Aussterbende Institution

          Die „Johannes B. Kerner Show“ startete am 15. Januar 1998, elf Tage nach der Premiere von „Sabine Christiansen“. Letztere Sendung wurde einst als Ersatzparlament geadelt. Auch Kerners Talk, der heute nur noch „Johannes B. Kerner“ heißt, nimmt die Rolle einer aussterbenden Institution ein, die des Marktplatzes. Viermal die Woche gibt es frische Ware, viel Hausmannskost, auch mal Exotisches. Es schaut vorbei, wer etwas anzupreisen hat, ein Buch, einen Film oder ein Charity-Projekt; Marktweiber tratschen und Marktschreier hauen auf die Pauke, am lautesten „Aale-Dieter“ Bohlen und „Bild“, das Blatt mit Standleitung in die Kerner-Redaktion. Der Chef selbst hat für jeden freundliche Worte übrig und stellt sicher, dass der Kunde mit nichts Verdorbenem konfrontiert wird.

          In rund 150 Sendungen pro Jahr findet nahezu jedes Thema Platz, das das Volk bewegt, und so hat Kerner eine Art deutscher Mentalitätsgeschichte geschrieben und als großer Integrator gewirkt: Nobelpreisträger, Verbrechensopfer, Altkanzler und Gangsta-Rapper ließen sich bei ihm nieder. In einer typischen Konstellation werden junge Verehrerinnen der Band „Tokio Hotel“, die ihren Idolen ins Studio folgten, von Roberto Blanco belehrt, ja nicht mit dem Rauchen anzufangen. Kerner ist populär, die personifizierte Massenkompatibilität. Nur die Kritik kann nicht mit ihm. Zu trivial sei die Show, heißt es, zu brav der Moderator, zu farblos, glatt, unterwürfig - und immer wieder: zu nett. „Ich schaffe“, hat Kerner sein Erfolgsrezept beschrieben, „eine entspannte Atmosphäre, in der die Gäste reden möchten.“ Eine Wellness-Oase, deren von Kerner sanft eingeölte Besucher die Kameras vergessen sollen, so dass sie am Ende alles ausplaudern. Pech, dass viele da schon abgeschaltet haben.

          Es geht ihn ja nichts an

          „Man wird ja wohl noch fragen dürfen“ lautete einst das Motto seiner Sat.1-Talkshow. Diese selbstrechtfertigene Attitüde hat er beibehalten. Wenn's nach ihm ginge, würde er den Gästen gar nicht auf die Pelle rücken, doch es sei halt sein Job und die Zuschauer neugierig. „Es geht mich ja nichts an. Hab' mich nicht getraut zu fragen“, ruft er, wenn die Schauspielergattin Barbara Herzsprung bekennt, nach ihrer Trennung keinen neuen Partner zu haben. Danach fragt er nach ihren Gefühlen, als sie Fotos ihres Mannes mit einer „ich glaube deutlich jüngeren Frau“ sah. Natürlich weiß er, dass der Mittsechziger die Nähe einer Neunzehnjährigen suchte. Ein Moderator aber, der Fakten nur vermutet, spricht sich selbst vom Verdacht frei, nur ein Voyeur mehr zu sein.

          Viele Gäste haben einen Parforceritt über den Boulevard hinter sich und sitzen dem erwünschten Irrtum auf, sich nun in anderen Gefilden zu bewegen. So wird ausgerechnet bei Kerner ständig Medienkritik geübt. Selbst Bohlen darf über die von ihm selbst fabrizierten Schlagzeilen behaupten: „Da stimmt ja nichts, das ist alles Quatsch.“ Auch in diesem Jahr ist Bohlen Kerners Rekordgast gewesen. Am 16. Januar wurde er zweiundvierzig Minuten lang befragt, am 12. April sechsunddreißig und am 8. Mai zweiundvierzig Minuten. Am 1. November bestritt er allein fünfundsechzig Minuten. Das dürfen nur wenige, etwa Helmut Kohl, dem Kerner am Donnerstag viel Persönliches entlockte. Kritische Nachfragen indes simulierte er. „Zu den Klassikern gehört ja die Frage, ob die Spendernamen genannt werden“, sagte Kerner und signalisierte so, dass er keine Antwort erwartete. Politiker schätzen es, dass Amts- und Titelträger bei ihm Respekt genießen. Als Dieter Hildebrandt vom „Minister Söder“ spricht, ergänzt Kerner: „Dr. Söder!“ Frank Plasberg belehrt er: „Was heißt hier eigentlich: So'n Steinbrück? Wie reden Sie überhaupt über einen Bundesminister?“ Die demonstrative Ehrfurcht vor Autoritäten ist Teil der Strategie, sich rundum abzusichern. Bei ihm brennt, außer vielleicht in der Kochshow, nie etwas an.

