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Johannes B. Kerner : Das gesunde Mittelmaß

Viele Gäste haben einen Parforceritt über den Boulevard hinter sich und sitzen dem erwünschten Irrtum auf, sich nun in anderen Gefilden zu bewegen. So wird ausgerechnet bei Kerner ständig Medienkritik geübt. Selbst Bohlen darf über die von ihm selbst fabrizierten Schlagzeilen behaupten: „Da stimmt ja nichts, das ist alles Quatsch.“ Auch in diesem Jahr ist Bohlen Kerners Rekordgast gewesen. Am 16. Januar wurde er zweiundvierzig Minuten lang befragt, am 12. April sechsunddreißig und am 8. Mai zweiundvierzig Minuten. Am 1. November bestritt er allein fünfundsechzig Minuten. Das dürfen nur wenige, etwa Helmut Kohl, dem Kerner am Donnerstag viel Persönliches entlockte. Kritische Nachfragen indes simulierte er. „Zu den Klassikern gehört ja die Frage, ob die Spendernamen genannt werden“, sagte Kerner und signalisierte so, dass er keine Antwort erwartete. Politiker schätzen es, dass Amts- und Titelträger bei ihm Respekt genießen. Als Dieter Hildebrandt vom „Minister Söder“ spricht, ergänzt Kerner: „Dr. Söder!“ Frank Plasberg belehrt er: „Was heißt hier eigentlich: So'n Steinbrück? Wie reden Sie überhaupt über einen Bundesminister?“ Die demonstrative Ehrfurcht vor Autoritäten ist Teil der Strategie, sich rundum abzusichern. Bei ihm brennt, außer vielleicht in der Kochshow, nie etwas an.

Ist das sinnvoll?

Ungewöhnlich frech fragte Kerner den affärengeplagten Horst Seehofer: „Wann waren Sie zum letzten Mal beichten, und wie lang hat's gedauert?“ Der Offensivdrang fiel leicht bei dem Gast, über den das öffentliche Urteil gefällt war. Trotzdem waren mit dem Journalisten Michael Jürgs und der Klatschexpertin Katja Kessler zwei Kronzeugen geladen. Ähnlich verfuhr Kerner, als er die Anklage gegen den Rüpelrapper Bushido von einer CDU-Politikerin formulieren ließ. Am Ende fragte Kerner einen Psychologen: „Ist es sinnvoll, dass man so ein Gespräch führt?“ Der Fachmann, der mitdiskutiert hatte, bejahte. Bei Kerner herrscht Konsens.

Ende 2004 erwiderte er auf die Frage, wo er sich in zehn Jahren sehe: „Ich möchte nicht mehr Marke, sondern Markierungspunkt sein.“ Das hat er schon erreicht. „JBK“ steckt die Grenzen dessen ab, was diskursfähig ist, und verkörpert das gesunde Mittelmaß der Gesellschaft. Nur einmal hat er sich grob verschätzt, als er die verlorene Tochter Eva Herman zurück in den Schoß der Fernsehfamilie holen und ihr die wirren Gedanken austreiben wollte. Es muss ein Schock für ihn gewesen sein, dass die Mehrheit ihn danach nicht als Kämpfer für Zivilcourage feierte, sondern den Studioverweis als Nachtreten gegen eine schon schwer angeschlagene Gegnerin wertete, die so ganz unverdient zur Symbolfigur vermeintlich unterdrückter Meinungsfreiheit avancierte.

Kampf gegens Image

Immerhin wird man ihm nicht mehr leichtfertig vorwerfen, nett zu sein. Er hat hart daran gearbeitet, das Image loszuwerden, und sich in Interviews patzig, arrogant und selbstgerecht gezeigt: „Besser geht's nicht, ich habe alles richtig gemacht.“ Kritiker hält er für böswillige Neider. Die Dünnhäutigkeit ist Indiz dafür, dass Kerner doch nicht uneingeschränkt glücklich ist in seinem Berufsleben. Es gibt da eine Liste uneingelöster Ambitionen. Er wollte sonntags gegen Christiansen antreten und montags gegen Beckmann, er wollte Harald Schmidt zu sich locken, der ihn ignoriert, und bringt sich hartnäckig für eine politische Talkshow ins Gespräch. Kein Wunsch erfüllte sich.

Sein Gast Frank Plasberg wollte unlängst wissen, ob er Eva Herman nochmals genauso behandeln würde. „Ja, kann ich Ihnen bei Gelegenheit ernsthaft beantworten“, erwiderte Kerner und meinte: nicht bei dieser Gelegenheit. Dann sprach er vom „täglichen Lernprozess“ und davon, dass seine Redaktion und er „sehr ehrlich zu uns selber“ seien. Es ist schon in Ordnung, ihm den Polittalk zu verweigern. Um glaubwürdig die Phrasen von Politikern zu entwirren, scheint denkbar ungeeignet, wer selbst exakt dieselben Floskeln verwendet.

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