          Ist das sinnvoll?

          Ungewöhnlich frech fragte Kerner den affärengeplagten Horst Seehofer: „Wann waren Sie zum letzten Mal beichten, und wie lang hat's gedauert?“ Der Offensivdrang fiel leicht bei dem Gast, über den das öffentliche Urteil gefällt war. Trotzdem waren mit dem Journalisten Michael Jürgs und der Klatschexpertin Katja Kessler zwei Kronzeugen geladen. Ähnlich verfuhr Kerner, als er die Anklage gegen den Rüpelrapper Bushido von einer CDU-Politikerin formulieren ließ. Am Ende fragte Kerner einen Psychologen: „Ist es sinnvoll, dass man so ein Gespräch führt?“ Der Fachmann, der mitdiskutiert hatte, bejahte. Bei Kerner herrscht Konsens.

          Ende 2004 erwiderte er auf die Frage, wo er sich in zehn Jahren sehe: „Ich möchte nicht mehr Marke, sondern Markierungspunkt sein.“ Das hat er schon erreicht. „JBK“ steckt die Grenzen dessen ab, was diskursfähig ist, und verkörpert das gesunde Mittelmaß der Gesellschaft. Nur einmal hat er sich grob verschätzt, als er die verlorene Tochter Eva Herman zurück in den Schoß der Fernsehfamilie holen und ihr die wirren Gedanken austreiben wollte. Es muss ein Schock für ihn gewesen sein, dass die Mehrheit ihn danach nicht als Kämpfer für Zivilcourage feierte, sondern den Studioverweis als Nachtreten gegen eine schon schwer angeschlagene Gegnerin wertete, die so ganz unverdient zur Symbolfigur vermeintlich unterdrückter Meinungsfreiheit avancierte.

          Kampf gegens Image

          Immerhin wird man ihm nicht mehr leichtfertig vorwerfen, nett zu sein. Er hat hart daran gearbeitet, das Image loszuwerden, und sich in Interviews patzig, arrogant und selbstgerecht gezeigt: „Besser geht's nicht, ich habe alles richtig gemacht.“ Kritiker hält er für böswillige Neider. Die Dünnhäutigkeit ist Indiz dafür, dass Kerner doch nicht uneingeschränkt glücklich ist in seinem Berufsleben. Es gibt da eine Liste uneingelöster Ambitionen. Er wollte sonntags gegen Christiansen antreten und montags gegen Beckmann, er wollte Harald Schmidt zu sich locken, der ihn ignoriert, und bringt sich hartnäckig für eine politische Talkshow ins Gespräch. Kein Wunsch erfüllte sich.

          Sein Gast Frank Plasberg wollte unlängst wissen, ob er Eva Herman nochmals genauso behandeln würde. „Ja, kann ich Ihnen bei Gelegenheit ernsthaft beantworten“, erwiderte Kerner und meinte: nicht bei dieser Gelegenheit. Dann sprach er vom „täglichen Lernprozess“ und davon, dass seine Redaktion und er „sehr ehrlich zu uns selber“ seien. Es ist schon in Ordnung, ihm den Polittalk zu verweigern. Um glaubwürdig die Phrasen von Politikern zu entwirren, scheint denkbar ungeeignet, wer selbst exakt dieselben Floskeln verwendet.

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